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Arndt-Streit in Greifswald : Wo die Vernunft gefühlten Wahrheiten weicht

Ernst Moritz Arndt am Rubenow-Denkmal vor der Universität Bild: dpa

In Greifswald proben empörte Bürger den Aufstand gegen die Namensänderung der Universität. Dabei geht es längst nicht mehr um den Rassismus Ernst Moritz Arndts – sondern um Identität.

          Eine große Deutschlandfahne weht vor der Kamera. Melodramatische Klaviermusik ertönt. Amateurhafte Videobilder zeigen eine kleine Menschenmenge, die sich auf dem Greifswalder Marktplatz versammelt hat. Bürger der Stadt sind zu sehen, überall betroffene Gesichter, ernst und – das sollen die emotionalen Klaviertöne wohl vermitteln – doch voller Hoffnung auf Veränderung. Das Video der Facebook-Gruppe „Für den Namenspatron Ernst Moritz Arndt“ zieht alle Register. Es zeigt eine Kundgebung von Arndt-Anhängern, die am vorvergangenen Wochenende in Greifswald stattfand. Zu den Rednern gehören Mitglieder der AfD, darunter der umstrittene Rechtsprofessor Ralph Weber, und Anhänger der ortsnahen Pegida. Auf einem Pappschild steht: „Arndt ist Pommer und einer von uns.“

          Seit dem Beschluss des Akademischen Senats, dass die Universität den Namen Ernst Moritz Arndt ablegen wird, probt die Kleinstadt im Nordosten der Republik den Aufstand. Es wurde eine Bürgerinitiative gegründet, die unter dem Namen „Ernst Moritz Arndt bleibt“ eine neue Urabstimmung unter allen Studenten erwirken will. Diverse Facebook-Gruppen schlossen sich zusammen und führen mit Parolen wie „Arndt ist unser Ernst“ den digitalen Kampf gegen die Universität, eine „Arndt-Woche“ wurde ausgerufen, weitere Proteste sind angekündigt. „Es kann nicht sein das irgendwelche Hansels drüber entscheiden können wie und was geändert wird, wir Greifswalder leben hier und da haben wir ein Wort mit zu reden“, schreibt einer auf Facebook. „Wem der Name nicht passt, kann gerne anderweitig studieren!“, kommentiert ein anderer.

          Der Zorn der Bürger gilt den „Zugereisten“

          Viele Einwohner folgten dem Aufruf der Bürgerinitiative, Rosen am Greifswalder Rubenow-Denkmal für Arndt niederzulegen. Anhänger der „Identitären Bewegung“ setzten vor der Universität einen Gedenkstein für den einstigen Namenspatron, die AfD schloss sich den Identitären bei einer Mahnwache für Arndt an. Nicht jeden erfreut, dass im Protest gegen die Namensablegung die Grenzen zwischen dem rechtsextremen und einem gemäßigteren Lager verschwimmen. Die Einigkeit im Feindbild bleibt dennoch bestehen.

          Die „Ostsee-Zeitung“ erklärte in einem „großen Faktencheck“, der kaum diesen Namen verdient, worum es geht: Demnach spielt die Herkunft der Mitstreiter eine besondere Rolle. Das Lokalblatt unterscheidet zwischen Einheimischen, „Wessis“ und „Zugereisten“. Die „Zugereisten“, unter denen es viele Befürworter Arndts gebe, seien „Personen, die zwar aus dem Osten, aber nicht aus der Region Greifswald kommen“. Selbst einige „Wessis“ sprächen sich für Arndt aus. Für die protestierenden Einwohner steht indes fest: Ihnen wird von „Zugezogenen“ ihre Identität und ihr Stolz genommen, von überheblichen Studenten und Wissenschaftlern aus dem Westen, die die Stadt früher oder später wieder verlassen.

          Die Hochschulautonomie wird ignoriert

          Am Protestwochenende bildeten rund sechshundert Bürger eine Menschenkette um das Rathaus und das Hauptgebäude der Universität. „Wir wollen Arndt zurück“, skandierten die vorrangig älteren Menschen. Sehr häufig ist in diesen Tagen zu hören, dass die Greifswalder sich nicht nur mit Arndt identifizierten, sondern auch mit „ihrer“ Universität, die ihnen mit der Namensablegung weggenommen werde. „Als würde es darum gehen, den Standort der Universität ans andere Ende der Welt auszulagern“, bemerkt ein Hochschullehrer der naturwissenschaftlichen Fakultät. Für eine Region, die bislang kaum durch eine besondere Bildungsaffinität ihrer Einwohner aufgefallen ist, erstaunt dieses Ausmaß an vermeintlicher oder tatsächlicher Identifikation mit der Universität einigermaßen. Dass es eine Hochschulautonomie gibt und die Bürger nach geltendem Recht nicht über Belange der Universität zu entscheiden haben, scheint kaum jemanden zu beeindrucken. Leitendes Handlungsmotiv sind gefühlte Wahrheiten. Nach Einschätzung des Greifswalder Historikers Thomas Stamm-Kuhlmann gehört dazu die Auffassung, die Aufgabe der Universität bestehe vorrangig in der Traditionspflege – und nicht darin, das Urteilsvermögen zu schulen.

          Der Namensstreit schwelt in Greifswald seit fast zwanzig Jahren. Die Argumente blieben meist dieselben, emotional besetzt war das Thema schon immer. Gleichwohl sind viele überrascht von den scharfen Reaktionen auf die Senatsentscheidung. „Das hat mit öffentlichem Vernunftgebrauch nichts mehr zu tun“, sagt eine Greifswalder Bürgerin. Nicht alle Einwohner der Stadt teilen die Kritik an der Namensablegung. Viele Studenten und auch einige Dozenten protestieren: „Lieber zugezogen als ungezogen“, lautete eines ihrer Schilder, mit denen sie sich zur Gegendemonstration versammelten.

          Gerüchte über eine Kostenexplosion

          Den hohen Grad der Uninformiertheit nehmen auch sie wahr. Gerüchte ziehen durch die Stadt. Eine Medizinstudentin erzählt, dass durch die Kosten der Namensablegung Entlassungen drohten und die Hygieneartikel für die Patienten bald ausgingen – das höre man in der Uniklinik, und das glaube sie auch. „Das wird nicht 300.000 kosten, das wird drei Millionen kosten“, glaubt eine andere Arndt-Anhängerin zu wissen. Die Universitätsleitung stellt auf ihrer Website „wider die Legendenbildung“ klar, dass mit Kosten in Höhe von 80.000 Euro gerechnet werde.

          Doch rationale Argumente bleiben in dem Streit eine Seltenheit. Es herrschen rauhe Töne vor, von „Bilderstürmern“ und „Geschichtsexorzismus“ ist in den sozialen Netzwerken die Rede, von „vaterlandslosen Gestalten“ und einem „schändlichen Vorgehen“, indem „am Bürger vorbei“ entschieden worden sei. Die Universität zeigt sich besorgt. Rektorin Johanna Weber rief zur Besonnenheit auf. Einige Wissenschaftler fürchten um die Reputation des Standortes. Der Senatsbeschluss wird derzeit vom Kultusministerium Mecklenburg-Vorpommern geprüft. In Greifswald steht die repräsentative Demokratie unter Beschuss. Ein Optimist, wer glaubt, hier handelte es sich lediglich um eine Provinzposse.

          Quelle: F.A.Z.

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