http://www.faz.net/-gqz-8egkn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 11.03.2016, 11:08 Uhr

Rassismus an Universitäten Die schwierige Solidarität der zwei schwarzen Amerikas

Der Rassismusstreit an amerikanischen Universitäten ist mehr als ein Kreuzzug der politischen Korrektheit. Hier zeigt sich die Unsicherheit der schwarzen Elite in ihrem Verhältnis zu den Ärmsten.

von Werner Sollors
© AP Wortführer des Protests: Aktivisten an der Universität Missouri

Der Monat Februar ist in den Vereinigten Staaten der schwarzen Geschichte gewidmet, eine Tradition, die dem an der HarvardUniversität promovierten afroamerikanischen Historiker Carter G. Woodson zu verdanken ist. Woodson schlug vor genau neunzig Jahren vor, eine „Negro History Week“ in der Woche der Geburtstage von Abraham Lincoln und Frederick Douglass einzuführen. Mit der gemeinsamen Ehrung eines als Sklave geborenen schwarzen Intellektuellen und eines weißen Präsidenten, der die Sklavenemanzipation durchsetzte, wollte Woodson die Hoffnung auf Gleichberechtigung zum Ausdruck bringen. Eine solche Hoffnung schien zu einer Zeit geradezu utopisch, als Afroamerikaner in vielen Staaten kein Wahlrecht hatten, seit Woodrow Wilsons Präsidentschaft auch bei der Stellenvergabe der Bundesregierung kaum noch Chancen hatten und insgesamt Bürger zweiter Klasse in einem Land waren, das pseudobiologischen Rassentheorien anhing, die eine permanente weiße Vorherrschaft und schwarze Rechtlosigkeit legitimieren sollten.

Nach langjährigen Kämpfen um schwarze Bürgerrechte und Rassenintegration wurden dann vor einem halben Jahrhundert unter Präsident Johnson endlich die rechtlichen Grundlagen für eine Gesellschaft ohne Rassentrennung und Diskriminierung geschaffen. Vom ersten Bürgerrechtsgesetz von 1964 bis zum Urteil des Obersten Gerichtshofs in Loving v. Virginia von 1967, das Mischehenverbote für verfassungswidrig erklärte, entstand eine völlig neue Rechtslage, die allen Bürgern Chancengleichheit gewähren sollte. Weil es sich aber nicht nur um individuelle Benachteiligungen gehandelt hatte und Afroamerikaner auch von staatlicher Seite lange und systematisch diskriminiert worden waren, bedurfte es besonderer Maßnahmen, die unter dem erstmals in der Eisenhower-Ära eingeführten Sammelbegriff affirmative action zum Beispiel Arbeitgeber und Universitätskommissionen dazu verpflichteten, bei Einstellung und Zulassung Kandidaten nichtweißer Minderheiten „affirmativ“ zu berücksichtigen und diesen Schritt auch nachweisen zu können.

Bilder der Gewalt

Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte. Eine neue, hochgebildete afroamerikanische Elite entstand; mehr und mehr afroamerikanische Ärzte, Rechtsanwälte und Firmeninhaber wurden in das Wirtschaftsleben des Landes integriert; mit schwarzen Bürgermeistern, Kongressabgeordneten und Senatoren wuchs eine politische Klasse, die ihren besten Ausdruck in einem schwarzen Präsidenten fand, der sogar für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde. Meinungsumfragen zeigen, dass es nur noch wenige Anhänger der alten rassistischen Ideologie gibt, dass diversity bei allen ethnischen Gruppen überaus beliebt ist und dass sich Amerikaner in Schulen, Büros und Behörden ausgesprochen wohl fühlen, in denen Menschen verschiedenster Herkunft zusammenkommen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Oligarchie ist machbar, Herr Nachbar

Von Simon Strauss

Zu seinem siebzigsten Geburtstag gibt der Philosoph Peter Sloterdijk ein Interview, in dem er erklärt, wie es angeblich wirklich läuft in der Demokratie. Er macht es sich zu einfach. Mehr 1 4