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Islam-Studien an Universitäten : Spielräume aufgeklärten Glaubens

Wer bestimmt, wie Islam an der Universität gelehrt wird? Verbände wollen jedenfalls mehr Einfluss, als ihnen zusteht. Bild: AP

Die konservativen Moscheevereine attackieren die Zentren für islamische Studien: Ein Interessenkonflikt zwischen Verbänden und Universitäten.

          Vor zwei Wochen war Ahmad al Tayyeb, Großiman der Kairoer Azhar-Universität und größte religiöse Autorität der sunnitischen Welt, an der Universität Münster zu Gast. Zu dem Münsteraner Religionspädagogen Mouhanad Khorchide sagte er im freundschaftlichen Gespräch, der Islam stehe nur zu zehn Prozent fest. In Europa solle man diese Beweglichkeit nutzen. In einem Interview mit der F.A.Z. ließ Tayyeb sich kurz darauf anders vernehmen: Der Islam in Europa sei nicht anders als der in Ägypten. Verschieden seien nur die Bräuche, die Bedingungen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Tayyebs Schwanken ist charakteristisch für die Situation der islamischen Theologie in Deutschland. Die Freiheit, einen aufgeklärten Islam zu entwickeln, der Muslime nicht in den Gegensatz zu ihrer modernen Lebenswelt zwingt, ist nicht durch eine zentrale Glaubensautorität begrenzt, hängt aber von der Akzeptanz der Moscheegemeinden und Islamverbände ab. Die Lehrbefugnis an Schulen und Universitäten ist nach deutschem Recht an die Zustimmung der Religionsgemeinschaften gekoppelt. Weil der Islam nicht als Kirche organisiert ist, wendet sich der Staat behelfsmäßig an die Islamverbände, die aber keine religiösen Autoritäten sind. Die Theologen müssen ihre Curricula mit Laien abstimmen.

          Verbände und Theologen ohne Einigkeit

          Hier liegen die Interessen über Kreuz: Die meist konservativ ausgerichteten Verbände wollen die Deutungshoheit über den Islam keiner politisch gezähmten Theologie überlassen. Die Theologen wollen sich nicht als reines Integrationsprojekt verstanden wissen und die Inhalte des aufstrebenden Fachs nicht von Laien diktieren lassen. Islamische Theologie und Religionspädagogik studieren in Deutschland heute 1800 Studenten. Allein in Münster gab es im Herbst 1600 Neubewerber. Im Dezember beschloss der Bund, die Zentren für islamische Studien in Tübingen, Frankfurt, Münster-Osnabrück und Erlangen-Nürnberg auch in den nächsten fünf Jahren mit zwanzig Millionen Euro zu fördern. Berlin will eines aus eigener Kraft aufbauen.

          Die Machtbalance zwischen Wissenschaft und Verbänden ist an den Zentren unterschiedlich geregelt, die meisten haben Beiräte, in die Verbände ihre Vertreter schicken. In Erlangen wählt man die Beiräte individuell aus. Ihre Mitsprache beschränkt sich auf ein Vetorecht bei grundlegenden Glaubensverstößen und bezieht sich nicht auf Auslegungsfragen. Im Einzelfall ist die Unterscheidung umstritten. „Die Verbände versuchen immer, inhaltlich mitzubestimmen. Sie meinen, sie könnten sich ihre Professoren aussuchen“, sagt die Münsteraner Rektorin Ursula Nelles. In Münster kam es zur Machtprobe, als vom Verfassungsschutz beobachtete Verbandskandidaten für den Beirat abgelehnt wurden. Seither blockieren die Verbände die Arbeit. Wichtige Entscheidungen, wie die Berufung des Assistenzprofessors Ahmad Milad Karimi, mussten aufgeschoben werden. Karimis Fall könnte sich jetzt wenden: Nach jahrelangem Moratorium will sich ein Beirat Ende April konstituieren.

          Das Dilemma der Interessen

          Vor vier Jahren kam es in Münster zum exemplarischen Streit, als Verbandsvertreter die liberale Koran-Interpretation von Mouhanad Khorchide attackierten und mit einem Gutachten dessen Absetzung forderten. Die Äußerungen der Verbandsvertreter dokumentierten damals unzweideutig den Anspruch, allein über den Glauben zu bestimmen. Von anderen Universitäten sind vergleichbare Fälle nicht bekannt. Es wird mit großer Vorsicht über das Thema gesprochen. Einerseits will man sich als Integrationsmodell bewähren, gleichzeitig ist man auf die Verbände als spätere Arbeitgeber für Imame und Seelsorger angewiesen. Hinter vorgehaltener Hand spricht man von massiven Problemen und bittet, kritische Äußerungen zu entschärfen. So habe ein Verbandsvertreter der unter türkischer Aufsicht stehenden „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (Ditib) den Lehrstuhl einer Dozentin für sich gefordert - noch bevor diese einen hatte.

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