http://www.faz.net/-gqz-8r8te

Präsidentin ohne Diplom : Im grünen Netzwerk

  • Aktualisiert am

Empfiehlt sich als Netzwerkerin ohne Diplom: Eveline Lemke Bild: dpa

Die private Karlshochschule hat die Grünen-Politikerin Eveline Lemke zur neuen Präsidentin gemacht. Darf Lemke eine Hochschule ohne eigenen Studienabschluss leiten?

          Die private Karlshochschule in Karlsruhe hat keine Mühen gescheut, um die frühere rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) zur neuen Präsidentin zu machen. Es wurde ein gesondertes Rechtsgutachten eingeholt, und der Senat fasste einen einstimmigen Beschluss, damit die Politikerin - trotz eines fehlenden Studienabschlusses - eingestellt werden konnte.

          Die Grundordnung der privaten Hochschule sah die Möglichkeit, Präsidenten ohne Studienabschluss zu berufen, bislang nicht vor: Präsidentin der Karlshochschule kann werden, wer dortselbst Professorin ist. Oder ein Bewerber musste einen Studienabschluss haben und mehrere Jahre in leitenden Funktionen tätig gewesen sein. Eveline Lemke machte zwar ein Vordiplom im Fach Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hannover, sie vertiefte ihr Studium im Fach Umweltökonomie später mit einem Fernstudiengang, ein Examen legte sie jedoch nicht ab. Senat und Hochschulrat hätten die Präsidentin entgegen der Grundordnung bestellt, weil ihre Lebensleistungen als Politikerin und ihre Studienleistungen einem Studienabschluss „äquivalent“ seien, heißt es auf Anfrage aus der Hochschule. Die Grundordnung - die bei einer Privatuniversität nicht zwingend gesetzlichen Vorschriften für staatliche Hochschulen folgen muss, nach denen ein Studienabschluss Einstellungsvoraussetzung für eine Präsidentin ist - werde man ändern.

          Reine Privatsache?

          Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium, das von der grünen Ministerin Theresia Bauer geführt wird, wurde von der Karlshochschule bei der Berufung nicht kontaktiert und lehnt folglich jede Verantwortung ab: „Das ist eine private Hochschule. Wir bekommen das nur mitgeteilt. Die Ministerin hat hierauf keinen Einfluss“, hieß es. Die private Hochschule bekommt Zuschüsse vom Land, 450.000 Euro pro anno waren es in den vergangenen Jahren, zuletzt, 2016, 400.000 Euro. Die Zuschüsse sollen nach Auskunft des Ministeriums reduziert werden.

          Eveline Lemke wechselt übergangslos von der Politik an die Hochschule: Sie hat ihren Posten bei der Karlshochschule seit dem 1. Januar inne, ihr Landtagsmandat will sie aber erst in einigen Wochen zurückgeben. Sie bleibe bis Ende März Abgeordnete, teilt die Karlshochschule dazu auf Anfrage mit, „um ihre Aufgaben dort zu einem gewissen Abschluss zu bringen“, bis dahin leite Eveline Lemke die Hochschule „ehrenamtlich und unentgeltlich“. Ihre Glaubwürdigkeit sieht die Karlshochschule durch die Berufung nicht tangiert, diese hänge „von anderen Leistungen ab“. Im Übrigen betrachte man die Präsidentin Eveline Lemke als „Glücksfall“.

          Eveline Lemke sagte der „Allgemeinen Zeitung“ aus Mainz zur Rechtfertigung ihres Wechsels nach Karlsruhe, sie lehre an der Hochschule nicht, sondern sei als „Netzwerkerin zwischen Wissenschaft, Politik, Gesellschaft in einer Denkwerkstatt für eine offene Welt“ tätig. Andere Grüne nehmen es mit formalen Abschlüssen genauer: Manfred Lucha, der baden-württembergische Minister für Gesundheit, Soziales und Integration, legt bei der Berufung von Integrationsbeauftragten großen Wert auf einen Studienabschluss.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Personalwechsel an der AfD-Spitze? Video-Seite öffnen

          Parteitag in Hannover : Personalwechsel an der AfD-Spitze?

          Vor dem Parteitag der AfD hat Jörg Meuthen seine abermalige Kandidatur für den Parteivorsitz angekündigt. Ebenfalls im Rennen ist der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski. Zwei bekannte Politiker ließen dagegen noch alles offen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Anstehende Sondierungsgespräche : Der Preis für Neuwahlen ist zu hoch

          Der Bürger hat gewiss keinen Anspruch auf eine bestimmte Regierung – er wählt ja auch keine Koalitionen. Aber er kann erwarten, dass die Volksvertreter sich zumindest bemühen, sich zusammenzuraufen. Und zwar zügig. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.