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Projekt „Tuning USA“ Bologna in Amerika

29.05.2009 ·  Während der Bologna-Prozess in Europa viel Kritik erfährt, findet er jenseits des Atlantiks entschlossene Verfechter. Das Projekt „Tuning USA“ soll nun gar Defizite des amerikanischen Hochschulwesens nach Bologna-Vorbild beheben.

Von Anna Gielas
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Während der Bologna-Prozess in Europa viel Kritik erfährt, findet er jenseits des Atlantiks entschlossene Verfechter. Der bekannteste unter ihnen ist Clifford Adelman am Institut für Höhere Bildungspolitik in Washington. Der studierte Kulturhistoriker ist Urheber des im April veröffentlichten Reports „The Bologna Process for U.S. Eyes: Re-learning Higher Education in the Age of Convergence“. Hierin schlägt er vor, Defizite des amerikanischen Hochschulwesens nach Bologna-Vorbild zu beheben. Das zentrale Problem ist laut dem ehemaligen Mitarbeiter des amerikanischen Bildungsministeriums die hochunterschiedliche Qualität der akademischen Institutionen in Amerika. Hinzu kommt das Fehlen einheitlicher Regelungen für die Anerkennung von Studienleistungen, was den Studenten den Wechsel zwischen den amerikanischen Hochschuleinrichtungen erschwert. Die Folge? Zahlreiche Associate- und Bachelor-Absolventen schrecken vor den bürokratischen Hürden zurück und nehmen ein Graduiertenstudium gar nicht erst auf.

Darum ist für Adelman ein Element des Bologna-Prozesses besonders interessant: die Harmonisierung der Lernziele. „Die Abgleichung der sogenannten Learning Outcomes gilt als eine Möglichkeit, die Durchlässigkeit zu fördern, insbesondere zwischen Community Colleges und den Universitäten“, erklärt Volker Gehmlich, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Osnabrück. Gehmlich ist unter anderem Mitglied im Lenkungsausschuss des Projekts „Tuning Educational Structures in Europe“ und hat bei der Aufstellung und Einführung des European Credit Transfer and Accumulation System mitgewirkt. Mit Adelman teilt er die Idee, die Lehre mithilfe des Tunings studentengerechter zu gestalten. Adelman schlägt vor, Hochschuleinrichtungen das Fachwissen und die Kompetenzen definieren zu lassen, welche die Studenten im Lauf ihres Studiums erlangen: „Beispielsweise sollten Studenten der Chemie zukünftig nicht mehr Bezeichnungen wie Chem 101, Chem 207 und Chem 283 unter ,Studieninhalte' vorfinden, wenn sie die Studienordnung aufschlagen.“ Stattdessen könnten dort Angaben wie Laborwesen, theoretisches Wissen und interdisziplinäre Ansätze stehen.

Chemiestudenten in Indiana, Utah und Minnesota profitieren

Von seinen Vorschlägen werden vorerst die Chemiestudenten in Indiana, Utah und Minnesota profitieren. In den drei Bundesstaaten ist im April das von der Lumina Foundation for Education mit insgesamt rund 340 Millionen Euro finanzierte Projekt „Tuning USA“ angelaufen. Binnen eines Jahres sollen dortige Institutionen der höheren Bildung ihre Lehrpläne der Fächer Chemie, Pädagogik, Geschichte, Physik und Grafikdesign nach Bologna-Vorbild modifizieren. Volker Gehmlich soll die Gruppe aus Minnesota in den Fächern Biologie und Grafik beraten. Im Falle Minnesotas gelte es beispielsweise, die Gegensätze zwischen dem elitären Carleton College, der staatlichen University of Minnesota mit 50 000 Immatrikulierten sowie dem kleinen Community College Ridgewater mit seinen fünftausend Studierenden zu überwinden.

Kritiker wittern in dem Tuning-Projekt die Einschränkung akademischer Freiheit. So befürchtet Cary Nelson, Präsident des Amerikanischen Verbandes der Universitätsprofessoren, Dozenten könnten ihren Einfluss auf die Inhalte und die Durchführung der Seminare einbüßen. Grundlos, erwidert Adelman: „Die Lehrstätten sollen entscheiden, wie sie ihren Studenten das Fachwissen vermitteln. Dieses soll außerdem nicht identisch, sondern lediglich miteinander abgestimmt sein.“

Ein neuer Kurs

„Mit ,Tuning USA' schlagen die Vereinigten Staaten einen neuen Kurs ein, der noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen wäre“, erklärt Josef Lentsch, der an der Harvard Kennedy School zur höheren Bildungspolitik in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union forscht. Die ehemalige Bildungsministerin Margaret Spellings hatte damals ein entschlossenes „Nein!“ auf die Frage gegeben, ob man auf dem Hochschulsektor von anderen Ländern lernen könne. Diesseits des Atlantiks wird das plötzliche Interesse der Vereinigten Staaten am Bologna-Prozess mit gemischten Gefühlen beäugt. Einige Beobachter haben den Eindruck, die Umwälzungen im europäischen Hochschulbereich würden als Versuchslabor betrachtet, um sich die Rosinen herauszupicken.

Doch in den Vereinigten Staaten ist eher die Sorge, die internationale Vorrangstellung in puncto akademischer Bildung und langfristig die Forschungsvormacht zu verlieren, der Grund, wieso Adelmans Initiative und das Tuning-Projekt auf Wohlwollen stoßen. Erste Anzeichen für die steigende europäische Konkurrenzfähigkeit im Hochschulwesen, wie die verstärkte Abwerbung profilierter amerikanischer Nachwuchswissenschaftler durch die Länder der EU, führt Adelman auf das Erfolgskonzept Bologna zurück.

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