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Plagiat : Anlehnen oder abkupfern?

  • -Aktualisiert am

Bei Uhren ist es einfach, Plagiate zu erkennen- in der Gelehrtenpublik braucht es dazu feinere Instrumente Bild: Reuters

Wie schillernd ist der Plagiatsbegriff? Sein Buch „Das Wissenschaftsplagiat“ beschäftigt die Gerichte, aber das Schweigen der Insider spricht dafür, dass der Jurist Volker Rieble einen Nerv im Hochschulbetrieb getroffen hat.

          Kritik ist das Salz in der Suppe der Wissenschaft. Wobei die Würzung naturgemäß nicht jedem schmecken muss. Das Buch des Münchener Juraprofessors Volker Rieble über „Das Wissenschaftsplagiat“ gibt ein aktuelles Beispiel (Frei wandern die Zitate durch die Welt). Rieble bezichtigt ein ganzes Dutzend heute aktiver Hochschullehrer, vor allem Juristen, sich mit fremden Federn zu schmücken. Er nennt sie ohne Rücksicht auf Rang und Titel mit vollem Namen.

          Das bewährte Gegenmittel wäre natürlich ebenfalls Kritik, etwa durch einen „Verriss“ in einer wissenschaftlichen Besprechung. Hingegen schweigt die Fachwelt seit einem Jahr eisern. Für sie ist das Buch einfach tabu. Ein Urheberrechtler beispielsweise verzichtete auf seine Rezension mit der gewagten Behauptung: „Mit dem ,Wissenschaftsplagiat' kann man sich wissenschaftlich gar nicht auseinandersetzen!“

          Stattdessen ziehen Betroffene vor Gericht. Das ist in der deutschen Gelehrtenrepublik ein ungewöhnliches, aber bemerkenswert wirksames Vorgehen. So erwirkten der Bundesverfassungsrichter Reinhard Gaier und Riebles Münchener Fakultätskollege Stephan Lorenz schon im vergangenen Sommer gegen den Verlag eine einstweilige Verfügung. Sie sehen sich durch die Kritik in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. Der Verlag schluckte die faktische Gerichtsentscheidung, weil mit ihr keine nähere Begründung verbunden war und der uneingeschränkte Weiterverkauf der ersten Auflage garantiert blieb.

          Klagte gegen Volker Rieble: Reinhard Gaier, Richter beim Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts

          Herabsetzende Tatsachenbehauptungen?

          Zwei Großhändler, darunter Amazon, stellten allerdings verschreckt den Vertrieb ein. Denn wer ein beanstandetes Buch bewusst weiterverbreitet, läuft Gefahr, auf „Störerhaftung“ und Schadenersatz verklagt zu werden. Bei einem Verkaufspreis von 14,80 Euro und einer Auflage von ein paar tausend Stück - viel in der Wissenschaft, wenig für den Handel - erscheint das Prozessrisiko zu hoch.

          Obendrein hat Verfassungsrichter Gaier seinen Gegner Rieble persönlich vor der Pressekammer des Landgerichts Hamburg verklagt. Nach dem jetzt bekanntgewordenen vorläufigen Urteil (Aktenzeichen 324 O 358/10) darf der Kritiker auch künftig nicht mehr behaupten, Gaier habe sich in einem Kommentar zu eng an verschwiegene Autoren angelehnt. Nach dem Teilerfolg gegen den Verlag ist das nun anscheinend sein voller Triumph über einen nicht mehr satisfaktionsfähigen Meckerer.

          Dabei ist die aktuelle Hamburger Urteilsbegründung zum Nachteil Riebles ein Lehrbeispiel, wohin es führt, wenn auch wissenschaftliche Fragen und Auseinandersetzungen in ein steifes juristisches Korsett gepresst werden. „Wir können jetzt mal wieder richtig bürgerliches Recht machen“, hatte sich der Vorsitzende Richter Andreas Buske schon in der Verhandlung gefreut. In der Urteilsbegründung schlägt sich das etwa in dem „Stolpe-Urteil“ nieder. Der frühere brandenburgische Ministerpräsident hatte sich 2005 vor dem Bundesverfassungsgericht erfolgreich gegen „herabsetzende Tatsachenbehauptungen“ (über angebliche Verwicklungen mit der Staatsicherheit der DDR) gewehrt. Danach können auch bewusst mehrdeutige Ausdrucksweisen - in unserem Falle etwa „anlehnen an Fremdwerke“ statt abkupfern - ehrenrührig sein. Wer kritisiert, muss vielmehr immer auch „ernsthaft und inhaltlich ausreichend“ die in Zweifel gezogene Gegenposition würdigen, um das Persönlichkeitsrecht nicht zu verletzen. Vorsichtigerweise also lieber gekonnte Langweilerei statt erfrischender wissenschaftliche Polemik.

          Der Türsteher, der Hegels Rechtsphilosophie in die Finger bekommt

          Zudem, so die Hamburger Richter, soll auch der wissenschaftliche Autor immer an den durchschnittlichen Leser und dessen Verständnishorizont denken. Was dieser - angesichts raffinierter Formulierungen - leider rein negativ missversteht, dafür ist der Schreiber allein verantwortlich. Freilich lässt das Urteil ganz offen, wer der fiktive Durchschnittskopf in Wirklichkeit sein soll. Vielleicht auch der Türsteher, der Hegels Rechtsphilosophie in die Finger bekommt?

          Dagegen hatte sich der Plagiatsjäger Rieble vor dem Hintergrund einschlägiger Verfassungsgerichtsentscheidungen auf seine Meinungsfreiheit auch bei Aussagen berufen, in denen „Tatsachenbehauptungen und Werturteile miteinander verbunden sind“ und „bei getrennter Betrachtung ihren Sinn verlören“. Das sei so bei seiner Polemik gegen den akademischen Schmuck mit fremden Federn auch in Fällen, „die weder strafrechtlich noch urheberrechtlich von Belang sind“. Vorsorglich hat Rieble den schillernden Begriff Plagiat, der in keinem Gesetz stehe, in seinem Buch breit erörtert. Er verwendet ihn in einem weitgespannten Sinn von wettbewerbswidrigem Text- oder Ideenklau bis zu fahrlässiger Unkenntnis des Forschungsstandes. Indes können die Richter mit einem schillernden Begriff überhaupt nichts anfangen. Jeder Plagiatsvorwurf ohne eindeutigen Tatsachenkern sei „gerade im wissenschaftlichen Bereich in hohem Maße geeignet, Ansehen und Reputation zu schädigen“.

          Unübersehbare Fragwürdigkeiten

          Eine Erörterung, die „mit Definitionen beginnt und jeden Doppelsinn ausschließt, ist jenen eigentümlich, die keinen Raum zum Streit übrig lassen“, bemerkte einst schon Thomas Hobbes. Dementsprechend ist dieses Verfahren typisch für Gerichte, die ja Streit beenden sollen. Andererseits erwähnen die Hamburger Richter die prinzipielle Unabgeschlossenheit jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dem trägt ein „schillernder“ Plagiatsbegriff eigentlich Rechnung. Rieble will damit die Diskussion auf unübersehbare Fragwürdigkeiten und Lücken im bisherigen Wissenschaftsrecht ausweiten.

          Ob beispielsweise schon eine minimale Umformulierung einen Zitatnachweis erübrigt. Oder ob es fair genug ist, wenn ein Professor die schöpferische Hilfe eines Mitarbeiters in einer Anmerkung berücksichtigt. Das Schweigen der Insider spricht dafür, dass Rieble einen Nerv im Hochschulbetrieb getroffen hat. Und es erscheint zweifelhaft, ob der Weg vor die Schranken des Gerichts wirklich der Annäherung an die Wahrheit dient.

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