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Urheberrecht und Wissenschaft : Wie man ein Monstrum nährt

Ein zerstörerisches Modell

Wäre der Markt erst einmal bereinigt, könnten die Monopolverlage ungebremst an der Preisschraube drehen, und erst dann würde sich zeigen, ob Universitätsverlage in diese Bresche springen würden, deren erfolgreiches Wirken trotz weitgehender Nichtexistenz vorausgesetzt wird. Auf welches Spiel sich die Universitäten hier einlassen, hat sich kürzlich bei den gemeinsamen Verhandlungen von sechzig Universitäten und Forschungsinstituten (die sich unter dem Namen „Deal“ zusammengeschlossen haben) mit Elsevier gezeigt: Trotz geballter Verhandlungsmacht rückte der Großverlag nicht von seinen Preisforderungen ab.

Nicht nur an ihrem unglücklich gewählten Namen zeigte die Initiative, dass Open Access in der gegenwärtigen Form auf Deals mit den Großverlagen hinausläuft, in deren technische Abhängigkeit man sich bereits begeben hat. Auch mittelständische Verlage, die von dem Deal ausgeschlossen waren, sind in der Preispolitik nicht zimperlich. Mit Gewinnmargen von sechs bis acht Prozent besteht zu den Renditemaschinen Elsevier, Wiley und Springer dennoch ein deutlicher Unterschied.

In der Theorie mag Open Access einleuchtend sein, in der Praxis ist es ein zerstörerisches Modell. Warum sollen Bibliotheken für Publikationen zahlen, die von staatlich entlohnten Wissenschaftlern geschrieben wurden, lautet das zentrale Argument seiner Befürworter. Das ist plausibel, sieht man von den Dumpinglöhnen ab, die dem akademischen Mittelbau gezahlt werden, und sieht man gleichfalls davon ab, dass Professoren durch administrative Arbeit heute so stark eingebunden sind, dass sie ihre Forschungsarbeiten selten in der Zeit schreiben, für die der Staat sie bezahlt.

Enteignung der Autoren

Der Staat, so kritisiert der Appell weiter, will nicht nur, dass Wissenschaftler ihre Arbeit umsonst abgeben; er will ihnen auch das verfassungsmäßige Grundrecht (Wissenschaftsfreiheit) entwenden, selbst über die Form der Publikation zu verfügen. Publikationen sollen frei auf Repositorien erscheinen, über die akademische Gremien bestimmen.

Den Verlagen, heißt es, müsse daraus kein existentieller Schaden entstehen, ihre Herstellungskosten seien schon heute häufig durch Publikationszuschüsse gedeckt. Das ist zwar richtig, aber ein zweifelhaftes Modell. Eine vom Bildungsministerium geförderte Studie über IT-Lobbyismus in der Bildungspolitik wird es wohl nie geben. Wer die Finanzierung wissenschaftlicher Publikationen Gremien und Stiftungen überlässt, fördert den wortreich beklagten Mainstream und Gefälligkeitsstudien - meist anwendungsbezogen, seltener grundlagenorientiert. Die Selbstverstrickung des Wissenschaftssystems, die das provozieren würde, lässt sich schon heute besehen. Unfreiwillig komisch wird es, wenn die allgemein beklagte Sprachlosigkeit der Wissenschaften zu öffentlichen Fragen einerseits mit Förderprogrammen behoben werden soll und über das Urheberrecht dann wieder vergrößert wird.

Demokratie in Gefahr? Das Urheberrecht garantiert, dass Gedanken nicht in den Köpfen bleiben und dort mangels Resonanz zum Ressentiment werden. Der Referentenentwurf ist Kosmetik an einem System, das seine Fehler anderen zuschieben will.

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