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Plagiatssoftware an Universitäten Software oder Lektüre?

 ·  Plagiatsindentifizierungsprogramme sollen die Arbeiten der Studenten kontrollieren, doch sind viele zu ungenau und einige sogar nutzlos. Beklagt wird das Entstehen einer Misstrauenskultur.

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© ZB-FUNKREGIO OST Plagiate von Studenten lassen sich auch den Lehrenden ankreiden, die einen Studiengang organisiert haben, der Anreize zum Plagiieren liefert

Turnitin, Plagaware, Plagscan, CopyscapePremium oder Catch It First - unter verschiedenen Namen verbreitet sich eine neue Form von Software an den Universitäten und Fachhochschulen. Die Hochschulen hoffen, mit diesen „Plagiatsidentifizierungsprogrammen“ kontrollieren zu können, ob ihre Studierenden bei der Anfertigung ihrer Bachelor- und Masterarbeiten sowie ihrer Übungsaufgaben, Essays und Hausarbeiten andere Texte übernommen haben, ohne dieses entsprechend zu markieren.

Der Vorteil dieser Plagiatssoftware für die Hochschulen ist offensichtlich. Die Überprüfung der Arbeiten braucht nicht mehr von den Lehrenden selbst vorgenommen zu werden, sondern kann an die Sekretariate ausgelagert werden. Die elektronischen Fassungen der Arbeiten brauchen in den Sekretariaten nur in die Programme eingelesen zu werden, und das Programm zeigt am Ende an, ob ein Text plagiiert wurde oder nicht. In letzter Konsequenz brauchen die Lehrenden also die Arbeiten selbst gar nicht mehr aufmerksam zu lesen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass viele dieser Softwareprogramme ungenau, einige sogar völlig nutzlos sind. Das Abschreiben von Texten, die nicht im Netz stehen, wird in der Regel nicht erkannt. Das Paraphrasieren von Absätzen fällt häufig nicht auf. Nicht als Zitate gekennzeichnete Übersetzungen werden gar nicht erfasst. Aber vielleicht macht dies nichts. Allein die Drohung, dass eine Hochschule Plagiatssoftware einsetzt, kann vielleicht Studierende motivieren, sich beim ungekennzeichneten Abschreiben zurückzuhalten, oder wenigstens - wie vom ehemaligen Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz und niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann vorgemacht -, sich auf das Anfertigen einer „großflächig angelegten Collage von Zitaten“ zu beschränken.

Ein Indiz für Desinteresse

Die Einführung von Plagiatssoftware hat an den meisten Hochschulen zu kontroversen Debatten zwischen Studierendenvertretern und Hochschulleitungen geführt. Es werden Datenschutzbedenken geäußert, und vor einer langsamen Gewöhnung an Überwachung mit Hilfe technischer Mittel wird gewarnt. Beklagt wird eine Umstellung von einer Vertrauens- auf eine Misstrauenskultur, in der alle Studierenden erst einmal verdächtigt werden, ein Plagiat abgeliefert zu haben. Es wird problematisiert, wer letztlich die Urheberrechte an den in die Programme eingespeisten Texten hält und ob die Plagiats-Detektive diese für die Entdeckung weiterer Fälle nutzen dürfen.

Eine Frage wird bei der Kritik an Plagiatssoftware jedoch selten gestellt: Weswegen brauchen Hochschulen überhaupt eine Software-Lösung, um herauszubekommen, ob plagiiert wird? Ein Plagiat bei einer Übungsaufgabe, bei einer Hausarbeit oder bei einer Bachelorarbeit ist immer auch ein Indiz dafür, dass Studierende ein so starkes Desinteresse ihres Betreuers an der Arbeit annehmen, dass ein Plagiat nicht auffallen würde. Die Fragestellung scheint so allgemein zu sein, dass man sich traut, ganze Arbeiten aus dem Netz zu übernehmen, und die Betreuung in den Seminaren scheint so locker zu sein, dass man denkt, dass der Professor oder die Professorin schon nicht darüber stolpern wird, dass man plötzlich deutlich besser ist als die Beiträge, die man mündlich im Seminar abgeliefert hat.

Plagiate als Fehler der Lehrenden

Bisher gibt es keine systematischen Untersuchungen darüber, welche Textformen von Studierenden besonders stark plagiiert werden. Aber es spricht viel dafür, dass Plagiate immer dann besonders häufig angefertigt werden, wenn Studierende vermuten, dass die Lehrenden die Texte sowieso nicht richtig zur Kenntnis nehmen. Die kleinen Übungsaufgaben, die inzwischen in vielen Veranstaltungen einen Ersatz für die vielfach verbotenen Anwesenheitslisten bilden sollen, werden von den Lehrenden häufig nicht gelesen, geschweige denn ausführlich kommentiert. Wer mag Studierenden unter diesen Umständen verdenken, dass sie in Antizipation des Leseverhaltens der Dozenten ihre Arbeiten nur noch mit Hilfe von Copy and Paste anfertigen?

Insofern kann man einen Nutzen von Plagiatssoftware sehen, der häufig in der Bewerbung durch die Unternehmen nicht hervorgehoben wird: nämlich die Möglichkeit, über die Anzahl der Plagiate an einem Institut, einer Fakultät oder eines Fachbereichs eine Aussage über die Qualität der Betreuung von Studierenden bei der Abfassung von schriftlichen Arbeiten zu erheben. Der Reflex der Universitäten ist zwar, ein identifiziertes Plagiat immer erst einmal als eine Verfehlung des Studierenden zu begreifen. Doch es kann gleichzeitig auch als Indiz für eine stark anonymisierte Studienstruktur und eine unzureichende Betreuung schriftlicher Arbeiten durch Lehrende gewertet werden. Insofern könnte die Plagiatssoftware dafür eingesetzt werden, anonymisiert die Anzahl von Plagiaten in Studiengängen zu erheben. Die Ergebnisse würden dann nicht den Studierenden als Fehler zugerechnet werden, sondern den Lehrenden, die einen Studiengang organisiert haben, der Anreize zum Plagiieren liefert.

Stefan Kühl lehrt Soziologie an der Universität Bielefeld.

Quelle: F.A.Z.
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