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Plagiatsdebatte : Gewiss kein Glanz

Tiefenlektüre: Annette Schavan beim Besuch eines Jüdischen Bildungszentrums Bild: dapd

In der Plagiatsdebatte hat sich ein seltsam beschwichtigender Ton breit gemacht. Promovenden, von denen man offenbar keinen Glanz erwartet, werden als um Erkenntnis ringende Genies verteidigt.

          Verständnis allenthalben. Muss es skeptisch stimmen, dass nach so großem Jagdeifer nun so große Duldsamkeit für mutmaßliche Abschreiber herrscht? Von einer zornigen Sehnsucht nach dem Neuen ist zu lesen, die Dissertationen unter Fortschrittszwang stellt, von der ausreichenden Legitimation einer Doktorarbeit durch die Weitergabe von Wissen, von dem dringlichen Wunsch nach einem Ende der beschämenden Plagiatsjagd als Massenspektakel im Netz.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwischen Guttenberg und Schavan liegt ein gutes Jahr. Die Fälle liegen unterschiedlich. Auf der einen Seite der charismatische Blender, auf der anderen die vorher eher für zu große Seriosität gescholtene Hochschulpolitikerin. Unabhängig von den Personen zeichnet sich aber ein Stimmungswechsel ab, der in seiner Schärfe an eine andere Trendwende erinnert.

          Kampf um die Texthoheit

          Verständnis ist eine hermeneutische Figur. Im Namen der Hermeneutik geht es jetzt darum, an die digitale Kultur verlorenes Diskursgebiet zurückzuerobern. Textnähe und nuanciertes Verständnis werden eingefordert anstelle der kontextblinden Software-Lektüre, die am Buchstaben klebt und Schriften auf Strichcodes skelettiert. Man sieht die Zeit gekommen, mit dem ungeliebten Typus des zahlenfixierten Plagiatsjägers im Netz abzurechnen, der den Informatiker und Zahnarzt als Textkritiker salonfähig machte, angestammte Autoritäten düpierte und sein Urteil weit über seine Kompetenzen dehnte. Und man wird auch der eifernden Selbstjustiz der anonymen Kollektive nicht nachtrauern, die sich in einer zufälligen Auswahl an prominenten Opfern schadlos hielten.

          Parallel zur Rückeroberung angestammten Terrains läuft nicht zufällig der allgemeine Rückzug der sogenannten Netzgemeinde, die ihr utopisches Potential aufgezehrt hat. Die Netzavantgarde muss ihre Freiräume heute gegen Staaten und Unternehmen, die sie einmal auf ihrer Seite glaubte, verteidigen. Ihr Personal ist verschlissen, frühere Lichtgestalten wie Julian Assange entzaubert.

          Allgemein hat sich die Erkenntnis eingestellt, dass die oft mit messianischen Verheißungen verbundenen Projekte nach großer Anfangseuphorie keine Dauer erreichen. Man sah es bei der grünen Twitter-Revolution in Iran wie bei den Facebook-Erhebungen in den arabischen Staaten, bei der Blogger-Offensive, die den Massenmedien einmal die Herrschaft über den öffentlichen Diskurs entreißen wollte, wie bei der erlahmten Occupy-Bewegung, die eine neue Form der Revolte zu etablieren schien. Und man erlebt es gegenwärtig beim Abstieg der Piratenpartei, der es an ausreichendem Verständnis für das Internet zu fehlen scheint. Spätestens seit der erfolglosen Petition gegen das Leistungsschutzrecht ist das Brodeln im virtuellen Untergrund nicht mehr zu spüren. Auch auf den Seiten der Plagiatsjäger finden sich nur noch wenige Unermüdliche ein. Man nutzt die Gelegenheit, sich von der hyperbolischen Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes zu befreien, die affektive Energien ausbeutet und Aufnahmekapazitäten schnell erschöpft.

          Ein Genie darf schlampen

          Die hermeneutische Gegenoffensive läuft unter der begründeten Annahme, die Erkenntnisleistung einer Dissertation lasse sich nicht im technischen Abgleich von Textbausteinen beurteilen. Aber auch sie hat ihre Übertreibungen. Man erkennt es schon daran, dass mancher im Fall Schavan mehr Nähe zum Text forderte, sich aber von der Lektüre des Werkes entbunden fühlte, das er vor dem Plagiatsvorwurf in Schutz nahm. Gegen das technizistische Textverständnis wird eine überdehnte Hermeneutik aufgefahren und eine Genieästhetik, die oft im Widerspruch zum empirischen Charakter der verhandelten Arbeiten steht. Das superlativische Vokabular wurde den Universitäten im Zuge der Exzellenzinitiative von Wissenschaftsmanagern eingeflüstert, die nicht kleinlich im Gebrauch von Top- und Spitzenprädikaten sind. Eine antiquierte Bildungssprache ragt steil über die Wirklichkeit finanziell gebeutelter Massenuniversitäten heraus.

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