Das Tagungszentrum des Studentenwerks Oberfranken liegt am südlichen Rand der Bayreuther Universität; die moderne Campusuniversität geht hier fließend in die oberfränkische Landschaft über. Im letzten Winter geriet die 1975 gegründete Universität durch die Affäre um die Dissertation ihres wohl berühmtesten Alumnus, den oberfränkischen Freiherren in ihre schwerste Krise ihres Bestehens. In dem Glasbau der Universitätsverwaltung nebenan fanden unter größtem Medienandrang die Pressekonferenzen zu der Plagiatsaffäre statt.
Jetzt ist der Andrang ebenfalls groß. Auch diesmal ist der Grund die Guttenberg-Affäre, doch diesmal dürfte sich Universitätspräsident Rüdiger Bormann über das Medienecho freuen. Die Universität hatte dem früheren Verteidigungsminister im Februar 2011 den Doktortitel entzogen, wenig später war von der Universität Bayreuth eine Kommmission „Selbstkontrolle der Wissenschaft“ einberufen worden. In deren Abschlussbericht „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ wurde nicht nur das wissenschaftliche Fehlverhalten Guttenbergs ausführlich dargelegt, sondern auch angeregt, in Bayreuth eine Fachtagung zu den ethischen und rechtlichen Fragen des wissenschaftlichen Arbeitens durchzuführen.
Klauen in der Fachliteratur ist auffälliger
Dabei wurde auf das in Bayreuth bestehende und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Graduiertenkolleg „Geistiges Eigentum und Gemeinfreiheit“ verwiesen. Tatsächlich ist es nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet in Bayreuth eine juristische Dissertation unter nahezu schamlosem geistigem Diebstahl bei einer Vielzahl von Autoren entstanden ist, denn die oberfränkische Universität hat seit 2006 einen besonderen Schwerpunkt im Recht des Geistigen Eigentums; in diesem Jahr wurde das Graduiertenkolleg errichtet. Jetzt fand in Zusammenarbeit mit dem „Zentrum für Angewandte Rechtswissenschaft“ (Karlsruhe) jene Tagung unter dem Titel „Plagiate, Wissenschaftsethik und geistiges Eigentum“ statt.
Schon vor den allfällig bekannten Ereignissen stand Karl-Theodor zu Guttenberg in Bayreuth nie in dem Verdacht, sich näher mit Fragen des Urheberrechts und verwandter Schutzrechte befasst zu haben. Gleichwohl betonte zur Eröffnung der Bayreuther Zivilrechtler Ansgar Ohly als Sprecher des Graduiertenkollegs, dass es sich bei Guttenberg um einen „Einzelfall“ gehandelt habe; der viel beschäftigte Bundestagsabgeordnete habe sich zu einem großen Teil aus Zeitungsartikeln bedient, ein vergleichbarer Diebstahl in der Fachliteratur wäre wohl aufgefallen.
Ein Plagiat kann einen Straftatbestand erfüllen
Vorsichtige Skepsis gegenüber Internetseiten wie „GuttenPlag“ und Computerprogrammen zur Plagiatserkennung ließ der Urheberrechtler Thomas Dreier (Karlsruhe) erkennen. Anhand eines eigenen Lektüreerlebnisses sorgte Dreier für eine historische Einbettung des wissenschaftlichen Plagiierens. Der Kunsthistoriker Hans Sedlmayer (1896 bis 1984) habe in seinem 1948 erschienen Buch „Der Verlust der Mitte“ seitenlang einen anderen Autor fast wörtlich zitiert. Dieser Quelle wurde zwar nicht verschwiegen, doch teilweise waren die Anführungszeichen so großzügig gesetzt, dass eine Unterscheidung zwischen Zitiertem und Zitator nicht mehr möglich war.
Lag damit schon ein strafbarer Verstoß gegen das Urheberrecht vor? Tatsächlich kann, wie der Strafrechtler Hans Kudlich (Erlangen) ausführte, ein Plagiat einen Straftatbestand erfüllen, auch enthält das Urheberrecht einige Strafbestimmungen. In der Praxis kommt es freilich selten zu einer Anklage oder gar Verurteilung; nur wenige Tage vor der Bayreuther Tagung hatte die zuständige Staatsanwaltschaft Hof das Ermittlungsverfahren gegen Guttenberg gegen die Auflage einer Geldzahlung eingestellt.
Ein versetzter Felix Krull am Nil
Mit Haimo Schack (Kiel) hielt auch einer der führenden deutschen Kunstrechtler das Urheberrecht für ein nur bedingt geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Plagiaten. Denn das Urheberrecht sei zunächst ein „privatnütziges Recht“, mit dem ein öffentliches Interesse wie die „Reinhaltung der Wissenschaft“ allenfalls mittelbar geschützt werden könne. Stattdessen forderte Schack die Hochschulleitungen auf, mit dem Disziplinar-, Arbeits- und Beamtenrechts hier Maßstäbe zu setzen.
Ohne einen rechtsförmigen Appell endete der Höhepunkt der Tagung, der Vortrag des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk „Kunst und Wissenschaft zwischen Innovation und Cut&Paste“. In seinem Ergebnis war er den Forderungen der Juriste jedoch nicht so fern. Sloterdijk schrieb das Kopieren, also Nachahmen, als eine wichtige Kulturtechnik des neuzeitlichen Menschen. Auch Thomas Mann habe sich im Alten Testament bedient, dabei freilich etwa die Josephsgeschichte auf ein Vielfaches anwachsen lassen. Teilweise erinnere Manns Joseph an einen an den Nil versetzten Felix Krull. Sehr wahrscheinlich hätte es Thomas Mann gefallen, dass sich ausgerechnet in Bayreuth, dem Ort des theatralischen Scheins der Wagneropern, Anfang des 21. Jahrhunderts eine Affäre um einen wissenschaftlichen Hochstapler ereignet, deren Protagonist zudem der Verteidigungsminister des mächtigsten europäischen Landes ist, dessen Armee keine siebzig Jahre zuvor die Welt in Angst und Schrecken versetzte.
Vorsicht, bissiger Leser!
Jenseits dieser Ironie wußte Sloterdijk aber auch eine Ursache für die wissenschaftlichen Plagiatsaffären zu benennen. Womöglich haben ihn eigene Erfahrungen als Hochschulrektor darin noch bestärkt. In der Literatur hätten angesichts der Katastrophe des Ersten Weltkriegs Dadaisten wie Hugo Ball und Walter Serner die Vergeblichkeit des Vorspielens von Seriosität erkannt; ein wissenschaftliches Äquivalent zum Dadaismus sei eigenartigerweise nicht entstanden. Der akademische Betrieb produziere in zunehmenden Maße eine Literatur für Nichtleser, angefangen von Qualifikationsarbeiten bis hin zu der Antragsprosa etwa für die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Diese Form der Literatur sei allenfalls einer hochalpinen Spezialvegetation vergleichbar, denn außerhalb des akademischen Milieus fände sie keine Leser. Umgekehrt zahle sich etwa bei einem Projektantrag das Nachahmen früherer Anträge aus, denn sie böten die Gewähr, bereits bewährt zu sein. Komme es dann aber tatsächlich zur Lektüre eines dieser Texte, wie etwa mit Guttenbergs Dissertation geschehen, breche die gesamte Prosa in sich zusammen. Als Maßnahme gegen solches Fehlverhalten wünschte sich Sloterdijk eine lateinische Inschrift über dem Eingang zu allen Universitätsbibliotheken in Bayreuth und andernorts: Cave lectorem - auf Deutsch: Vorsicht, bissiger Leser!
Bayreuther Promotionen
Ulrich Mosel (u.mosel)
- 30.11.2011, 20:40 Uhr
Viel zu kurz bei dieser Aufarbeitung ...
Peter Zentner (Caterwaul)
- 30.11.2011, 20:04 Uhr