Vergangenen Dezember erschien im Wissenschaftsjournal „Science“ unter dem Titel „Saudi Universities Offer Cash in Exchange for Academic Prestige“ (9. Dezember, Band 334, 6061, DOI: 10.1126/science.334.6061.1344) ein Bericht über die Bemühungen saudi-arabischer Universitäten ihre akademische Bekanntheit zu vergrößern. Der Autor Yudhijit Bhattacharjee äußerte darin den Vorwurf, vor allem zwei Universitäten, in dem Königreich - die King Abdulaziz University (KAU) in Dschidda und die King Saud University (KSU) in Riad - hätten in den letzten Jahren erhebliche finanzielle Mittel eingesetzt, um renommierte westliche Forscher als Gastprofessoren nach Saudi-Arabien zu locken. Im Vordergrund stünden dabei, so die Stoßrichtung des Artikels, nicht ernsthafte, nachhaltige Investitionen, um eine konkurrenzfähige Forschung aufzubauen. Viel mehr gehe es den saudischen Wissenschaftsmanagern darum die „Sichtbarkeit in wissenschaftlichen Zeitschriften“ durch die großen Namen zu erhöhen und über die mit den Gastprofessuren steigende Anzahl an Zitierungen den Rang in internationalen Hochschulrankings zu verbessern.
Die Zahlen, die in dem Artikel genannt werden, scheinen diesen Verdacht zu stützen: Noch im Jahr 2008 gab es unter den Top 500 des Shanghai-Rankings der Universitäten der Welt keine Saudi Arabische Institution. Im Ranking von September 2011 schaffte es die KSU bereits unter die besten dreihundert Hochschulen. Der Vorwurf, den Yudhijit Bhattacharjee in seinem Artikel erhebt: Diese Verbesserung gehe nicht auf eine gestiegene Forschungsleistung der Saudis zurück, sondern stelle lediglich eine Verzerrung der Rankings dar, ausgelöst durch die Anwerbung erfolgreicher und daher häufig zitierter Forscher aus dem Ausland.
„Wissenschaftliche Entwicklungshilfe“
Laut dem „Science“-Bericht war im vergangenen Jahr vor allem die KAU fleißig im Anwerben ausländischer Forscher. Besonders gefragt bei den Saudis scheinen solche Forscher zu sein, die Teil einer Liste des amerikanischen Medienkonzerns Thomson Reuters sind. Dieser führt auf der Website highlycited.com häufig zitierte Wissenschaftler auf.
Die Website theaustralian.com der größten bundesweiten australischen Tageszeitung veröffentlichte am 21. März 2012 eine Liste von sechzig häufig zitierten Forschern, die innerhalb des letzten Jahres zu „distinguished scientists“ an der KAU ernannt wurden. Einigen dieser Forscher seien nach Angaben von Science „aus heiterem Himmel“ E-Mails der KAU zugegangen, denen bereits ein hochdotierter Vertrag für wenige Wochen jährlichen Aufenthalts an der saudischen Uni angehängt war. Was der Vertrag unter anderem forderte, war die Ergänzung des jeweiligen Eintrags in der Liste häufig zitierter Forscher um die KAU als Zweituniversität.
Dreizehn dieser sechzig kürzlich angeworbenen Forscher sind Deutsche. Sieben der deutschen Wissenschaftler waren zu einer Stellungnahme gegenüber der F.A.Z. bereit. Sie begründen ihre Motivation vor allem mit zwei Argumenten: „Wissenschaftliche Entwicklungshilfe“ solle man, wo immer sie noch nötig ist, leisten. Außerdem bestehe durch die Kooperation die Möglichkeit, Geld für interessante Forschung zu bekommen. Zumal es im Wissenschaftsbetrieb gang und gäbe sei, im „weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe“ finanzielle Mittel in die Waagschale zu werfen.
Sie wollen wirklich in Wissenschaft investieren
Hans Bohnert, emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie an der University of Illinois in Urbana-Champagne, fasst das so zusammen: „Heute gibt es Orte auf der Welt, wo Geld zur Verfügung steht - Asien und der Mittlere Osten. Die tun jetzt das, was westliche Länder bereits in der Vergangenheit getan haben, weil sie nun über die nötigen Mittel verfügen.“ Er selbst habe nicht etwa unerwarteterweise eine E-Mail aus Saudi-Arabien bekommen. „Ich kenne einen Experten für Weizenzucht an der KAU, den ich seinerzeit in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal getroffen habe. Der hat mich wegen einer Kooperation mit seiner Universität angesprochen.“
Auch der Eindruck, es gehe nicht um ernsthafte wissenschaftliche Zusammenarbeit, sei falsch, so der Tenor. Claus Michael Ringel, emeritierter Mathematik-Professor von der Universität Bielefeld, will ab kommendem Herbst eine saudische Forscherin bei sich betreuen. „Sie wird für zwei Jahre nach Bielefeld kommen, um sich - im Anschluss an meine KAU-Vortragsreihe Anfang dieses Jahres - in die Darstellungstheorie von Köchern einzuarbeiten.“ Ringel hält auch Gastprofessuren an zwei chinesischen Universitäten. Diese tauchen aber nicht als Arbeitgeber des Mathematikers in der Liste von Thomson Reuters auf.
Lothar Willmitzer, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam, hat seit seiner Vertragsunterzeichnung mit Unterstützung der KAU drei internationale Forschungsprojekte angestoßen. Zwei davon wurden von der saudischen Uni schon genehmigt. Außerdem plant er mit sechs internationalen Kollegen den Aufbau eines „Center for Excellence in Omics Technologies“ über einen Zeitraum von fünf Jahren. Das Projekt hat ein Volumen von zwanzig Millionen Dollar. „Ich gebe dieses Beispiel insbesondere deshalb, da es die Ernsthaftigkeit der Saudis zeigt, wirklich in Wissenschaft zu investieren“, sagt Willmitzer.
„Kein vernünftiger Headhunter würde so vorgehen“
Während seines ersten Aufenthalts in Dschidda im Januar dieses Jahres war auch der „Science“-Artikel ein Thema. Seine saudischen Kollegen hätten „bestürzt bis wütend“ darauf reagiert. „Man fühlte sich schlicht sehr ungerecht behandelt angesichts der Tatsache, dass nun endlich Bewegung in das saudi-arabische Wissenschaftsystem gekommen sei und dass dieses unter dem Stereotyp ,dumm, aber reich’ eingeordnet werde.“ Andere Argumente gingen weiter und ordneten den Artikel der vermeintlichen Islamophobie der westlichen Welt zu. „Ein saudischer Wissenschaftler sprach davon, dass (und ich zitiere) ,die Tatsache, dass ein islamischer und dazu noch finanziell potenter Staat plant, in die christlich-jüdisch dominierte Domäne der Naturwissenschaften einzubrechen’ der entscheidende Grund für diesen Artikel war“, schildert Willmitzer.
Am 5. März meldete die Website der Zeitung „Arab News“, die laut Wikipedia „führende Quelle für Nachrichten in englischer Sprache, die aus einer arabischen Perspektive berichtet“ und in Dschidda erscheint, „Science“ hätte sich für den Artikel von Dezember entschuldigt. Colin Norman, leitender Nachrichten-Redakteur bei „Science“ dementierte gegenüber dieser Zeitung prompt: „Es gab keine Entschuldigung. Gegenteilige Behauptungen in saudischen Medien entbehren, um es freundlich auszudrücken, jeder Grundlage.“ Der fragliche Artikel auf arabnews.com war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Berichts nicht mehr online abrufbar.
Jürgen Schmitts Name ist nicht unter den dreizehn deutschen Forschern. Der Astronom von der Sternwarte Hamburg hat ein Engagement an der KAU abgelehnt. „Ich erhielt unerwartet E-Mails von der saudischen Universität, sogar zweimal. Das war etwa Mitte letzten Jahres. Die E-Mails waren unpersönlich, ein Vertrag war gleich angehängt und hätte nur unterschrieben werden müssen.“ Auch Schmitt wird von Thomson Reuters als häufig zitierter Wissenschaftler geführt. Die E-Mails hat er umgehend gelöscht: „Ich fand die Anfrage sehr merkwürdig. Ich kannte und kenne niemand dieser Leute. Mich erinnerte das Ganze an eine spam mail. Kein vernünftiger Headhunter würde so vorgehen.“ Sein Ruf war Schmitt wichtiger als ein auskömmliches, aber fragwürdiges Engagement in Saudi Arabien: „Das Ganze sah doch reichlich unseriös aus. Schließlich habe ich einen guten Namen in der Community und bin nicht käuflich.“
Ein Monat Anwesenheit, sechs bis zehn Artikel
Hätte Schmitt den Vertrag gelesen, wäre ihm vermutlich ein ähnliches Angebot unterbreitet worden wie seinem Kollegen George Miley, Astronom an der Universität Leiden. In seinem Vertrag, der dieser Zeitung gemeinsam mit einem Bericht Mileys unter dem Titel „Ein teuflisches Dilemma“ vorliegt, werden dem Wissenschaftler 6000 Dollar monatlich für einen Zeitraum von zwölf Monaten geboten. Dafür hätte Miley mindestens einen Monat an der KAU verbringen müssen. Vor allem aber verlangt der Vertrag, dass Miley die KAU auf der Website highlycited.com als zweiten Arbeitgeber angibt, „um die weltweite Sichtbarkeit der KAU zu erhöhen“. Außerdem solle der Professor „sein Bestes tun, um während des Vertragszeitraums sechs bis zehn wissenschaftliche Artikel in ISI-Zeitschriften zu veröffentlichen“. ISI - das Institute for Scientific Information - wird ebenfalls von Thomson Reuters betrieben und misst, wie häufig die Artikel eines Forschers zitiert werden. Miley hat das Angebot ebenfalls abgelehnt.
Bezüglich einer Anfrage an die KAU wegen der Auswahlkriterien und der Anwerbepraxis für die Gastprofessoren verwies Mahmoud Nahas, Professor für Ingenieurwissenschaften und Berater des KAU-Vize-Präsidenten für das Graduiertenstudium und die wissenschaftliche Forschung, auf eine Website. Diese ging erst am 12. Mai 2012 - nach der Anfrage der F.A.Z. - online. Sie nennt bei der Auswahl der Forscher für das „Distinguished Scientist“-Programm als potentielle Kandidaten solche mit einer „herausragenden akademischen Bilanz“, die sich durch die Qualität der Veröffentllichungen, internationale Preise, Patente und die Bereitschaft zum Wissens- und Technologietransfer bestimmt.
So weit, so selbstverständlich. Einrichtungen der Universität, die sich für die Zusammenarbeit mit einem „Distinguished Scientist“ interessierten, sollten den Kontakt zum Wunsch-Wissenschaftler selbst herstellen, sofern dieser die Kriterien erfüllte. Ob gezielt Forscher aus der Thomson Reuters-Liste mit Spontan-E-Mails angeschrieben wurden, beantwortete Mahmoud Nahas ebenso wenig wie die Frage nach einer Einschätzung des „Science“-Artikels oder der Falschmeldung auf arabnews.com.
Eine klare Sache
Einige der kürzlich ernannten deutschen Gastprofessoren haben bereits auf Veröffentlichungen, die seit Frühsommer letzten Jahres eingereicht wurden, die KAU als ihre Zweituni angegeben. Der renommierteste unter ihnen ist wohl Helmut Schwarz, Professor für Chemie an der Technischen Universität, Präsident der Alexander von Humboldt-Gesellschaft und mit einer langen Liste von Auszeichnungen für seine Arbeit im Bereich der Massenspektroskopie geehrt. Im vergangenen Februar steckte ihm Bundesforschungsministerin Annette Schavan das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ans Revers. Auf mehrfache Anfragen der F.A.Z. mit Bitte um eine Stellungnahme reagierte Schwarz nicht.
Inwieweit die Arbeit für seine Veröffentlichungen in wissenschaftlichem Zusammenhang mit dem etwa gleichzeitig entstandenen Engagement in Saudi-Arabien steht, ist eine Frage, zu der sich Lothar Willmitzer klar äußert. Auf vier von zwölf Publikationen hat er die KAU als Zweituni genannt: „Richtig ist, dass die Arbeit an der KAU nichts zu diesen Manuskripten beigetragen hat. Es ist aber auch richtig, dass ich an der KAU eine Professur einnehme und von daher zumindest formal die Möglichkeit der Zweitaffiliation korrekt ist. Entscheidend ist, dass keiner der Ko-Autoren von der KAU kommt, das wäre tatsächlich wissenschaftlich unethisch.“
Wenn Zweituni, dann meist eine saudische
Willmitzer erklärt diese ungewöhnliche Praxis mit einem Gefallen, den er seinem saudischen Kollaborationspartner angedeihen lassen wollte: „Ich kenne den für den Aufbau der Wissenschaft und den zu diesem Zeitpunkt für das gesamte Pflanzenprogramm an der KAU verantwortlichen Wissenschaftler sehr gut und schätze ihn als Forscher und Menschen. Er stand unter immensem Druck seitens der KAU-Leitung, und es war offensichtlich, dass ihm diese Publikationen helfen würden. Ich war seitens des Agreements mit der KAU weder verpflichtet, die KAU als Zweituni zu nennen, noch wurde ich dafür entlohnt. Wenn ich an einer Entlohnung interessiert gewesen wäre, hätte ich ja vermutlich die KAU bei allen Manuskripten angegeben.“
Willmitzers Eindruck von der wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit, mit der die KAU ihre Rekrutierung im Ausland betreibt, hat sich während des Zeitraums der Recherche zu diesem Artikel gewandelt. Der F.A.Z. liegt eine Liste von Thomson Reuters vor, die die Namen von mehr als 260 in Deutschland forschenden, häufig zitierten Wissenschaftlern enthält. Lediglich sechzehn von ihnen nennen zwei verschiedene Universitäten, für die sie arbeiten. Bei fünfzehn davon ist die Zweituni eine saudische. „Die Anwerbepraxis und die Erhöhung der öffentlichen Sichtbarkeit verlaufen hier offensichtlich nach einem anderen grundsätzlichen Muster als bei westlichen Instituten. Entscheidender Punkt ist, dass mit der Ernennung zum Honorarprofessor die Angabe der KAU als Zweituni in der Thomson Reuters-Liste verknüpft ist. Das ist auf jeden Fall ungewöhnlich und könnte höchstens mit mangelnder Erfahrung in der Wissenschaft erklärt werden.“
Sind die Motive auch wissenschaftskonform?
Ende April erreichten Lothar Willmitzer überraschende Neuigkeiten aus SaudiArabien. Der für ihn zuständige Kooperationspartner auf Seiten der KAU, jener dem er mit der Aufführung der KAU auf vier Veröffentlichungen einen Gefallen tun wollte, war ausgetauscht und durch einen anderen Wissenschaftler ersetzt worden.
Weitaus schwerwiegender war für ihn jedoch eine Mitteilung, in der er aufgefordert wurde, bei allen Publikationen die KAU als Zweituni anzugeben. „Dies steht im klaren Widerspruch zu den Abmachungen und ist völlig unakzeptabel. Ich habe daraufhin eine Anfrage an die KAU gestellt und mitgeteilt, dass ich bei Beibehaltung dieser Auflage meine Honorarprofessur umgehend zurückgeben werde und meine Mitarbeit an der KAU in dieser Funktion mit sofortiger Wirkung einstelle.“
Willmitzer sagt, ihn enttäusche diese Entwicklung, da sie anzeige, dass zumindest bei einem Teil der KAU-Verantwortlichen nicht der Aufbau wissenschaftlicher Kompetenz, sondern andere, nicht wissenschaftskonforme Motive im Mittelpunkt zu stehen scheinen. „Ich bedauere dies umso mehr, als ich bei meinem Besuch an der KAU im Januar einer ganzen Reihe von engagierten und begeisterungsfähigen jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen begegnet bin, denen solche Motive sicherlich fern sind.“
Das Ziel: bis 2030 Teil der Welt-Elite
Allgemein stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Hochschulrankings als Indikator für gute Wissenschaft an einer Hochschule. Wie aussagekräftig die Kriterien sind, die den nationalen und internationalen Vergleichsstudien (wie etwa dem Shanghai-Ranking) zugrunde liegen, ist umstritten. „Dennoch scheinen neben den Universitäten selbst vor allem die Wissenschaftspolitiker darauf nicht verzichten zu wollen, der wachsende Einfluss dieser Studien ist unübersehbar“, sagt Claus Michael Ringel, der Mathematiker von der Universität Bielefeld.
Wohin dieses System führen kann, sieht man an der Anwerbepraxis der KAU. Saudi-Arabien verfolgt eine ehrgeizige Road Map, die das Land in 5-Jahres-Plänen zu einer Wissensgesellschaft entwickeln und bis 2030 an die Welt-Elite in der Forschung heranführen soll. Die Methoden aber lassen Raum für Kritik, das sieht auch Jürgen Schmitt von der Hamburger Sternwarte so: „Was die King Abdulaziz University tut, ist ja nicht illegal. Es ist ganz natürlich, Expertise von außen herbeizuholen. Wenn ich aber lese, dass neun(!) Astronomen jetzt mit der King Abdulaziz University assoziiert sind, kommt mir schon der Gedanke von Masse statt Klasse. Jedenfalls sollten die betreffenden Wissenschaftler sich fragen, ob sie ihren guten Namen hier nicht einfach auf dem Marktplatz verkaufen.“