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Quellen der Inspiration Allein mit der Muse ist es doch am schönsten

Whisky ist out, aber sonst scheint von der Bergwanderung bis zur erfrischenden Dusche alles möglich: Eine Berliner Umfrage fördert zu Tage, was Wissenschaftler und Künstler produktiv macht.

© dpa Vergrößern Geistesblitze sind auch beim Duschen möglich - oder wenn die Muse sich erfrischt.

Einen brauchbaren Einfall zu haben wäre für Wissenschaftler der beste Vorsatz fürs neue Jahr. Doch woher nehmen, wenn es einem nicht gegeben wird? Seit je betonen Künstler und Wissenschaftler, dass sich im Bereich des „Heureka!“ nichts erzwingen lässt. Der Fleiß, Kalkulationen und Lektüren, das wiederholte Prüfen aller Tatsachen und Perspektiven, die geduldige Neuanordnung gegebener Elemente gehören dazu.

Der letzte Schritt zur Lösung von Problemen aber, der darüber hinaus nötig ist, wird als unvorhersehbar erfahren. 99 Prozent Transpiration, 1 Prozent Inspiration machten das Genie, meinte Edison, während William Faulkner die poetische Inspiration aus 99 Prozent Whisky und 1 Prozent Schweiß zusammengesetzt sah.

Damit lag er im Grunde schon auf der Linie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die hat nämlich unter Künstlern und Forschern ihres Umkreises herumfragen lassen, welche Inspirationsmittel bei ihnen wirken („Vademekum der Inspirationsmittel“, hrsg. von Christoph Markschies und Ernst Osterkamp, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, geb., 136 S., br., 14,90 [Euro]).

Das berühmte eine Prozent

Im Begriff des Inspirationsmittels liegt, dass man der Muse etwas einflößen, sie durch Körperübungen oder Ablenkung zu Mitteilungen bewegen kann. Das eine Prozent, das zum Durchbruch des Gedankens fehlt, lässt sich demnach locken.

Den Whisky und seine nahen Substitute nannte dabei keiner der Befragten, es scheint inzwischen in der Akademie sehr gesund zuzugehen. Vielleicht halten sie sich aber auch nur an die Devise, man solle nicht trinken, um fröhlich zu werden, sondern weil man es ist.

Der Mathematiker Martin Aigner jedenfalls gewinnt Einsichten beim Almabstieg, der Archäologe Hermann Parzinger empfiehlt Judo, der Kirchenhistoriker Markschies wird kreativ beim Bleistiftspitzen, den Medientheoretiker Siegfried Zielinski inspiriert japanische Brühe mit Schwebstoffen aus Rettich und Frühlingszwiebeln.

Rat eines Schlitzohrs

Dieter Simon, die rechtshistorische Koryphäe und wissenschaftspolitische Axt im Walde, gibt gar Läufe durch denselben als inspirierend an, was vermutlich der Rat eines Schlitzohrs ist, das unterdessen, während die anderen ihm, dem Rat, waldlaufend folgen, in der Stadtmitte den dadurch frei gewordenen Inspirationen nachstellt. Folgerichtig Simons Hinweis, wenn Waldlauf nichts fruchte, eine Assistentin oder einen Assistenten einzustellen.

Suchtmittelmäßig exponiert sich eigentlich nur Klaus Staeck, der Präsident der Berliner Akademie der Künste, indem er eine auf Nachkriegserfahrungen beruhende Maggiabhängigkeit einbekennt. Rückschlüsse auf die Kunst, die so entsteht, verbietet die Einsicht, dass man die Wirkungen, einmal entsprungen, nicht mehr in den Ursachen unterbringen kann.

Der Staatsrechtler Christoph Möllers versucht es mit Mandelhörnchen, was aber nur seine Art ist mitzuteilen, dass die Einfälle bei ihm nicht knapp sind. Der Mathematiker Günter M. Ziegler wiederum bringt in seinem Beitrag über Kaffee und Koffein den Gesichtspunkt der nützlichen Überdosis ins Spiel - die bei Mandelhörnchen und Frühlingszwiebelbrühe einfach ekelhaft wäre -, weist aber zugleich richtigerweise darauf hin, dass am Kaffee nicht die Inhaltsstoffe, sondern die Umstände seiner Herstellung inspirationsentscheidend sind. Institute ohne Kaffeemaschine sind wie Menschen ohne Tresen.

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf

Das führt zu einer wichtigen Unterscheidung: Erfolgt die Inspiration in Gesellschaft oder einsam? Fast allen Forschern leuchtet Letzteres ein. Dem Astronomen Günter Hasinger wie der Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger kommen die besten Gedanken beim Duschen.

Der Anorganiker Konrad Seppelt bekräftigt die berümteste wissenschaftsgeschichtliche Inspirationsanekdote, in der Friedrich Kekulé die Struktur des Benzols im Schlaf, also im Höhepunkt des Alleinseins, gewärtigte.

Rückzugstechniken sind Inspirationsmittel: der Schein der Schreibtischlampe, wenn es ringsum dunkel ist, beim Ingenieur Matthias Kleiner, das Versunkensein in die Platane vor dem Fenster beim Germanisten Conrad Wiedemann. Nur dem Linguisten Wolfgang Klein kommen Einfälle, wenn in Festveranstaltungen gerade langweilige Grußworte aufgesagt werden.

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So ereignet sich die Eingebung fast immer im Zustand der Zurückgezogenheit. Dazu hilft Rauschen wie Rausch, Lampe wie Schneeschaufel, Rauchen wie Platane. Von ganz anderer Art ist nur der Zeitdruck, die Abgabetermine für Texte, die Michael Stolleis, der Rechtshistoriker, und Norbert Miller, der Literaturwissenschaftler, als wichtigste Inspirationsquelle angeben. Hier lautet der Imperativ: I don’t want it good, I want it now. Oder auf Deutsch: Du kannst, denn Du sollst, genial geht später immer noch.

Quelle: F.A.Z.

 
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