25.08.2009 · Der Vorwurf der Professorenkorruption an deutschen Hochschulen sorgt für Aufsehen. Drei Prozent aller Doktortitel sollen erschlichen sein. Doch muss man sich auch fragen, ob es bei der Betreuung der übrigen Verfahren nicht überwiegend zynisch zugeht.
Von Jürgen KaubeEtwa 24.000 Doktortitel werden in Deutschland pro Jahr vergeben. Vor dreißig Jahren war es noch gerade die Hälfte. Das liegt nicht an einem zwischenzeitlich überproportionalen Andrang auf den Titel, sondern an den seither gestiegenen Studentenzahlen. Die Promotionsneigung, berechnet als Anteil der Doktoranden an den Absolventen mit Diplom, Magister oder Staatsexamen, ist fächerweit ziemlich konstant. Nach wie vor wird ein Zehntel der Juristen promoviert, jeder sechste Geisteswissenschaftler, ein Fünftel der Ingenieure, knapp die Hälfte aller Naturwissenschaftler und zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln aller Mediziner.
Es ist nützlich, solche Zahlen zu kennen, um die Nachricht einzuschätzen, rund einhundert Hochschullehrer hätten sich vermutlich der Korruption in Promotionsverfahren an deutschen Universitäten schuldig gemacht. Betroffen soll ein gutes Dutzend Hochschulen sein. Gegen Zahlung eines Betrags von 4000 Euro wurden Kandidaten angenommen. Vermittelt hatte sie für Beträge bis zu 20.000 Euro ein inzwischen geschlossenes „Institut für Wissenschaftsberatung“ aus Bergisch-Gladbach, dessen Gründer, Frank Grätz, auch Mitautor des Duden-Ratgebers „Wie verfaßt man wissenschaftliche Arbeiten?“ ist.
Wo liegt der Schaden?
Darüber hinaus gibt es seit langem die Vermutung, dass auch ganze Dissertationen druckfertig eingekauft werden. Nach einer Schätzung des Münchner Betriebswirtschaftlers Manuel Theisen, wonach drei Prozent aller Doktortitel erschlichen seien, käme man auf rund siebenhundert Fälle im Jahr – dann allerdings wohl auch auf bedeutend mehr als nur hundert Professoren, die an diesem Missstand beteiligt wären. Denn jede Dissertation hat zwei Gutachter, außerdem wird eine mündliche Prüfung (Rigorosum) oder ein wissenschaftliches Streitgespräch (Disputation) durchgeführt, an dem andere Mitglieder des Lehrkörpers beteiligt sind.
An dieser Stelle muss man sich entscheiden, worin der Skandal der Professorenkorruption besteht. Haben sie Geld genommen für etwas, das zu ihren Dienstpflichten gehört: das Promovieren von geeigneten Kandidaten? Oder haben sie mehr als ihren Dienstherrn und die Kandidaten geschädigt, nämlich die Wissenschaft, indem sie ungeeignete oder von Ghostwritern verfasste Arbeiten wissentlich akademisch honorierten?
Korrumpiertes System der Gleichgültigkeit
Das führt zurück zur Frage der Größenverhältnisse. Denn unter den gegenwärtigen Bedingungen schaut gar niemand mehr darauf, was alles als Promotion und also wissenschaftliche Leistung durchgeht. Glücklich der Promovend, der sicher sein kann, dass sein Doktorvater überhaupt gelesen oder sogar durchdacht hat, was ihm vorgelegt wurde. In Fächern wie Medizin, Betriebswirtschaftslehre oder Jura, aber auch in weniger vom Titelhandel betroffenenen wie Germanistik, Pädagogik oder Soziologie gibt es riesige Zonen bar jeder Kriterien für das, was Wissenschaft zu nennen sei.
Und der akademische Betrieb ist insgesamt zu groß geworden, als dass auf solche Zonen anders als mit Indifferenz reagiert würde. Hätte man je von einer fachöffentlichen Kritik auch nur an den rechtlich korrekt zustandegekommenen Promotionshalden gehört, die jedes Jahr durch Arbeiten sich anhäufen, die niemand braucht – außer ihre Autoren den damit verbundenen Titel und ihre Verlage die Druckkostenbeihilfe? Nein, die Wissenschaft selber unterhält, diesseits der strafrechtlichen Verantwortung, ein korrumpiertes System der Gleichgültigkeit gegen den Ausstoß an wertlosem Papier, den sie betreibt.
Markt für Intelligenzsymbole
Das hat zusätzlich zur Neigung, Konflikte mit und Kritik an Kollegen zu vermeiden, auch strukturelle Gründe. Die Forderung nach „größmöglicher Sorgfalt“ beim Promotionsverfahren, die Bildungsministerin Schavan (CDU) gegenüber den Hochschulen erhebt, verkennt, dass die Hochschulpolitik selbst nichts dazu getan hat, um diese Sorgfalt zu befördern. So wurde die Kennzahl „erfolgreich betreute Dissertationen“ in den Rang eines Leitungskriteriums gehoben; zuletzt auch beim Forschungs-Rating des Wissenschaftsrats. So als wäre ein neuer Doktorand je Professor pro Jahr schlechter als zwanzig. Zusätzlich hat die Exzellenzinitiative mit ihrer „zweiten Säule“ der Nachwuchsförderung zu einer beispiel- und besinnungslosen Räumung des Marktes für Promovenden geführt. Inzwischen richtet jede Hochschule Graduiertenschulen mit mehr Plätzen ein, als es brauchbare Kandidaten gibt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es schon, dass man jeden nehme, damit nur die Gelder abfließen. Darum liest die entsprechenden Produkte in vielen Fächern auch schon lange niemand mehr. Sie dienen vielmehr oft nur dem biographischen Nachweis der Autoren, fürs Stipendium auch etwas getan zu haben.
Es ist diese Haltung der Indifferenz, in der sich die illegale Titelerwirtschaftung wohlfühlt. Bemerkenswert allerdings, dass die von ihr ausgelöste allgemeine Inflation der Zertifikate außerhalb der Wissenschaft noch nicht zu ihrer Entwertung geführt hat. Vielleicht ist es wie bei Reklame: Man weiß, dass sie fast nichts über das Produkt sagt, aber es fehlt ein besseres Signal. Und also schließt man mangels anderer Kriterien vom Doktor auf Befähigung. Oder wenigstens Fleiß. Und also entsteht ein Markt für Intelligenzsymbole, die sich so leicht fälschen lassen wie andere Symbole auch.
Der Doktor ist kein Titel
Tatiana Schmidt (tatiane)
- 24.08.2009, 23:53 Uhr
Den wichtigsten Punkt berührt!
Matthias Rüttgen (MRuettgen)
- 25.08.2009, 00:17 Uhr
Ich bin promoviert und weiß, wovon ich rede.
Emanuel Schwabe (fray048x)
- 25.08.2009, 00:48 Uhr
Wie so oft, ist auch hier der Staat der größte Halunke
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 25.08.2009, 00:50 Uhr
Kein Wunder
carsten jung (cjung)
- 25.08.2009, 01:15 Uhr