15.08.2010 · Wir sind hier nicht beim TÜV, sondern eher schon beim mittelalterlichen Herrschertreffen: Die Evaluation von Forschung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft trägt alle Züge eines Rituals.
Von Axel MichaelsNicht selten, so scheint es, sind Evaluationen akademische Rituale, bei denen Ereignisse inszeniert werden, die der Verbesserung der Forschung allenfalls indirekt dienlich sind. Unter „Evaluation“ verstehe ich dabei die nachträgliche Überprüfung einer Institution oder Person durch von außen kommende Experten. Unter „akademischem Ritual“ verstehe ich solche Überprüfungen in einem universitären Bereich. Es fallen also keine Prüfungen wie Promotionen oder Habilitationen darunter, oder Bewerbungsvorträge, die man alle auch als akademische Rituale auffassen kann, bei denen aber die Experten in der Regel nicht von außen kommen. Ich konzentriere mich hier allein auf inszenierte Überprüfungen, sogenannte Begehungen.
Der Begriff „Begehung“ kommt aus dem Bauwesen oder von der Arbeitssicherheit, wo man eine Baustelle oder einen Arbeitsplatz überprüft. Der Begriff ist also treffend, denn tatsächlich geht es bei universitären Begehungen auch oft um die Sicherung von Arbeitsplätzen – jedenfalls aus der Perspektive des Mittelbaus.
Das Ritual, wie ich es verstehe, setzt mehrere Personen voraus. Wer also nur ein Gutachten am Schreibtisch schreibt, vollzieht kein Ritual. Wohl aber tun es Begehungen, also Evaluationen vor Ort. Hier kommen Gruppen zusammen und verkörpern sich zu Gremien von Gutachtern und Begutachteten. Hinzu kommt die Förmlichkeit. Rituale bestehen aus standardisierten, mitunter stereotyp und redundant wiederholten, somit nachahmbaren und insofern öffentlichen Handlungen. Sie sind aus Elementen nach Regeln bewusst zusammengesetzt und fügen sich zu Ritualkomplexen zusammen. Dieses Regelwerk ist oft in Skripten oder Ritualhandbüchern festgehalten.
Ordnung bis ins letzte Detail
Dies alles trifft auf universitäre Begehungen zu. Denn auch dabei sind die Handlungen vorgegeben. Es gibt ein genaues, teilweise vorgegebenes, teilweise stillschweigend von anderen Begehungen übernommenes Programm, dessen Struktur weitgehend festgelegt und als Skript auf der Homepage der DFG (DFG-Vordruck 60.022 – 5/10) einsehbar ist. So beginnt die eine Begehung eines Sonderforschungsbereichs am ersten Tag mit der Begrüßung durch den Senatsvertreter der DFG. Dann folgen ein Bericht des Sprechers, exemplarische Darstellungen von Forschungsprojekten, eine vom Senatssprecher geleitete Diskussion und ein Abschlusswort des Sprechers. Am Nachmittag schließen sich Besuche der Gutachter bei den einzelnen Teilprojekten an, am Abend zieht sich die Gutachtergruppe zu ersten Beratungen zurück. Der nächste Tag beginnt mit der Plenarsitzung und einer Stellungnahme der Hochschule, meist des Rektors. Die Anwesenheit des Kanzlers und eines Vertreters des Ministeriums ist vorgeschrieben. Der Plenarsitzung folgen Nachfragen der Gutachtergruppe und eine abschließende interne Beratung sowie Beschlussfassung der Gutachter. Am Schluss wird der Sprecher dazugebeten und das Urteil verkündet.
Ebenso förmlich sind aber andere Richtlinien, die mehr oder weniger explizit gemacht werden. Es gibt eine gewisse Kleiderordnung, es gibt Namens- und Tischschilder. Die Bewirtung der Gutachter wird abgesprochen. Im erwähnten DFG-Vordruck heißt es: „einen Mittagsimbiss am ersten Tag, ein Abendessen während der Klausur am ersten Tag und einen Mittagsimbiss am zweiten Tag. Bitte denken Sie auch an die Bereitstellung vegetarischer Speisen, Obst und ggf. Süßes sowie ausreichend Warm- und Kaltgetränke. Wir bitten darum, von der Bereitstellung alkoholischer Getränke Abstand zu nehmen.“ Die Anordnung der Stühle ist geregelt („Es ist wichtig, dass die Tisch- und Sitzanordnung eine Diskussion ermöglicht. Hörsäle eignen sich daher nicht gut für die Plenardiskussion“), ebenso die Begleitung der Gutachter („Es erleichtert die Anfahrt erfahrungsgemäß, wenn der Sonderforschungsbereich an beiden Tagen morgens für die Fahrt bzw. Begleitung vom Hotel zum Sitzungsort sorgt“) oder das Hotel („Einzelzimmer mit Dusche/WC ... und gutem Qualitätsstandard, der eine erholsame Nachtruhe garantiert“).
Die Zeremonienmeister der DFG
Solche Begehungen haben fast ein wenig mit mittelalterlichen Herrschertreffen zu tun, denn schließlich begegnen sich ja Herrscher „von gleichem Stand“, Professorinnen und Professoren, Institutsleiter mit ihrem Gefolge, halt nur unter ritualisierten, das heißt förmlichen Bedingungen. Die Zeremonienmeister, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DFG, halten sich dabei übrigens, wie es sich gehört, auffallend zurück: Man darf ihnen die Hoheit über die Organisation nicht anmerken, weil dies die Handlungsmacht der Evaluierten schmälern würde.
Ein entscheidender Aspekt der Förmlichkeit ist der formelle Beschluss zur Durchführung des Rituals (intentio solemnis), bei Begehungen durch förmliche Einladungen ausgedrückt. Eine spontane Evaluation wäre kein Ritual, auch wenn sie sich ritueller Elemente bediente. Rituale unterscheiden sich darin, in welchem Maße sie sich auf ein Subjekt, auf die Gemeinschaft und auf eine überhöhte, transzendente Welt beziehen. Die Mischung dieser Eigenschaften macht den Modus eines Rituals aus. Bei einer Initiation wäre der auf das Subjekt bezogene Anteil höher, bei einer Begehung der auf die Forschergemeinschaft bezogene Anteil. In jedem Fall müssen aber alle drei Modi gegeben sein.
Herren des rituellen Geschehens
Der vielleicht umstrittenste Modus ist die Überhöhung oder Heiligung der Ritualhandlungen, mit denen sie zu einer anderen, meist als höher bewerteten Welt oder Tradition oder auf (heilige) Anfänge in Beziehung gesetzt werden. Dies geschieht etwa dadurch, dass bestimmte Handlungen als von Göttern vorgegeben angesehen werden.
Auch für eine Begehung trifft das Kriterium der Überhöhung zu – und zwar in einem entscheidenden Maße, denn es macht die Evaluation überhaupt erst zu einem akademischen Ritual. Eine Begehung ist ein großes, bedeutendes Ereignis, das inszeniert und zelebriert wird. Die Spitzen der Institution kommen zusammen und präsentieren sich im besten Licht. Es geht um Spitzenforschung, heute gern Exzellenz genannt. Wer Spitze sein will, muss sich gegenüber anderen überhöhen und absondern.
Freilich geht es um mehr. Es geht auch um Imponiergehabe und Macht. Beide Seiten müssen sich wechselseitig bestätigen, wie herausragend sie sind. Die Evaluatorenseite hat die Macht; das fordert Unterwerfungsgesten der Evaluierten heraus. Kritik an Gutachtern kommt nicht gut an, selbst wenn diese grobe Unkenntnis zeigen, selbst wenn bemerkt wird, dass sie weder die Forschungsberichte noch die anderen Unterlagen wirklich gelesen haben. Die Macht der Evaluatoren drückt sich nicht nur darin aus, dass sie über die Zusprechung oder Verweigerung von Mitteln befinden, sondern auch dadurch, dass sie Herren des Geschehens sind. Sie können eine Evaluation als freundlichen Fingerzeig auf Verbesserungen oder als „Hinrichtung“ von Kollegen gestalten. Sie kontrollieren den Ablauf, die Zuteilung von Redezeit, die korrekte Durchführung der Evaluation, also das rituelle Geschehen.
Überhöhungsrituale
Mit diesen Maßnahmen, vor allem aber mit dem inszenierten Ereignis der Begehung wird die Überhöhung erreicht. Als kulturelle Ordnungszeichen der Überhöhung können etwa Herrschaftszeichen (der Rektor erscheint mit Dienstwagen oder Plakette) oder Insignien der Tradition (die Begehung findet in einem besonders ehrwürdigen Raum statt) gelten, mit denen zu Idealen (die Universität als höhere Bildungsinstitution, der Fortschritt der Forschung) oder überpersönlichen Wert- und Ordnungsvorstellungen (die Universität als universitas magistrorum et scholarium) Bezug genommen wird. Akademische Evaluierungen sind kein TÜV. Sie verleihen sich Geltung und Autorität, weisen über die Gegenwart hinaus.
Mit Ritualen wird eine Transformation begangen. Nachher ist nicht gleich vorher. Das ist besonders bei Übergangsritualen augenscheinlich, weil bei einer Initiation ein Knabe zu einem heiratsfähigen Mann oder bei einer Hochzeit aus Mann und Frau ein Ehepaar wird. Aber auch in einer akademischen Evaluation wird der Status der Evaluierten verändert. Man wird zu einem Drittmittelempfänger, und diese Aufwertung gehört fortan in den Lebenslauf wie Veröffentlichungen oder Preise.
So kann man also sagen, dass Evaluationen prozedurale akademische Rituale sind, weil sie den Kriterien der Verkörperung und Förmlichkeit folgen, im Modus einer selbstinszenierten Überhöhung begangen werden und statusbezogene Transformationen der Evaluierten bedeuten. Mit anderen Worten, das Ritual einer Begehung folgt nicht allein den Kriterien der objektiven wissenschaftlichen und zweckrationalen Beurteilung von Forschungs- oder Lehrleistungen.
Die Unabdingbarkeit des Rituals
Die Frage ist, ob es eine Alternative zu solchen Formen der Evaluation gibt. Und sind nicht die Vorteile einer ritualisierten Evaluation mit den Nachteilen abzuwägen? Gewiss, Rituale bilden ein Vertrauenskapital. Dieses sorgt für die Stabilität sozialer, politischer und wirtschaftlicher Beziehungen, es beseitigt Unsicherheit über die Legitimität der Ausgaben von öffentlichen Mitteln. Rituale vermitteln diese ersehnte Sicherheit, schaffen Vertrauen und verhindern oder vermindern Willkür, Beliebigkeit, Kontingenz, Komplexität und Individualität. Sie klammern die Sinn- beziehungsweise Bedeutungsfrage weitgehend aus und werden zu einer Gewohnheit, bei der das richtige und angemessene Verhalten nicht jedes Mal neu ausgehandelt oder ins Bewusstsein gerufen werden muss. Dies kann für den Einzelnen eine Entlastungsfunktion bedeuten, aber auch für Institutionen wie DFG oder Universität eine effektive Ordnungsstruktur bilden.
Ist also das Fazit, dass es unter Umständen keine Alternative zu den ritualisierten Evaluationen gibt? Ich fürchte ja, denn die Ausrichtung allein an sachgemäßen Kriterien würde die Überhöhung, mit der maßgeblich der Einsatz der Mittel begründet ist, nicht ermöglichen. Die Effizienz liegt in der Inszenierung von Misstrauen, aber Evaluierte und Evaluierende gehören der gleichen Kaste an und sosehr sie sich einander misstrauen, sosehr bestätigen sie sich gegenseitig. Längst orientiert sich die Wissensgenerierung nicht mehr allein an denen, die sie finanzieren: den Steuerzahlern.
Dynamik der Rituale
Ohne Zweifel werden Rituale meist als starre und stereotype Handlungsmuster angesehen, doch wird dabei die Dynamik von Ritualen meist übersehen. So passt die DFG ihr „Ritualhandbuch“ der Begehung immer wieder an. Sie reagiert damit auf unerwünschte Fehlentwicklungen. Aber es sind im Grunde die Rituale selbst, die das Neue provozieren. Im Grunde begleitet die Ritualkritik jedes Ritual schon mit seiner Entstehung. Denn da Rituale den Odem der sinnentleerten Starre vor sich hertragen, eignen sie sich besonders gut zur Kritik an überkommenen Traditionen. Eine Evaluation muss also keineswegs nur als schädlich angesehen werden. Sie kann gerade als Ritual Anlass geben, die Angemessenheit der Verfahren immer wieder zu überprüfen. Ich bin sicher, dass dies auch mit der neuen Welle der Evaluationen geschehen wird und insofern zuversichtlich. Vielleicht werden ja bald Studierende wieder ein Transparent vor den Professoren mit dem Spruch „Stellt euch vor, es ist Akkreditierung, und keiner geht hin“ tragen.
Und was hätten wir für Alternativen? Die Inquisition, das erste professionalisierte Prüfungsverfahren, fällt aus. Die altindischen Redewettstreite, bei denen es – wie es in einer Upanischad heißt – so weit gehen konnte, dass man sein Gegenüber nicht überfragen durfte, weil sonst dessen Kopf zerplatzen würde, würden zwar die Bereitschaft zu Evaluationen deutlich verringern, nicht aber unbedingt zu einer Verbesserung der Forschungsleistungen führen. Also bleibt nur der Appell zu mehr Vertrauen. Ich bin überzeugt, dass mehr Vertrauen nicht zu mehr Missbrauch führt. Evaluierungen ja, aber im Sinne der Überprüfung der Individualität von Forscherpersönlichkeiten, also mit einer sehr sorgfältigen Auswahl derer, denen Verantwortung gegeben wird. Meinetwegen auch Evaluationen der Ergebnisse von Zeit zu Zeit, in einem schön ritualisierten Rahmen. Wettbewerb: unbedingt, Anreizsysteme auch, aber bitte nicht zu viele Evaluationen!