Verständnis allenthalben. Muss es skeptisch stimmen, dass nach so großem Jagdeifer nun so große Duldsamkeit für mutmaßliche Abschreiber herrscht? Von einer zornigen Sehnsucht nach dem Neuen ist zu lesen, die Dissertationen unter Fortschrittszwang stellt, von der ausreichenden Legitimation einer Doktorarbeit durch die Weitergabe von Wissen, von dem dringlichen Wunsch nach einem Ende der beschämenden Plagiatsjagd als Massenspektakel im Netz.
Zwischen Guttenberg und Schavan liegt ein gutes Jahr. Die Fälle liegen unterschiedlich. Auf der einen Seite der charismatische Blender, auf der anderen die vorher eher für zu große Seriosität gescholtene Hochschulpolitikerin. Unabhängig von den Personen zeichnet sich aber ein Stimmungswechsel ab, der in seiner Schärfe an eine andere Trendwende erinnert.
Kampf um die Texthoheit
Verständnis ist eine hermeneutische Figur. Im Namen der Hermeneutik geht es jetzt darum, an die digitale Kultur verlorenes Diskursgebiet zurückzuerobern. Textnähe und nuanciertes Verständnis werden eingefordert anstelle der kontextblinden Software-Lektüre, die am Buchstaben klebt und Schriften auf Strichcodes skelettiert. Man sieht die Zeit gekommen, mit dem ungeliebten Typus des zahlenfixierten Plagiatsjägers im Netz abzurechnen, der den Informatiker und Zahnarzt als Textkritiker salonfähig machte, angestammte Autoritäten düpierte und sein Urteil weit über seine Kompetenzen dehnte. Und man wird auch der eifernden Selbstjustiz der anonymen Kollektive nicht nachtrauern, die sich in einer zufälligen Auswahl an prominenten Opfern schadlos hielten.
Parallel zur Rückeroberung angestammten Terrains läuft nicht zufällig der allgemeine Rückzug der sogenannten Netzgemeinde, die ihr utopisches Potential aufgezehrt hat. Die Netzavantgarde muss ihre Freiräume heute gegen Staaten und Unternehmen, die sie einmal auf ihrer Seite glaubte, verteidigen. Ihr Personal ist verschlissen, frühere Lichtgestalten wie Julian Assange entzaubert.
Allgemein hat sich die Erkenntnis eingestellt, dass die oft mit messianischen Verheißungen verbundenen Projekte nach großer Anfangseuphorie keine Dauer erreichen. Man sah es bei der grünen Twitter-Revolution in Iran wie bei den Facebook-Erhebungen in den arabischen Staaten, bei der Blogger-Offensive, die den Massenmedien einmal die Herrschaft über den öffentlichen Diskurs entreißen wollte, wie bei der erlahmten Occupy-Bewegung, die eine neue Form der Revolte zu etablieren schien. Und man erlebt es gegenwärtig beim Abstieg der Piratenpartei, der es an ausreichendem Verständnis für das Internet zu fehlen scheint. Spätestens seit der erfolglosen Petition gegen das Leistungsschutzrecht ist das Brodeln im virtuellen Untergrund nicht mehr zu spüren. Auch auf den Seiten der Plagiatsjäger finden sich nur noch wenige Unermüdliche ein. Man nutzt die Gelegenheit, sich von der hyperbolischen Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes zu befreien, die affektive Energien ausbeutet und Aufnahmekapazitäten schnell erschöpft.
Ein Genie darf schlampen
Die hermeneutische Gegenoffensive läuft unter der begründeten Annahme, die Erkenntnisleistung einer Dissertation lasse sich nicht im technischen Abgleich von Textbausteinen beurteilen. Aber auch sie hat ihre Übertreibungen. Man erkennt es schon daran, dass mancher im Fall Schavan mehr Nähe zum Text forderte, sich aber von der Lektüre des Werkes entbunden fühlte, das er vor dem Plagiatsvorwurf in Schutz nahm. Gegen das technizistische Textverständnis wird eine überdehnte Hermeneutik aufgefahren und eine Genieästhetik, die oft im Widerspruch zum empirischen Charakter der verhandelten Arbeiten steht. Das superlativische Vokabular wurde den Universitäten im Zuge der Exzellenzinitiative von Wissenschaftsmanagern eingeflüstert, die nicht kleinlich im Gebrauch von Top- und Spitzenprädikaten sind. Eine antiquierte Bildungssprache ragt steil über die Wirklichkeit finanziell gebeutelter Massenuniversitäten heraus.
Die hermeneutische Wende hat so eine falsche Ausschließlichkeitsfigur etabliert. Die eigenständige Erkenntnisleistung, die vom bloß handwerklichen Mangel des Abschreibens unangetastet bleibe, wird zum allein maßgeblichen Kriterium erklärt und verletzte Zitatpflichten mit lässiger Geste abgetan. Im Umgang mit dem Wort „Erkenntnis“ gibt man sich generös. Letztlich liegt in diesem Insistieren auf qualitative Kriterien nur der Versuch, ein Plagiat so unfassbar zu machen, dass sich das Problem nicht mehr stellt.
Nun kann eine Arbeit eine eigenständige Erkenntnis enthalten und trotzdem die Anforderungen an eine Dissertation verfehlen. Es wird von keinem Doktoranden eine Schöpfung aus dem Nichts gefordert, sondern nur, dass er die Leistungen, auf denen er aufbaut, nennt. Es geht auch nicht darum, nur im Schlusskapitel, sondern über die ganze Arbeit hinweg die souveräne Autorschaft und die Emanzipation von seinen Quellen zu demonstrieren. Wenn man theoretische Vorbemerkungen von der Pflicht eigenständiger Formulierung entbindet, gibt man den (sicher oft nicht eingehaltenen) Anspruch ganz auf, dass sie die folgende Empirie leiten und durchdringen sollen.
Der Druck der Dunkelziffer
Die neu reklamierte Freiheit kann auch als der Versuch verstanden werden, das Versagen der akademischen Selbstreinigungskräfte zu überdecken. Die versprochene Aufklärung nach den spektakulären Plagiatsfällen läuft halbherzig und schleppend, von den angekündigten Gegenmaßnahmen und festen Instanzen ist wenig zu sehen. Unverbindliche Redlichkeitsformeln sollen es richten. Im Unterbewussten der Debatte gärt unterdessen eine enorm hoch zu vermutende Dunkelziffer.
Die Pflicht und Möglichkeit zur Aufklärung wächst mit verbesserten Recherchewerkzeugen und weiteren Digitalisaten. Sie würde eine personelle Überforderung bedeuten, wenn nicht nur willkürlich und sporadisch, sondern gerecht und flächendeckend nachgeprüft werden soll. Es ist fraglich, ob dem Zukunftstyp des akademischen Netzwerkers, der überall potentielle Verbündete sieht und scharfe Kontroversen meidet, die Aufklärung aus eigener Kraft gelingt.
Der Anspruch auf Fairness
Hinter der Plagiatswelle steht auch das Problem, dass Arbeiten im Bewusstsein geschrieben werden, keine Leser zu haben. Verteidigt die Genierhetorik nur die Indifferenz gegenüber den Texten? Der Münchner Rechtswissenschaftler Volker Rieble hat darauf hingewiesen, dass das Urheberrecht keinen ausreichenden Schutz gegen Plagiate bietet, weil es nur den Anspruch des Einzelnen gegen heimliche Übernahme verteidigt und keine Sanktionsmittel gegen das freiwillige Ghostwriting und die von Professoren angemaßte Autorschaft über die Schriften ihrer Assistenten enthält.
Es geht in den Plagiatsfällen aber nicht nur um den Schutz der Opfer, sondern um den allgemeinen Anspruch auf fairen Wettbewerb und wissenschaftliche Redlichkeit, um die Kollision von Erkenntnis-, Qualifikations- und Titelinteressen. Solange es den um Erkenntnis ringenden Promovenden tatsächlich gibt, steht mehr auf dem Spiel als die Verteidigung handwerklicher Standards. Wer verletzte Zitationspflicht als Lappalie abtut oder eigenständige Sprache nur für einen Teil der Dissertation fordert, hat sich gegen das Erkenntnisinteresse, mit dem er seine Toleranz verteidigt, entschieden.
Mit Guttenberg hat sich auch eine symptomatische Redefigur in die Plagiatsdebatte eingeschlichen: das in den Politikererklärungen lässig eingestreute Autodafé „die gewiss keine Glanzleistung ist“ (gemeint ist die jeweilige Doktorarbeit). Mittlerweile ist die Beschwichtigungsformel in den allgemeinen Gebrauch übergegangen. Es fragt sich dann aber doch, warum man jemanden, der „gewiss“(!) keine Glanzleistungen im akademischen Feld vollbracht hat, auf dem wichtigsten bildungspolitischen Posten der Republik halten will. Und warum man Promovenden, von denen man offenbar keinen Glanz erwartet, als um Erkenntnis ringende Genies verteidigt.
Wunderbarer Beitrag
Klaus Michael Strauss (kmstFAZ)
- 16.11.2012, 00:14 Uhr
Inszenierte Scheindebatte
Karl Schmidt (Tiuz)
- 15.11.2012, 12:42 Uhr
Ministeramt erfordert anscheinend nur Doktortitel, nicht akademische Befähigung
Esser Oliver (OlliEsser)
- 15.11.2012, 10:47 Uhr
Auf einem Auge blind? I
Wolfram Obermanns (procax)
- 15.11.2012, 10:27 Uhr
Fußnoten auch für Journalisten
Paula Pilcher (PaulaPilcher)
- 15.11.2012, 09:46 Uhr