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Veröffentlicht: 01.08.2015, 10:22 Uhr

Künstlerische Forschung Praxis Dr. Kunst geschlossen

Seit den neunziger Jahren galt Artistic Research als Zauberformel der Kunstakademien. Nur hatten die Künstler auf Forschung nie richtig Lust. Nachruf auf eine Bewegung.

von Daniel Hornuff
© ERIC HELLER/SCIENCE PHOTO LIBRAR Vorsicht forschende Kunst! Die zu Farnen geformten Elektronenströme des amerikanischen Physikers Eric Heller

Artistic Research ist ein Etikett, das an Kunstakademien und Kunsthochschulen lange Zeit überaus erfolgreich war. Sein Erfolg verdankte sich dem Umstand, dass es auf unterschiedlichste Inhalte, Praktiken und Theorien passte. Doch so verführerisch dieses Etikett lange schillerte, so stark verblasste es über die letzten Jahre. Inzwischen ist es kaum mehr entzifferbar.

War es das je? Rückblickend lassen sich zumindest drei Gründungsmotive unterscheiden: Erstens das hochschulpolitische Bestreben, unter dem Etikett der forschenden Kunst neue Studieninhalte zu legitimieren; zweitens ein vorwiegend an Kunstakademien geführter erkenntnistheoretischer Diskurs über die Beziehung von Forschung und Kunst; und drittens der politische Wille, künstlerische Forschung durch Mittelzuweisungen für entsprechend deklarierte Projekte zu prämieren.

Auch wenn sich etliche Künstler des Etiketts bis heute lose bedienen, wurde Artistic Research auf anderen Feldern populär. Ein Blick in das „Journal für Artistic Research“ gibt einen Eindruck von der Vielfalt der Themen, die unter dem Etikett firmieren. Eine Serie medizinisch-anatomischer Selbstporträts steht hier neben einer Präsentation von Materialien, die in Verbindung zu Luigi Nonos Klavierstücken stehen, und kritischen Reflexionen zur These der Überlegenheit der menschlichen Kultur gegenüber anderen Lebensformen.

Remystifizierung und Positivierung

Hinter Artistic Research verbarg sich also weder eine spezifische Kunstform noch eine definierte Stilrichtung. Von einer eigenständigen Gattung sprach ohnehin niemand. Zwar mochte Einigkeit darüber herrschen, dass die Bewegung „recherchebasierte und auf Erkenntnis zielende künstlerische Praktiken“ meinte, wie die Kunstwissenschaftlerin Kathrin Busch 2011 in einer Themenausgabe der Zeitschrift „Texte zur Kunst“ ausführte. Doch verweisen derart allgemein gehaltene Bestimmungen auf das eigentliche Problem, dass sich unter dem Etikett des forschenden Künstlers nahezu alle künstlerischen Vorhaben subsumieren lassen. Schließlich kommt keine Werkentstehung ohne Vorerkundungen aus, wie prinzipiell auch jedes Werk zur Gewinnung irgendeiner Einsicht herangezogen werden kann. Um das Jahr 2007, die Hochphase der Bewegung, wurden Debatten wiederholt, die sich in ähnlicher Form durch die gesamte Kunsttheorie der Moderne ziehen.

Der Versuch, Kunst über einen Vergleich mit vorrangig naturwissenschaftlichen Ansätzen aufzuwerten, gehört spätestens seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert zum Standard der Kunstrhetorik. Erinnert sei an Hans Sedlmayr, der das revolutionäre Potential moderner Kunst exemplarisch an szientifische Autoritäten koppelte: „In dem Streben nach Reinheit der Künste, so wie es die moderne Kunst verstanden hat, steckt unbemerkt etwas vom Geist der modernen Wissenschaft.“ Es wuchs allerdings auch die Tendenz zur Affirmation, denn wie Sedlmayr weiter ausführt, fühlten sich die Künstler den Naturwissenschaften meist unterlegen, die sie imitierten, aber nicht verstanden.

Im Bemühen um Anschluss an die moderne Wissenschaft folgte die Artistic-Research-Bewegung von Beginn an paradoxen Überzeugungen. Durch eine Remystifizierung von Kunst sollte ihr positivistischer Wert ersichtlich werden. Die vorrangige Assoziation künstlerischen Handelns mit Intuition, Gespür und Wagemut sollte den forschenden Künstler in die Lage versetzen, eine auf Prinzipien der Rationalität verpflichtete Wissenschaft zu ergänzen. Man ging davon aus, dass das forschende Potential der Kunst in ihrer dezidierten Antiwissenschaftlichkeit ruhe.

Künstler mit Doktortitel

Der in Den Haag lehrende Kunstphilosoph Henk Borgdorff, engagierter Theoretiker der künstlerischen Forschung, drückte dies so aus: „Da die künstlerischen kreativen Prozesse untrennbar mit der kreativen Persönlichkeit und dem individuellen, teils idiosynkratischen Blick des Künstlers verbunden sind, kann diese Art Forschung am besten ,von innen‘ betrieben werden.“ Ein Charakteristikum der Bewegung war die naive Renaissance des romantischen Geniekults.

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