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Plagiate Der Guttenberg-Effekt

Guttenberg sei Dank: Seit den Plagiatsfällen prominenter Politiker beschäftigen immer mehr anonym gestreute Täuschungsvorwürfe die Universitäten. Das Whistleblowing beschäftigt die Ombudsleute mehr, als ihnen lieb ist. 

© dapd Der Urvater der Plagiatsdebatte: Karl-Thedor zu Guttenberg.

Es scheint wie ein wucherndes Krebsgeschwulst, welches das Wissenschaftssystem nun nicht mehr loswerden wird: Immer häufiger werden Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens in Berufungsverfahren, bei Stellenbesetzungen oder aus kollegialer Rache instrumentalisiert. Das sogenannte Whistleblowing, der häufig anonym gestreute Plagiats- oder Fälschungsvorwurf, beschäftigt zunehmend auch die Ombudspersonen für die Einhaltung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Autorschaftskonflikte, gefälschte Daten, manipulierte Bilder, verschwundene Versuchsprotokolle, lückenhaft geführte Laborbücher, das sind die wissenschaftlichen Verfehlungen vor allem aus den Natur- und Technikwissenschaften, die weit häufiger vorkommen als Plagiate in den Geisteswissenschaften - obwohl diese in der öffentlichen Diskussion im Vordergrund stehen, weil sie sich auch von Nichtfachleuten identifizieren lassen. Wer solch ein wissenschaftliches Fehlverhalten bei einem Kollegen oder gar Vorgesetzten zu erkennen glaubte, hat nicht selten mehr Nachteile in Kauf nehmen müssen als der Übeltäter selbst.

Heike Schmoll Folgen:

Die Hemmungen, sich an den Ombudsmann der eigenen Universität oder des eigenen Instituts zu wenden, sind oft so groß, dass es mancher vorzieht, sich an den überregional tätigen „Ombudsmann für die Wissenschaft“ zu wenden. Im Unterschied zu einem Compliance-Beauftragten in einem Unternehmen wird ein Ombudsmann, der sich als neutraler Ansprechpartner versteht, nie von sich aus tätig, sondern immer nur auf Anfrage. Er nimmt seine Arbeit als unabhängige Beratungs- und Vermittlungseinrichtung in Fragen guter wissenschaftlicher Praxis und ihrer möglichen Verletzung wahr - und zwar nicht nur bei einem Bezug zur Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sondern in jedem Fall möglichen Fehlverhaltens in der Wissenschaft. Wenn die Prüfung des vorgetragenen Sachverhalts einen konkreten Anhaltspunkt auf einen Verstoß ergibt, wird der betroffene Wissenschaftler zunächst um eine schriftliche Stellungnahme gebeten - das geschieht mit ausdrücklichem Einverständnis des Hinweisgebers.

Der Ombudsmann untersucht, die Fakultät sanktioniert

Die Anonymität des Anrufenden kann auf Wunsch gewahrt werden. Reicht die Stellungnahme für eine klare Einschätzung nicht aus, nutzt der Ombudsmann die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Gespräch, bei dem alle Beteiligten ihre Sicht der Dinge darlegen können. Sind die Betroffenen für eine Konfliktlösung aufgeschlossen und die Ombudspersonen geschickte Mediatoren, können bei einer solchen Anhörung auch schon Lösungen für einen bestehenden Konflikt entwickelt werden. Bei den häufigen Autorschaftskonflikten kann das zum Beispiel die Formulierung eines Erratums im Falle einer zunächst nicht gewährten Autorschaft sein. Es soll nämlich noch immer Direktoren naturwissenschaftlicher Institute geben, die sich bei den Veröffentlichungen ihres Instituts grundsätzlich als Erstautor angeben lassen, obwohl sie diese nie gesehen haben. Das ist grobes wissenschaftliches Fehlverhalten. Es versteht sich von selbst, dass die Beratungen beim Ombudsmann nicht öffentlich sind und wegen des nötigen Vertrauensschutzes auch keine Akteneinsicht gewährt wird. Sollte die Verpflichtung, die Vertraulichkeit auch nach Abschluss eines Ombudsverfahren zu wahren, von auch nur einem der Beteiligten gebrochen werden, kann das zu einer regelrechten Brunnenvergiftung führen. Das gilt etwa dann, wenn hinterher kolportiert wird, dass ein Beteiligter einer vom Ombudsmann für die Wissenschaft vorgeschlagenen Lösung nicht zustimmen wollte. Ein Bruch der Vertraulichkeit ist in den Augen des Ombudsmanns wiederum ein Verstoß gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis. Ausgeschlossen ist, dass der überregionale Ombudsmann einen Regelverstoß aufgreift, der schon von einer anderen Ombudseinrichtung geprüft wird. Er kann auch kein anderes Verfahren revidieren.

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