06.11.2008 · Entwickelte sich die Sprachfähigkeit des Menschen aus dem Singen? Und wie kommt es, dass Menschen sprechen und singen, ihre nächsten Artverwandten jedoch nicht? Der amerikanische Evolutionsbiologe Tecumseh Fitch legte in Berlin seine Thesen zum Sprachursprung dar.
Von Thomas ThielZur Sprachentstehung äußerte sich Charles Darwin mit der gebotenen Vorsicht, wurde die Sprache doch immer wieder als hervorstechender Beleg für die evolutionsgeschichtliche Sonderstellung des Menschen angeführt. Die „Entstehung der Arten“ von 1859 enthielt sich daher noch jeder Spekulation. Erst in der „Abstammung des Menschen“ von 1871, als Darwin die Evolutionstheorie gegen alle vermeintlichen Ausnahmen verteidigte, brachte er auch eine Hypothese zum Sprachursprung.
Die menschliche Sprache, schrieb Darwin hier, sei aus dem Singen entstanden, die Musikalität so eine der bedeutendsten menschlichen Fähigkeiten. Über diese Ursprungstheorie hinausgreifend deutete Darwin an, dass auch die weitere Sprachentwicklung dem evolutionären Muster folgt, hin zu immer größerer Effizienz und immer geringerer neuromuskulärer Anstrengung bei der Kommunikation. Was schwer zu erlernen ist, fällt tendenziell weg. Stilistische Ambition wäre demnach nur eine zeitweilige Randerscheinung, wäre sie nicht wiederum eine Zier, die Intelligenz und Fitness signalisiert.
Am Anfang: Geste oder Laut
Aus dem Bereich der Evolutionsbiologie erhält Darwins Hypothese in den letzten Jahren Unterstützung. Tecumseh Fitch, Evolutionsbiologe an der schottischen Universität St. Andrews, stellte nun auf einer Berliner Tagung Belegmaterial vor, das es, wie er meinte, zumindest nicht absurd erscheinen lassen sollte, von Darwins Sprachursprungshypothese aus dem Gesang auszugehen. Zwei Erklärungsmodelle einer Frühsprache stehen in der Forschung einander gegenüber: Das eine geht vom zeitlichen Vorrang der Gesten aus, die nach und nach mit Bedeutungen belegt und später in einer Syntax zu komplexen, hierarchisierten Einheiten geformt wurden. Die stimmliche Äußerung dieser Aussagen käme demnach zuletzt. Das andere Modell geht den umgekehrten Weg: An den Anfang der Sprachentwicklung setzt sie den noch bedeutungslosen Laut, der sich zu bedeutungsbehafteten, einfachen Äußerungen weiterentwickelte, die schließlich an Komplexität gewannen und in eine syntaktische Ordnung eingegliedert wurden. Vor dem bedeutungsvollen Sprechen war demzufolge das reine Vokalisieren.
Wie kann die erste Hypothese erklären, dass die nächsten tierischen Verwandten des Menschen, die Schimpansen, sich zwar mit Gesten untereinander verständigen können, dass alle Bemühungen, sie zur Musikalität oder zum Sprechen zu erziehen, jedoch in undifferenzierten Lautäußerungen steckenblieben? Dem Vogel, auch Seehunden und Walen, ist das Sprechen und Singen hingegen in mehr oder weniger elaborierter Form gegeben, obwohl sie dem Menschen entwicklungsgeschichtlich ferner stehen. Die Frage führte Fitch zu den stimmphysiologischen Voraussetzungen der Sprache und damit zur ersten Hypothese.
Molekularbiologische Daten
Ein Blick auf den Vokaltrakt erklärt den Vorsprung des Menschen gegenüber seinem nächsten Artverwandten. Er zeigt beim Menschen eine wesentliche Fortentwicklung. Sein Kehlkopf wanderte immer weiter nach unten und ermöglichte die Ausbildung einer Feinmotorik, die für das Hervorbringen komplexer Laute erforderlich ist. Je länger der Vokaltrakt, desto größer der Resonanzraum und die sprachliche Modulationsfähigkeit. Beim Schimpansen hingegen blieb der Kehlkopf dicht unterhalb des Nasenraums, vergleichbar etwa dem eines Kindes bis zum vierten Lebensjahr.
Der Unterschied zwischen menschlichem Sprachvermögen und dem des Affen lässt sich seit einigen Jahren auch auf molekularbiologischer Ebene zurückverfolgen. Forschern des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie gelang der Nachweis, dass der Genabschnitt FoxP2, der an der Sprachregulation maßgeblich beteiligt ist, beim modernen Menschen seit der Abspaltung der Art vom Schimpansen zwei wichtige Mutationen durchlaufen hat. Auch beim Singenlernen der Vögel spielt FoxP2 eine wichtige Rolle. Dem Vogel fehlt wiederum die Fähigkeit, grammatikalische Strukturen zu verstehen, weshalb es dann meist auch beim Singen bleibt.
Genmutationen allein genügen nicht
Weder der tiefliegende Kehlkopf noch das vorschnell als „Sprachgen“ bezeichnete FoxP2 allein liefern eine ausreichende Erklärung der menschlichen Sprachfähigkeit. Es gibt Tiere mit tief liegendem Kehlkopf, die nie als Sprachtalente hervortraten. Und es gibt sprachunbegabte Tiere mit FoxP2, was darauf hindeutet, dass es für die Entwicklung der Sprechfähigkeit auf die spezifische Variante des Gens ankommt und auf das Zusammenspiel vieler, auch kultureller Faktoren. Zumal der Neandertaler das identische Fox-P2 mit dem Homo sapiens teilt, seinerseits aber keine Tendenz zur Entwicklung von symbolischen Ausdrucksformen zeigte. Wer seine Sprache elaborieren will, sollte auch etwas zu sagen haben.
Die Genmutation wäre auch nur eine Bedingung der Sprechfähigkeit und noch nicht eine ausreichende evolutionstheoretische Erklärung für die Sprachentstehung. Welche evolutionäre Notwendigkeit brachte den Menschen dazu, sich phonetisch immer variantenreicher zu artikulieren? Hierzu gibt es mehrere Erklärungsansätze, etwa das männliche Verlangen, dem Geschlechtspartner mit möglichst vielseitigem und originellem Gesang zu imponieren. Und welche kognitive, symbolische Entwicklung korrelierte diesem Prozess? Die Bedeutungsebene, so Fitch, kam erst später hinzu. Erst ging es darum, sich möglichst komplex auszudrücken, dann wurden die Lautketten mit Weltbezügen aufgefüllt. Das Votum für diese Reihenfolge könnte auch daran liegen, dass die Untersuchung der mentalen Voraussetzungen der Sprachentwicklung traditionell schwieriger ist als die der anatomischen.