Die Universität Frankfurt hat von ihren Fachbereichen unlängst eine Liste von Drittmittelaktivitäten und sponsorenrelevanten Forschungsleistungen abgefragt, nach der sich die spätere Mittelzuweisung richten soll. Wer einen Beleg für die Hegemonie der Sekundärtugenden sucht, die aus dem straffen Ökonomisierungskurs der Universität hervorgeht, kann ihn hier mit Händen greifen.
Der Übergang zur Stiftungsuniversität vor vier Jahren war in Frankfurt von kritischen Stimmen begleitet, die vor dem Einfluss der Stifter auf die Forschung und dem Aufstieg des alerten Drittmittelprofessors warnten. Das im selben Jahr gegründete House of Finance, ein in seiner Form einzigartiger Zusammenschluss von Ökonomen und Juristen aus den Bereichen Finanz, Geld und Währung, wird seit seinem Bestehen den Ruf nicht los, der steinerne Inbegriff der Ökonomisierung zu sein.
Die Banken als Stifter
Noch im Jahr seiner Gründung von Studenten kurzfristig besetzt gehalten, hat das Gebäude seinen Kritikern einige Argumente an die Hand geliefert. Man stieß sich an Überwachungskameras, verschlossenen Korridoren, schwer zugänglichen Bibliotheken. Im Foyer läuft die Blickachse zentral auf ein Podest mit dem Logo der Deutschen Bank zu. Die Hörsäle tragen Bankennamen: Commerz-, Deka-, Deutsche Bank.
Der Student wird hier als Berufstätiger angesprochen, wenn er es nicht schon ist. Im Studiengang „Master of Finance and Accounting“ blieb der erste Jahrgang den Mitarbeitern des Wirtschaftsprüfers KPMG reserviert. Der Kontakt zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist eng. Mit fast fünfzig Prozent kann das Haus eine sehr hohe Drittmittelquote vorweisen. Neun der dreißig Professuren sind Stiftungslehrstühle, nahezu alle von Banken gestiftet.
Mit dem Ziel angetreten, den Finanzplatz Frankfurt zu stärken, hat das Haus renommierte Forscher nach Frankfurt ziehen können, die in wichtigen europäischen und deutschen Kontrollgremien sitzen, Finanz- und Wirtschaftsministerium beratend zur Seite stehen. Wer sich durch die Liste von über hundert Förderern liest, unter denen neben Unternehmensberatungen und Großkanzleien so gut wie alle Großbanken firmieren, kann sich des Gefühls einer gefährlichen Nähe nicht erwehren. Die Universität verweist auf ihren Stiftungskodex, der eine direkte Zuweisung der Gelder und eine Einmischung in die Forschung verhindere. Dem oft geäußerten Verdacht, diese Strukturen würden sich auf den Charakter der Forschung niederschlagen, fehlt der Beleg.
Verletzung der Distanzpflicht?
Der Bremer Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano, als Initiator Guttenberg-Affäre bekannt geworden, hat diesen Vorwurf in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ („Guttenberg oder der ,Sieg der Wissenschaft’? Analysen und Alternativen, 2/2012, S. 53-62) in einer heftigen Polemik ausgesprochen. Dem House of Finance wirft er vor, den Pakt mit der Macht geschlossen und die wissenschaftliche Distanz fallengelassen zu haben. Die Lehre sei eine Kadettenausbildung für den Finanzmarkt, Endprodukt sei ein selbstzufriedener Typus, bei dem Jobaussicht vor Erkenntnisinteresse steht. Am Institute for Law and Finance, dem rechtswissenschaftlichen Ableger des House of Finance, sei der Verzicht auf Reflexion der gesellschaftlichen Dimension des Rechts Programm.
Zum Beleg listet Fischer-Lescano einige Dissertationen, die es an einer kritischen Reflexion der Finanzkrise fehlen ließen. Der Angriff gilt in der Hauptsache ihrem Betreuer Theodor Baums, Gründungsmitglied des Instituts und jahrelanger Inhaber einer Stiftungsprofessur von Helaba und Deka-Bank, und er zielt zur Hälfte am Gegenstand vorbei. Es ist diesen zwischen 2004 und 2008 entstandenen Promotionen kaum vorzuwerfen, die Finanzkrise nicht vorausgeahnt zu haben. Zudem weist eine Liste auf der Website des House of Finance auch Publikationen aus, die sich durchaus kritisch mit der Finanzkrise befassen und Maßnahmen wie eine Bankenabgabe fordern, die dem Finanzmarkt nicht nur gefallen können. Die von Fischer-Lescano geforderte Grundlagenreflexion lässt ihr methodischer Zuschnitt hingegen nicht erkennen.
Die Dynamik der Strukturen
Der in seiner Pauschalität wenig glücklich geführte Angriff ist der Versuch, einen subtilen Prozess sichtbar zu machen, der im Halbdunkel von Berufungskommissionen und Antragsverfahren abläuft. Seit Jahren schwelt im Frankfurter Zivilrecht ein Lagerkampf, in dem sich eine gesellschaftstheoretisch orientierte Rechtswissenschaft von einer rein rechtsdogmatischen Forschung an den Rand gedrängt fühlt. Ein Streitpunkt ist, ob dem House of Finance dabei mehr als eine symbolische Rolle zukommt. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist_innen“ moniert, dass in den fünf der acht Frankfurter Zivilrechtsprofessuren, die dort mittlerweile angesiedelt sind, die Rechtstheorie nur noch eine marginale Rolle spielt. Die Tendenz gehe zu einer rein dogmatischen Forschung, die sich als Hoflieferant verwertbaren Wissens für den Finanzmarkt versteht.
Rechtstheorie, wo sie überhaupt noch eine Rolle spiele, werde auf die ökonomische Analyse des Rechts geschrumpft, den Import wirtschaftswissenschaftlicher Theoreme, garniert mit etwas Wirtschaftsethik. Dem raren Typus des theoretisch orientierten Juristen, der auf das Interesse von Drittmittelgebern nur wenig hoffen kann, gingen die letzten Bestände verloren. In ihren letzten Atemzügen sieht man eine lange theoretisch und soziologisch fundierte Tradition des Frankfurter Zivilrechts, die sich machtkritisch verstanden und ihr Ziel darin gesehen habe, die Autonomie des Individuums gegen verselbstständigte rechtliche Strukturen zu verteidigen.
Eine Einladung zum öffentlichen Gespräch
Im Zuge der Berufungspolitik der letzten Jahre sei diese Linie fast völlig zum Erliegen gekommen. Als Zäsur wird oft die Neubesetzung des Lehrstuhls von Gunther Teubner vor drei Jahren genannt, bei dem sich auch Fischer-Lescano habilitierte und der für den eingeklagten Typus einer weitgespannten Grundlagenreflexion des Rechts stand. Eine vor kurzem emeritierte Professur in Kriminologie soll eine Wirtschaftsrechtsprofessur ersetzen. Aktuell steht die Neubesetzung zweier rechtshistorischer Professuren an. Eine Fortsetzung des Theorieschwunds wird befürchtet.
Im Raum steht auch der Vorwurf, das Institute for Law and Finance ginge der Debatte aus dem Weg. Die dort ansässige Juniorprofessorin Isabel Feichtner hat jetzt eine Podiumsdiskussion angekündigt, zu der mit Andreas Cahn und Theodor Baums die namentlich angegriffenen Akteure aber nicht kommen werden. Fischer-Lescano wirft dem Institut vor, die Verteidigung an das institutionell schwächste Glied zu delegieren, und hat ebenfalls seine Teilnahme abgesagt.
Die Verständigung über die Idee der Universität fällt schwer. Jacques Derrida hat die Universität einmal als einen Ort beschrieben, an dem nichts außer Frage stehen dürfe und der deshalb eine besondere Immunität verdiene. Für Frankfurt wünscht man dieser Idee wieder mehr Sympathie.