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Rowan Williams Gott ist kein normaler Beruf

 ·  Er ist weltweit angesehen und trotzdem unbequem geblieben: Für Rowan Williams, den Erzbischof von Canterbury, muss die Theologie das Evangelium schwieriger machen. Und Volksfrömmigkeit birgt für ihn die Gefahr der Anbiederung. Heute wird er sechzig.

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Henry Melvill Gwatkin, von 1891 bis 1912 Professor für Kirchengeschichte in Cambridge, forderte seine Fakultätskollegen auf, die biologische Evolutionslehre als gesichertes Wissen zu akzeptieren und daraus Konsequenzen für die eigene Forschung zu ziehen. "Das Problem des Theologen unterscheidet sich kaum von dem des Historikers, des Zoologen oder eines anderen Mannes der Wissenschaft. Er benutzt teilweise dieselben Daten, und die Methoden entsprechen einander vollständig." Das Problem des Buches, in dem Gwatkin dieses Programm formulierte, war der Arianismus: die vom Konzil von Nizäa 325 verworfene Lehre des Arius, eines Priesters aus Alexandria, dass der Sohn Gottes nicht eines Wesens mit Gott sei, sondern auch ein Geschöpf.

Nicht um die Niederlage des Arius historisch zu erklären, mit einer Theorie der natürlichen Selektion der Dogmen, führte Gwatkin die Evidenz der Evolutionstheorie ein, sondern um Arius über die Zeiten hinweg zu widerlegen. Der Gott des Arius sei ein einsamer Despot, der mit der Schöpfung keinen Plan verfolge. So wurde ein teleologischer Begriff der Heilsgeschichte aus dem Vulgärdarwinismus in die Theologie reimportiert.

Für Rowan Williams ist Gwatkins Manöver ein Beispiel für eine Versuchung, der er insbesondere die Theologie seiner Kirche ausgesetzt sieht, der Kirche von England, die örtlich, rechtlich und politisch definiert ist als Kirche eines bestimmten Staates. Beglaubigung wird hier gesucht in der Übereinstimmung mit dem, was in der säkularen Umwelt fraglos gilt. Gwatkin sah die Theologie aufgehen in einer progressiven Universalwissenschaft der Weltverbesserung.

Trinitätsdogma als Modell der Demokratie

In der Einleitung zu seiner Arius-Monographie von 1987 führt Williams Forschungsgeschichte in ideologiekritischer Zuspitzung vor. Arius wird bis heute als "Häresiarch" behandelt, als Typus des Ketzers. Es geht ums Ganze in der Auseinandersetzung mit Arius; die Arius-Bilder sind politisch, bestimmt von dem, was seine Gegner glauben wollen. Auf Gwatkins Liberalismus baute ein christlicher Sozialismus auf, der das Trinitätsdogma als Modell der Demokratie deutete. Im Kriegsjahr 1940 wurde Arius umgekehrt als der falsche Prophet des Wohlfahrtsstaates entlarvt, dessen weltabgewandter Gott die Menschen verleitet habe, ihr Heil bei irdischen Herrschern zu suchen.

Anstoß erregte Williams, weil er sich im theologischen Postskriptum seines Buches einen eigenen zeithistorischen Reim auf die christologische Kontroverse des vierten Jahrhunderts machte: Athanasius, der Gegenspieler des Arius, habe wie Karl Barth im deutschen Kirchenkampf mit einer kirchlichen Dogmatik den Raum für Widerstand gegen die Staatsgewalt geschaffen. Theologie muss nach Williams das Evangelium "schwieriger machen", wo Volksfrömmigkeit zur Akkomodation, unbarmherzig formuliert: zum Appeasement neigt. Arius ist bei Williams ein Konservativer, der einen in liturgischen Formeln tradierten starken Begriff der Freiheit und Majestät Gottes retten wollte. Unter Berufung auf die Stiftung der Kirche durch Christus setzte sich die Autorität der Bischöfe gegen die Resonanz des asketischen Lehrers durch.

Williams als endzeitliche Figur?

Ironischerweise ist Rowan Williams durch das Charisma des Gelehrten ins Amt des obersten Bischofs der anglikanischen Weltgemeinschaft getragen worden. Der Schüler von Henry Chadwick bekleidete schon mit sechsunddreißig Jahren den Lady-Margaret-Lehrstuhl in Oxford. Er ist einer der weltweit angesehensten Patristiker und gleichzeitig ein Religionsintellektueller und Frömmigkeitsvirtuose, der in Predigten, Traktaten und Gedichten eine via postmoderna der negativen Theologie erkundet. 1991 wurde er Bischof in seiner walisischen Heimat, seit 2002 ist er Erzbischof von Canterbury.

Möglicherweise wird man ihn im Rückblick einmal als endzeitliche Figur wahrnehmen. Sein pastorales Genie und alle Subtilität seiner dialektischen Theologie werden nicht ausreichen, um eine Kirche zusammenzuhalten, die den Staat vielleicht bald auffordern wird, sie in die Freiheit zu entlassen. Aber man muss Rowan Williams bescheinigen, dass er sich nicht für Formelkompromisse hergibt. Der Anglikanismus als Allegorie des Faktums der Pluralität, als Religion mit den niedrigsten dogmatischen Ansprüchen, dafür aber schöner Kirchenmusik - in solchen funktionalistischen Hilfskonstruktionen wird er nie die zeitgenössische Gestalt jener Kraft und Herrlichkeit sehen, die für ihn mit Athanasius und gegen Arius die Kirche ausmacht. Der Sohn ist eines Wesens mit dem Vater: Das heißt, dass Gott das ist, was er tut, dass er identisch ist mit seiner Offenbarung in der Geschichte. Rowan Williams wird am heutigen Montag sechzig Jahre alt.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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