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Veröffentlicht: 28.05.2016, 15:22 Uhr

Streit um Mathe-Abitur Denken darf hier nur der Taschenrechner

Ein stumpfsinniger Stresstoleranztest: Niedersachsens Kultusministerium muss die Mathe-Klausuren der Abiturienten neu bewerten. Wie man es besser macht, zeigen die Finnen. Ein Gastbeitrag.

von Hans-Jürgen Bandelt und Hans-Jürgen Matschull
© dpa Mathematik ist nach Paul Lockhart „the music of reason“. In Niedersachsen hingegen leider eine Kakophonie stumpfer Befehle.

Das Mathematikabitur 2016 in Niedersachsen, das nun nach massiven Beschwerden weniger streng bewertet wird, muss für viele Betroffene, schwache wie starke Schüler, das Grauen gewesen sein. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt ließ gleich nach den ersten heftigen Protesten höchstpersönlich verlauten, dass die Aufgaben anspruchsvoll, aber vom Schwierigkeitsgrad leistbar gewesen seien und den Vorgaben entsprochen hätten. Das ist erstaunlich. Denn in fachlicher Hinsicht ist die zugrundeliegende Mathematik als einfach bis banal zu bezeichnen. Die Aufgabensteller scheuten jedoch keine Mühe, die simplen und rein schematisch lösbaren Aufgaben mit einem Textwust zu versehen, der Realitätsbezug und Anspruch vorspiegeln soll. Schwammige Formulierungen und Gedankensprünge taten ein Übriges. Hier ist der Beginn einer der Schreckensaufgaben:

„In einem Betrieb wird im Produktionsprozess ein Gas verbraucht. Dazu wird das benötigte Gas durch eine Leitung aus dem Gastank in die Produktionsstätte geleitet. Das hierbei pro Zeit durch die Leitung strömende Gas wird als Gasstrom bezeichnet. Dieser wird in Litern pro Stunde (L/h) gemessen, die Zeit in Stunden (h). Der Arbeitstag in dem Betrieb dauert 14 Stunden, am Ende des Arbeitstages wird das Ventil des Gastanks geschlossen.“

Nun soll der Prüfling den Betriebsleiter bei seinen Entscheidungen unterstützen. Dazu gibt es die Information aus „Langzeitmessungen“, wo genau zu jeweils vier Zeitpunkten (nach 0 h, 4 h, 6 h und 10 h) der Gasstrom bestimmt wurde und dass es zu zwei bestimmten Zeitpunkten (nach 2 h bzw. 12,2 h) „Spitzenwerte“ geben soll, deren Größe jedoch verheimlicht wird. Kann sich ein Prüfling einen Betrieb vorstellen, der in einer solchen Weise die Information über offenbar gemittelte kontinuierliche Messungen verstümmelt? Nein. Nun wird auch noch kundgetan, dass der Betriebsleiter eine Modellfunktion für den Gasstrom kennt, die ausgerechnet die folgende vom Himmel gefallene Gestalt hat:

–3t⁴ + 88t³ – 816t² + 2304t + 2000,

0 ≤ t ≤ 14

Die Kakophonie stumpfer Befehle

Wo ist die Modellierung? Das soll doch laut Mantra der Mathematikdidaktik der Schüler als Kompetenz nachhaltig können wollen müssen? Warum lässt man den Prüfling nicht aus den mickrigen Vorinformationen die ganzrationale Funktion vierten Grades selbst suchen – mit dem Rechner, weil er es nicht anders gelernt hat? Spätestens jetzt weiß der aufgeklärte Prüfling, dass es sich nur um eine mit Gas aufgeblasene Kurvendiskussion mit einer Liste von Zusatzfragen handelt. Selber rechnen und die Gasstory verstehen muss der Prüfling nicht. Nur Eintippen in den Rechner ist gefordert, also Wendepunkt angeben, ein Integral ausrechnen und vieles mehr – alles mit Gas vernebelt. Welche Einsichten hat der Prüfling danach gewonnen? Keine. Hat es wenigstens Freude bereitet? Nein. Der Abiturient muss nach dieser intellektuellen Folter denken: Mathe ist unendlich öde und stumpfsinnig, weil es nur eine Übersetzung von Textanweisungen in Rechnerbefehle erfordert. Das ist also der Stresstoleranztest einer kompetenzorientierten Prüfung.

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