Home
http://www.faz.net/-gqz-74bvs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Sozialverhalten Der gute Mensch denkt nicht, sondern ist nett

Wie treffen Menschen ihre Entscheidungen? Eine Versuchsreihe hat ergeben: Intuitiv neigen sie zur Kooperation, zu langes Grübeln aber macht sie egoistisch.

© Kat Menschik Der Mensch ist vor allem dann ein soziales Tier, wenn er nicht nachdenkt

Wer ein guter Mensch sein will, sollte nicht allzu lange über seine Handlungen nachdenken: das ist das Ergebnis einer Reihe von zehn Experimenten, die David G. Rand, Joshua D. Greene und Martin A. Nowak im Internet und im Labor durchgeführt haben (“Spontaneous giving and calculated greed“, in: Nature, Band 489, 20. September 2012). Sie ließen ihre Versuchspersonen Spiele nach Art des Gefangenen-Dilemmas spielen, bei denen alle Spieler Gewinn machen, wenn sie kooperieren, ein Egoist, der nicht kooperiert, aber den höchsten Gewinn erzielen kann.

Dabei gingen die Forscher davon aus, dass Menschen auf zwei verschiedenen Wegen zu ihrer Entscheidung kommen können: entweder schnell und intuitiv oder langsamer und durchdacht. Wie würde es sich auf das Spielverhalten auswirken, wenn man die Versuchspersonen drängte, sich schnell zu entscheiden, oder ihnen eine Mindestbedenkzeit verordnete? Wie, wenn man sie zuvor bat, sich an Situationen zu erinnern, in denen spontane Entscheidungen aus dem Bauch heraus sich als genau richtig oder als verhängnisvoll erwiesen hatten?

Altruismus der Jugend

Das Ergebnis war eindeutig: Die schnelleren, intuitiven Entscheidungen waren die sozialeren. Die Versuchspersonen, die nicht lange nachdachten, setzen mehr Geld für die gemeinsame Sache ein, als jene, die mehr Zeit hatten, über ihre Strategie nachzudenken. Zwar fanden die Forscher auch, dass Menschen, die schlechte Erfahrungen mit ihren Kooperationsversuchen gemacht hatten, zurückhaltender waren und weder intuitiv noch reflektiert besonders viel kooperierten. Doch in keinem Fall war die intuitive Reaktion weniger kooperativ als die durchdachte.

Menschen sind demnach intuitiv auf Kooperation und Vertrauen eingestellt. Moralische Appelle und rationale Argumente über den Nutzen von Kooperation sind hier nicht nur überflüssig, sie könnten nach hinten losgehen, indem sie die intuitive Reaktion ausbremsen. Das passt zu anderen Forschungsergebnissen, so Michael Tomasello: Wenn Menschen interaktive Spiele mehrmals spielen, beginnen sie mit kooperativen Strategien und werden erst nach und nach egoistischer; Menschen treffen viele moralische Entscheidungen aus dem Bauch heraus und können sie nicht rational rechtfertigen; und einjährige Kinder helfen und teilen umstandslos und beginnen erst, wenn sie älter werden, ihren Altruismus selektiver einzusetzen (“Why be nice? Better not think about it“, in: Trends in Cognitive Sciences, Heft 12, Band 16).

Mehr zum Thema

Irgendwann, so scheint es, haben die Menschen gemerkt, dass es besser ist zusammenzuhalten, auch wenn man nicht verwandt ist. Evolutionäre Modelle bestätigen inzwischen, dass es besser ist, zu vertrauen und ab und an übers Ohr gehauen zu werden, als immer misstrauisch zu sein und dadurch gute Gelegenheiten zur Zusammenarbeit zu verpassen, berichtet Tomasello. Das bedeute nun aber nicht unbedingt, dass uns kooperatives Verhalten genetisch vorgegeben ist, es könnte auch auf sozialen Normen beruhen. Der Effekt ist derselbe: Solange sie nicht zu viel nachdenken, neigen Menschen dazu, erst einmal nett zu sein und mitzumachen.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islamischer Staat Keine Horde ideologisch verblendeter Irrer

Für die Publizistin Khola Maryam Hübsch ist klar: Nicht der Islam ist das Problem, sondern reformunwillige Muslime. Gleichzeitig klagt die muslimische Journalistin, in der Diskussion um den Kampf gegen den Islamischen Staat gehe es zu sehr um Religion. Mehr Von Tahir Chaudhry

22.07.2015, 16:13 Uhr | Politik
Hannover gegen Freiburg Der Sieger bleibt sicher in der ersten Liga

Vier Spiele, die entscheiden, wer absteigt und wer nicht, stehen am Samstag an: Eins davon: Hannover gegen Freiburg. Wer die Partie am Samstag gewinnt, muss sich keine Abstiegssorgen mehr machen. Mehr

22.05.2015, 11:13 Uhr | Sport
Asienreise des FCB Der FC Bayern und sein Reich der Mitte

Rasen, golfen, Hände schütteln: Für die Münchner geht es in China nur selten um Fußball. Trotzdem sucht Trainer Guardiola zwischen den PR-Terminen noch die richtige Mischung für die neue Saison. Mehr Von Patrick Strasser, Schanghai

21.07.2015, 10:55 Uhr | Sport
Boston Dynamics Sprinterkatze Cheetah

Der Sprinterroboter Cheetah. Er läuft jedem Menschen davon. Der Einsatzzweck ist nicht ganz klar. Mehr

11.02.2015, 15:06 Uhr | Technik-Motor
Künstliche Intelligenz Die Waffen nieder!

Waffensysteme, die autonom über einen Angriff entscheiden? Der technische Fortschritt macht es möglich. Wissenschaftler warnen vor den Folgen – und starten eine Friedensbewegung für die Künstliche Intelligenz. Mehr Von Joachim Müller-Jung

28.07.2015, 18:03 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 17.11.2012, 09:22 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 4 8