08.07.2009 · Vom nächsten Jahr an sollen in Berlin Plätze an beliebten Schulen verlost werden. Die Erregung ist groß, Schulleiter und Eltern sind empört. Sie fürchten den Niedergang des Gymnasiums und sprechen von einem Laborversuch am lebenden Kind.
Von Regina MönchDie Bildungsforschung lobte den Berliner Schulsenator Zöllner für seine radikale Strukturreform. Vom nächsten Jahr an soll es keine Hauptschulen mehr geben, sondern nur noch zwei Arten von Oberschulen: Sekundarschulen und Gymnasien. Und obwohl die Sekundarschulen kostspielige Vorteile in der Ausstattung bieten, etwa Ganztagsunterricht, alle Abschlüsse, angeblich fließende Übergänge, kein Probejahr, dreizehn Schuljahre bis zum Abitur, kleinere Klassen, Mensa und dergleichen mehr, hält sich die Begeisterung vieler Eltern sehr in Grenzen. Sie wollen in dieser Reform einen Angriff auf das Gymnasium erkennen, zumal die in Berlin mitregierende Linke keinen Zweifel daran ließ, dass sie diese Schulform am liebsten abgeschafft hätte.
Der Unmut über den grassierenden Reformwahn – diese jetzt ist die vierundzwanzigste in fünf Jahren – entzündete sich aber erst am Kleingedruckten. Danach müssen Oberschulen, die besonders beliebt sind und darum mehr Anmeldungen haben, als sie Plätze vergeben können, fast ein Drittel der Schulplätze verlosen. Sechzig Prozent ihrer Schüler darf die Schule noch selbst auswählen, nach klaren Leistungskriterien und Begabung (etwa für Klassen mit besonderem musischen oder naturwissenschaftlichen Unterricht), noch einmal zehn sind für Geschwister und als „Härtefälle“ bezeichnete Kinder reserviert. In den Lostopf kommen dann alle übrigen – unter Umständen dreimal oder auch zehnmal mehr Anwärter, als Plätze vorhanden sind. Hier entscheiden allein die Eltern, ob sie teilnehmen wollen, unabhängig von der Schulempfehlung der Grundschule.
Mein Kind ist keine Integrationslokomotive
Dieser „Gleichbehandlung“, wie sie der Schulsenator beschreibt, misstrauen nicht nur Eltern, sondern auch fast alle Schulleiter an Berliner Gymnasien. Sie fürchten um ihre sorgfältig aufgebauten Profilklassen und um das Leistungsniveau; sie halten diesen Laborversuch am lebendigen Kind für äußerst fragwürdig und rechnen mit vielen, die sich übernehmen und nach einem Probejahr zurückgestuft werden. Und ab und an sprechen Eltern aus, was viele in den bürgerlichen Vierteln wohl am meisten ängstigt: Dass Eltern aus prekären Stadtteilen, wo Schulversagen und Gewaltausbrüche Schlagzeilen machen, ihre Kinder in die heile Welt der anderen bringen könnten.
Jeder weiß, dass so zwar die Hauptschule abgeschafft wird, aber natürlich nicht ihre Schüler. Und jeder könnte wissen, dass der Etikettenwechsel kaum eines der gravierenden Defizite der Risikogruppen lösen wird. Die Lust, dem eigenen Kind die Versäumnisse der Migrationspolitik zuzumuten, sie wider besseres Wissen – in Anlehnung an Hannah Arendt – zu „Lokomotiven der Integration“ zu machen, ist gerade unter bürgerlichen Eltern gering. Ob die Furcht begründet ist, im Lostopf könnten sich zu viele Lose von Kindern aus prekären Verhältnissen finden und Gymnasiallehrer dadurch gezwungen sein, einen Teil der pädagogischen Schwerstarbeit ihrer Kollegen aus Katastrophenschulen zu übernehmen, ist ungewiss. Die Eltern vieler solcher Kinder zeichnen sich ja leider gerade dadurch aus, dass sie sich für deren Fortkommen nicht interessieren.
Die Lehrer schickten sich seufzend drein
Jedenfalls erklärt das jetzt als Karikatur deutscher Bildungspolitik denunzierte Losverfahren an sich nicht die öffentliche Empörung. Seit Jahren setzen sich einmal im Jahr Tausende Berliner Eltern dieser Lotterie freiwillig aus, an der staatlichen deutsch-amerikanischen Kennedy-Schule zum Beispiel, wo inzwischen siebzehnhundert Kinder von der Vorschule bis zum Abitur oder dem High-School-Diploma zweisprachig lernen. Die vielen Ausnahmen von der Regel für Amerikaner, Diplomatenkinder, die Kinder der Lehrer oder Geschwister, lassen für das Losen an dieser Eliteschule meist nicht mehr als vier, manchmal auch nur einen freien Platz übrig. Um diesen Rest bewerben sich dann hundertfünfzig bis vierhundert Kinder. Sie nehmen die schicksalhafte Entscheidung hin, nicht wenige unterziehen sich diesem jetzt verteufeltem Ritual noch einmal oder auch zehnmal, an einer der Europaschulen zum Beispiel, an besonders begehrten Gesamtschulen oder an Gymnasien mit bilingualen Klassen.
Wären diese Losaktionen einmal überprüft worden, hätte man daraus auf die häufigsten und dringendsten Wünsche von Eltern geschlossen, müsste es jetzt vor allem mehr zweisprachige Angebote geben, nicht aber die zum Gesetz erhobene Lotterie für alle beliebten Schulen. Die Berliner Schulbehörde verteidigt ihr Projekt und verweist auf das einzige gerichtsfeste Auswahlverfahren, das neben dem freiwilligen Losen bisher existiert: die sogenannte „BVG-Richtlinie“, die unter zu vielen Bewerbern jene auswählt, die nach dem Fahrplan der Verkehrsbetriebe der Schule am nächsten wohnen. Hunderte Verfahren dieser Art werden Jahr um Jahr erst vor Gericht entschieden. Auch das ist nicht gerade pädagogisch wertvoll, zumal viele der Wunschschulen danach gezwungen sind, noch größere Klassen aufzumachen. Aber das haben Eltern immer hingenommen, und die Lehrer schickten sich seufzend drein.
Die Verlierer dieser heiklen Phantasie
Die von 2010 an zur Regel erhobene Ausnahme soll, das hoffen all jene, die immer noch glauben, der Staat könne über die Schulen soziale oder familiäre Miseren ausbügeln, zum einen den Anteil der Abiturienten erhöhen, möglichst auf vierzig Prozent. Das aber, so glauben viele Pädagogen, wird auf Kosten der Leistungen gehen. Zum anderen hofft man natürlich, die rasante Segregation der Bildungsmilieus aufzuhalten. Doch die Verlierer dieser heiklen Phantasie könnten die wenigen Gymnasien in den Problemvierteln der Stadt sein, denen dann noch mehr potentielle Leistungsträger abhandenkommen. Die freien Plätze müssten sie mit jedem Kind besetzen, das sich anmeldet, ganz gleich, wie geeignet es ist. Darauf pflegen Eltern, zumal an der Bildung ihrer Kinder interessierte, prompt zu reagieren: Sie ziehen weg. Wenn sie nicht schon vorher weggelost worden sind.
Wut
Christoph Anschütz (Anschuetz)
- 08.07.2009, 17:45 Uhr
Asterix und Obelix
Johannes Rettig (JR-Baden)
- 08.07.2009, 18:56 Uhr
Zöllner, setzen, sechs - Der nächste bitte!
Rick Fischer (Its_Worth_A_Try)
- 08.07.2009, 19:47 Uhr
Logisches Denken schadet nicht
Alexander Berkowitsch (Herzdoktor)
- 08.07.2009, 20:05 Uhr
Diskussion
Alexander Berkowitsch (Herzdoktor)
- 09.07.2009, 00:34 Uhr