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Veröffentlicht: 21.12.2016, 16:03 Uhr

Pick-Up-Artists Geraubte Küsse auf dem Campus

Studenten, die sich nicht trauen, werden von den Pick-up- Artists zu verwegenen Draufgängern gemacht. Antifeministische Verschwörungstheorie und Ratgeber-Mystik bilden eine unappetitliche Allianz.

von Eva Berendsen
© ddp Images Berührt, geführt: Dustin Hoffmann und Anne Bancroft in „Die Reifeprüfung“ von Mike Nichols

Wer qua Geschlecht keinen Zutritt zum Abschleppkurs bekommt, darf sich mit einem Ratgeber begnügen. Der ist im Fall von „Der perfekte Eroberer“ immerhin wesentlich günstiger. „Wie Sie garantiert jede Frau verführen - die bessere Strategie“, verspricht der Untertitel des Buchs von Maximilian Pütz und Arne Hoffmann seiner männlichen Zielgruppe. Lebenshilferatgeber sind längst keine reine Frauenlektüre mehr, hat der Soziologe Fehmi Akalin festgestellt. Verführungsanleitungen für den Mann überschwemmen heute regelrecht den Markt.

Männer und ihre Krise sind das Thema des einen Autors, Arne Hoffmann, der sich selbst als „linker Maskulinist“ bezeichnet, unter anderem über häusliche Gewalt gegen Männer bloggt und in einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung als Vordenker der antifeministischen Männerrechtsbewegung bezeichnet wird. Männer und ihre Unzulänglichkeiten in Verführungsdingen sind die Spezialität des anderen: Maximilian Pütz ist Verführungscoach oder Pick-up-Artist, wie sich die Szene selbst ästhetisch wertsteigernd nennt. Die Verführungskunst soll man durch die Techniken erlernen, die Pütz und Kollegen in Ratgebern, Blogs und Vlogs vorstellen oder in teuren Seminaren an den Mann bringen. Die Agentur von Pütz heißt Casanova Coaching. Sie bietet zweitägige Workshops in der Gruppe (ab 450 Euro) oder Einzelcoachings (1499 Euro) inklusive eines betreuten Feldversuchs. Auf Deutsch: Aufreißkurse.

Vom netten Jungen zum Superverführer

Das Phänomen lässt sich als Ausdruck der Risikogesellschaft interpretieren. In einer Zeit, in der Beziehungen immer brüchiger und serieller werden, sollen die Unsicherheiten auf dem Liebesmarkt unter Kontrolle gebracht und die erotische Leistung optimiert werden. Mit biographisch verbürgtem Erfolgsversprechen: Maximilian Pütz wuchs ohne Vater bei einer dominanten Mutter auf und war als Jugendlicher bei Frauen wegen seines „Der nette Typ von nebenan“-Images zunächst chancenlos. Dann hatte Pütz „keinen Bock mehr, süß und nett zu sein“. Es folgt die Entwicklungsgeschichte zu Deutschlands angeblichem Superverführer.

Konversionsgeschichten „ehemaliger Nice Guys“ gehören laut Fehmi Akalin zu den „Meistererzählungen“ dieses Genres, gewürzt mit einem Mischmasch aus neurolinguistischen Erkenntnissen und soziobiologischen Mutmaßungen über das Wesen der Frauen. „Für den Fall, dass sie schwanger in der Höhle sitzt, braucht sie eine gewisse Sicherheit, dass du mit frischer Beute von der Jagd zurückkommst“, zitiert Akalin aus einem amerikanischen Ratgeber. Männer kommen bei den Pick-up-Artists weiter vom Mars und Frauen von der Venus.

Die Theorie wird in den Pick-up-Kursen offensiv in Einkaufszonen, Clubs und Universitäten erprobt. In Frankfurt berichteten Frauen Anfang des Jahres gehäuft, von Männern auf dem Campus belästigt und bedrängt, offensiv angesprochen und angefasst worden zu sein. Das Muster habe sich verblüffend geähnelt, sagt ein Mitglied der „Fantifa“, einer linken Studentengruppe, bei der sich mehr als fünfzig betroffene Frauen gemeldet haben. Unter der Behauptung, einen Werkzeugkasten zur Verführung parat zu haben, werden Frauen von den Pick-up-Artists zu austauschbaren Waren objektiviert. Der kalifornische Pick-up-Artist Julien Blanc zeigt in einem Video, wie man Japanerinnen mit einem Würgegriff zum Oralsex ermuntert. Proteste und Petitionen folgten. Blanc durfte in Deutschland nicht mehr auftreten.

Nie mehr Fifi sein

Die deutschen Pick-up-Artists treten seither harmloser auf und weisen frauenverachtende Haltungen von sich. Laut Akalin kursieren in einschlägigen Internetforen dennoch zweifelhafte Techniken wie Tipps zum Umgang mit „Last-Minute-Resistance“ - wenn die Frau kurz vor dem Sex einen Rückzieher macht. Vorgeschlagen werde zunächst der nonchalante Aufmerksamkeitsentzug: Der Mann solle aufstehen, seine Mails checken und sich ein Sandwich machen. Dann der Tipp: „Versuche es in zehn Minuten noch einmal.“ Nein heißt nein? Anleitung zur Nötigung ist der treffendere Name für diese Art der Verführungskunst.

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