18.11.2009 · Das eine sind die politischen Ziele, das andere sind die gesellschaftlichen und universitären Folgen: Amerika rechnet und redet über die Frage, wie viele Akademiker das Land braucht. Schadet der College-Besuch dem Staat und der Wirtschaft?
Von Thorsten GräbeDem Mantra, dass Deutschland mehr Studenten brauche, bleibt auch die neue Bundesregierung treu. In ihrem Koalitionsvertrag setzten sich CDU, CSU und FDP das Ziel, „die Studienanfängerquote weiter zu steigern“, und in der Aussprache des Bundestags über die Regierungserklärung verwies Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) auf die von Bund und Ländern im Hochschulpakt vereinbarte Schaffung von 275000 zusätzlichen Studienplätzen. Angestrebt wird eine Studienanfängerquote von vierzig Prozent eines Jahrgangs. Der Bedarf des Arbeitsmarkts an Hochschulabsolventen wachse, lautet die Begründung. In den Vereinigten Staaten hat hingegen der „Chronicle of Higher Education“, ein auf akademische Belange spezialisiertes Wochenblatt, die für deutsche Ohren fast schon ketzerisch klingende Frage gestellt, ob es womöglich zu viele College-Studenten gebe.
Dabei sind hohe Studentenzahlen ein Anliegen, das für den demokratischen Präsidenten Barack Obama großes Gewicht hat. Nach seinem Amtsantritt formulierte er im Februar in einer Rede vor beiden Häusern des Kongresses den Anspruch, das Land solle 2020 den weltweit höchsten Absolventenanteil aufweisen. Dass der „Chronicle of Higher Education“ nun so nachdrücklich nach dem privaten und sozialen Nutzen eines College-Abschlusses fragt, ist allerdings weniger eine Kritik an Obamas Vorhaben als eine Reaktion auf die steigende Schuldenlast der Absolventen, deren Studium zudem immer öfter länger dauere als die vorgesehenen vier Jahre.
Vor diesem Hintergrund bat der „Chronicle“ neun Bildungsexperten um eine Einschätzung der Lage. Gleich als Erstes ging es darum, wer überhaupt ein College besuchen solle und wer nicht. Charles Murray vom konservativen American Enterprise Institute berief sich auf empirische Befunde, wonach nur zehn bis fünfzehn Prozent der Jugendlichen befähigt seien, in traditionellen geistes- und naturwissenschaftlichen Studienfächern mit der Note 2 oder besser abzuschließen. Für die Mehrheit der Jugendlichen sei ein vierjähriges Bachelor-Studium deshalb der falsche Weg. Marcus Winters vom ebenfalls als konservativ geltenden Manhattan Institute widersprach: „Dass nicht alle Studenten mit den Anforderungen im College mithalten können, sagt mehr über die Leistung unseres Schulwesens aus als über die kognitive Kompetenz amerikanischer Studenten.“
Die Nachteile des College-Besuchs
Genauso gespalten beurteilte die Expertenrunde die Bedeutung höherer Studentenzahlen für die Wirtschaft und die Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Der Wirtschaftswissenschaftler Bryan Caplan rechnete die Nachteile des College-Besuchs vor: „Wenn talentierte Menschen ermutigt werden, viele Jahre mit verschwenderischen Statuswettkämpfen zu verbringen, entgeht der Wirtschaft der Ertrag von Millionen Arbeitsjahren.“ Ein weiterer Wirtschaftswissenschaftler, Richard Vedder, ergänzte, dass staatliche Unterstützung für das Hochschulwesen stets ökonomischen Schaden anrichte; schließlich würden schwache Studenten in Vierjahresprogrammen landen, an denen sie dann doch scheiterten - „eine Verschwendung menschlicher und finanzieller Ressourcen“ und ein Verlust an Lebensqualität für die Betroffenen. Wieder war es Winters, der widersprach, indem er an den einstigen amerikanischen Bildungsvorsprung erinnerte, aus dem die weltweite wirtschaftliche Führungsrolle erst gefolgt sei.
Zu einem grenzübergreifenden Bild sollte auch die Frage des „Chronicle“ nach Unterschieden zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern beitragen. Darauf wollten zwar bezeichnenderweise nur drei der neun Teilnehmer eingehen, doch Alison Wolf, Professorin für Public Sector Management am King's College in London, nahm es auf sich, europäische Sichtweisen und Probleme umfassend darzustellen: „In vielen europäischen Ländern gibt es einen tiefverwurzelten Widerstand gegen die Idee, dass die Bürger für Bildung bezahlen sollen. Dabei bewirkt dieser Widerstand in Wirklichkeit, dass die (ärmeren) Steuerzahler den Kindern der Mittelklasse das Studium finanzieren.“ Das dürfte die Studenten in den besetzten Hörsälen durchaus interessieren.
Das Geld und die Moral
In den Vereinigten Staaten, wo an fast sechzig Privatuniversitäten die Kosten für das Studium mittlerweile mehr als 50.000 Dollar betragen, besitzen solche Geldfragen ohnehin eine andere Dringlichkeit. Dennoch sah der Karriereberater Marty Nemko keinen Grund, in die Studienfinanzierung mehr Mittel des Staates und privater Geldgeber (etwa der Alumni) einfließen zu lassen. Der Ausbau solcher Leistungen führe nur dazu, dass Studenten und ihre Familien die Kosteneffizienz des College-Besuchs weniger gründlich kalkulieren würden, während die Hochschulen auf eine höhere Unterstützung stets mit noch höheren Gebühren reagierten.
Gegen Ende erhielt die Diskussion gar eine ethische Dimension. Noch einmal Charles Murray: „Wir haben die moralische Pflicht, die heutige Bedeutung des Bachelor-Abschlusses im amerikanischen Alltag auszulöschen. Er gilt völlig grundlos als Ausweis einer Staatsbürgerschaft erster Klasse.“ Nicht weniger emphatisch, aber in eine andere Richtung argumentierte der Meinungsforscher Daniel Yankelovich, der amerikanische Aufstiegsideale betonte und damit an Benjamin Franklin denken ließ. Den Menschen Bildungsmöglichkeiten zu verweigern verstoße gegen den ungeschriebenen amerikanischen Gesellschaftsvertrag. „Das führt in der Öffentlichkeit zu Wut, Missgunst und politischen Unruhen. Umfragen belegen, dass diese Wut und diese Missgunst zunehmen.“ Ach, Amerika, du hast es auch nicht besser.