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Urheberrecht und Wissenschaft : Wie man ein Monstrum nährt

Die aktuelle Reform soll das Urheberrecht mit digitalen Vervielfältigungspraktiken harmonisieren Bild: ddp

Sie sagen Vielfalt und fördern Monopole: Der Reformplan zum Wissenschaftsurheberrecht zerstört den Mittelstand und macht den Weg frei für den großen Staatsverlag.

          Interessant wäre eine Liste der Ereignisse, die mittlerweile als Gefahr für die Demokratie gewertet werden. Die aktuelle Reform des Urheberrechts in Wissenschaft und Bildung würden wohl die wenigsten dazu zählen. Unter diesem Vorbehalt steht ein Appell für die Publikationsfreiheit, der in der Wissenschaft für Furore sorgt. Der seit zwei Wochen vorliegende Reformentwurf, heißt es in dem Appell, betreibe die Spaltung der Meinungsbildung in große Medien-Korporationen und einen staatlichen Publikationsapparat, mithin die oligopolistische Kontrolle der Meinungsvielfalt. Dazwischen: Leere. Der vielfältigen deutschen Verlagslandschaft versetze der Entwurf den Todesstoß.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Studenten und Wissenschaftler, wie vorgesehen, künftig bis zu 25 Prozent (statt bisher zehn bis fünfzehn) von urheberrechtlich geschützten Texten frei nutzen, das heißt ausdrucken und herunterladen dürfen; wenn Bibliotheken Bücher uneingeschränkt vervielfältigen dürfen und dafür nur noch ein einziges Exemplar benötigen - dann führe das dazu, dass wissenschaftliche Bücher nicht mehr gekauft würden und von den Verlagen nicht kostendeckend produziert werden könnten.

          Lehrbücher würde es zumindest vorübergehend nur in der Schwundform geben. Und ob Universitätsverlage, sollte es sie in Deutschland einmal geben, die besseren Verleger sind, wäre erst zu zeigen. Dass das Schulbuch von der Schrankenregelung ausgenommen wird, wertet der Appell als Wissen der Autoren um die zerstörerische Wirkung ihres Entwurfs.

          Symptome und Ursachen

          Also besser keine Reform? Die aktuelle Gesetzesnovelle hat gute Gründe. Wissenschaft erfordert den vergleichenden Zugang zu Texten ohne unzumutbare Kosten und Rechtsaufwand. Wissenschaftler und Studenten werden heute von unübersichtlichen Schrankenregelungen behindert. Zudem beklagen sie den geringen Beitrag der Verlage, die sich Publikationen oft fertig vorlegen lassen und selbst dafür hohe Gebühren verlangen. Das Problem ist allerdings hausgemacht: Es wird schlicht zu viel publiziert. Die Projektforschung hat ein Monstrum geschaffen, das für eine imaginäre Leserschaft einen grotesk aufgeblähten Publikationsapparat am Leben hält.

          Die Allianz der Wissenschaften, die den Reformentwurf enthusiastisch begrüßt, ist geübt darin, jede Kritik als Verlagslobbyismus abzuwiegeln. Wenn sie im Namen von Bildung und Innovationskraft die großzügigen Ausnahmen vom Urheberrecht verteidigt, tut sie das aber nur bedingt im Namen der Wissenschaft. Die mehr als tausend Professoren unter den mehr als viertausend Signataren des Appells sind ein deutliches Zeichen, dass die Allianz auch von vielen Wissenschaftlern nicht mehr als Repräsentantin anerkannt wird, sondern als wissenschaftsferne Elite, die ihr eigenes technokratisches Spielchen treibt.

          Im Griff von Monopolisten

          Denn durch die Regelungen des Reformentwurfs wäre der Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen zwar kurzfristig besser. Ist der Markt aber erst einmal von kleinen und mittleren Verlagen „gereinigt“, die nicht die Ressourcen haben, magere Jahre zu überstehen, wird er unter den Verbliebenen neu aufgeteilt. Absehbar werden dies - neben dem Staat - genau jene wenigen Großverlage sein, gegen die der Reformentwurf eigentlich gerichtet ist.

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