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Plagiatsverfahren Schavan : Einmischen statt denken

Kommt es wirklich auf den Kontext an, in dem ein Plagiat entstanden ist? Schavan 2012 in Erfurt. Bild: dpa

Der Fall Schavan ist ein Fall für Wissenschaftsfunktionäre. Er gibt Einblick in eine Welt, die sich wissenschaftlich nennt, in der aber offenbar mit allem gerechnet werden muss, nicht zuletzt mit Dummheit.

          Der Abschlussbericht zum Plagiatsverfahren Schavan, den der Althistoriker Bruno Bleckmann als Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf gegeben hat, ist ein herrliches Dokument universitärer Zeitgeschichte. Das Verdienst, ihn publiziert zu haben, gebührt dem Berliner „Tagesspiegel“

          Es lohnt zum einen als Blick in eine Welt, in der, obwohl sie sich wissenschaftlich nennt, offenbar mit allem, besonders aber mit Dummheit gerechnet werden muss. Beispielsweise mit Argumenten wie diesem eines Augsburger katholischen Theologen: Wenn es Verfehlungen in der Dissertation von Frau Schavan gab, war die Fakultät 1978 nicht in der Lage, sie zu erkennen, dann aber war sie auch nicht fähig, „Promotionen zu vergeben“ - soll heißen: nicht fähig, sie zu beurteilen -, weshalb sie auch kein Promotionsrecht besessen habe.

          Schwieriges Verhältnis zu Originalität

          Man fragt sich, wozu solche Professoren ihrerseits fähig sind, und erhält auch darauf eine instruktive Antwort, von ihnen selbst: Mit Blick auf den Gutachter im Verfahren schließt der Theologe nämlich die Bemerkung an, einen „jüdischen Religionswissenschaftler, der sich vor allem mit der jüdischen Erinnerungskultur beschäftigen sollte und bei dem diese amnetischen (sic!) Störungen auftreten“, nämlich die alten Üblichkeiten beim Promovieren mit den heutigen zu verwechseln, „halte ich für sehr problematisch“.

          Mehr noch lohnt sich der Blick in Bleckmanns Abschlussbericht, weil er in der Sache vor eine klare Alternative stellt. In Düsseldorf wurde eine Dissertation daraufhin geprüft, ob in ihr die Herkunft größerer Textbestandteile ausgewiesen wurde oder nicht; und wenn nicht, ob das als Versehen interpretiert werden kann. Das nannten all jene, die noch im Juni 2011 nichts dagegen hatten, dass die Dissertation der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin genau so geprüft worden war, nun „eine formalistische Text-Analyse“ (Wolfgang Marquardt, Wissenschaftsrat), die nicht ausreiche.

          Vielmehr sei im Sinne einer Erklärung der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ vom Januar 2013 bei Dissertationen „der Entstehungskontext in angemessener Weise zu berücksichtigen“ (Thomas May, Wissenschaftsrat). Analog zur Bereitschaft, bei Straftätern zu würdigen, ob sie unter schwierigen Lebensverhältnissen aufwuchsen, wäre dann bei Plagiaten zu würdigen, ob sie in Disziplinen mit einem schwierigen Verhältnis zu Originalität entstanden sind.

          Rücksicht auf die Umstände des Plagiats?

          Die Alternative lautet also, ob man für Doktorarbeiten, die zahlreiche Plagiate enthalten, es entschuldigend findet, wenn Anlass zur Vermutung besteht, dass auch andere Doktorarbeiten desselben Faches, derselben Fächergruppe oder derselben Zeit Plagiate enthalten. Oder ob man findet, dass „così fan tutte“ kein Entschuldigungsgrund ist. Insbesondere dann nicht, wenn es gar nicht alle waren, die es taten, nämlich plagiieren, und dass das Recht in erster Linie dazu da ist, diejenigen Doktoranden zu schützen, die auch damals in Übereinstimmung mit der Promotionsordnung und jeder (jeder!) Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten nicht plagiiert haben.

          Das führt zur soziologisch interessanten Frage, wovon es abhängt, welche der beiden Möglichkeiten ergriffen wird. Es entsteht aus den vielen Zuschriften seitens der Spitzenfunktionäre deutscher Wissenschaft, die Bruno Bleckmann bekommen hat, der Eindruck, dass „Formalismus“ und „Positivismus“ eines Verfahrens vor allem die Schwächeren schützen. Wohingegen die auch außerhalb dieses Schriftverkehrs oft geäußerte Bitte um Rücksicht auf die Umstände des Plagiats (Fachkultur, keine Computer, überforderte Doktorandin) von einer Einfühlung in die Ministerin getragen war, auf die kein Studierender hoffen dürfte, würde er beim Abschreiben in einer Klausur erwischt.

          Der Düsseldorfer Dekan unterstreicht diese Merkwürdigkeit mit seiner Verteidigung des „formalistischen“ Verfahrens: Alle anderen Reaktionen, in denen etwa die bürgerliche Ehrbarkeit höher gewichtet worden wäre als der wissenschaftliche Diskurs, trügen in die Hochschulen ein wissenschaftsfremdes Element hinein. Man kann seinen nur schwer gebändigten Zorn darüber verstehen, dass die Vertreter der großen Wissenschaftsorganisationen weder die Disziplin noch den Respekt hatten, sich zu einem schwebenden Verfahren nicht zu äußern.

          Noch konnten sie sich gar zu einer Bekräftigung eines unabhängigen und routinemäßigen Prüfungsverfahrens entschließen, wie es durchgeführt zu haben der Düsseldorfer Universität gerichtlich bestätigt worden ist. Stattdessen unterschied der HRK-Vorsitzende Hippler sogar zwischen „Routineverfahren“ und demjenigen, das Frau Schavan betraf. In diesem Geist mischte man sich massiv zugunsten der Ministerin ein, übrigens auch andere Universitätspräsidenten wie der HU-Chef Olbertz, die es nun als Allerletzte nötig hatten und sich besser gefragt hätten, ob sie bei einem analogen Fall jetzt noch als unbefangen gelten können.

          Quelle: F.A.Z.

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