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Philosophieunterricht : Sehr bedenklich

  • -Aktualisiert am

Philosophie ist eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Hierzulande wird das Fach marginalisiert. Sechstklässler einer Hamburger Schule im Unterricht Bild: dpa

In anderen europäischen Ländern gehört Philosophie selbstverständlich zum Schulkanon - nur nicht in dem Land, das einen Großteil der berühmten Philosophen hervorgebracht hat.

          Der französische Philosoph Raphaël Enthoven hat unlängst in einem Gespräch mit der Zeitschrift „Cicero“ sein Mitleid mit Deutschland bekundet: Ausgerechnet in dem Land, das einen Großteil der weltweit berühmtesten Philosophen hervorgebracht hat, ist es möglich, dass ein Schüler es bis zum Abitur bringt, ohne je einen philosophischen Text gelesen zu haben.

          In seinem Heimatland sieht das natürlich anders aus, dort ist Philosophie Pflichtfach, und Denker wie er erreichen in der Öffentlichkeit eine beachtliche Resonanz. Es hat sich dort eine philosophische Kultur halten können, die zwar bisweilen absonderliche Blüten treibt, aber zumindest existiert. Die Debatte um die Themen der Abschlussprüfung in Philosophie - rund eine halbe Million junge Franzosen haben sie vergangenes Jahr ablegen müssen - wird alljährlich zu einem Medienereignis.

          Ethikunterricht als Klassenausflug

          Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass auch in Deutschland das Interesse zugenommen hat. Die Zahl der Neuerscheinungen auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt ist hierfür - neben neugegründeten philosophischen Praxen und ähnlichen Phänomenen - verlässlicher Indikator. Hat sich aber diese Mode unter den Erwachsenen bereits auf das Angebot für Kinder und Jugendliche ausgewirkt? Vielleicht lief es ja gar andersherum. Schließlich avancierten „Sofies Welt“ und in der Folge einige andere Bücher schon in den neunziger Jahren zu Bestsellern.

          In der Schule merkt man davon bisher wenig. Man kann Glück haben und an einem privaten Internatsgymnasium mit philosophischen Texten traktiert werden. Ansonsten wird man in den meisten Bundesländern bestenfalls einen engagierten Ethikunterricht bekommen. Doch auch der wird manchmal von Laien übernommen, als ob es hier darum ginge, eine Schulklasse bei einem Wandertag zu betreuen. Dafür braucht man zwar einiges an pädagogischer Erfahrung und starke Nerven, kaum jedoch fachliche Vorbildung. So scheint man sich das zumindest in Bayern bisher mit der Ethik vorgestellt zu haben. Dort kann sie von den angehenden Lehrern nur als Drittfach belegt werden, den allermeisten fehlt sogar diese Qualifikation.

          Philosophie in ihrer Verfallsform

          Was aber wird überhaupt unterrichtet? Überwiegend Ethik eben, ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Philosophie - die sich bekanntlich auch mit so Exotischem wie Logik beschäftigt - an Universitäten und außerhalb ausmacht. Der Ethikunterricht kann freilich Erkenntnistheorie mit einschließen, was sich, wo Platons Höhlengleichnis obligatorisch ist, kaum vermeiden lässt. Dennoch sollte zumindest als Wahl- oder Wahlpflichtfach für die Oberstufe bundesweit Philosophie nicht nur in ihrer Verfallsform angeboten werden.

          Wie aber kann man überhaupt ein Fach lehren, dessen Protagonisten sich in zweieinhalb Jahrtausenden nicht im mindesten einigen konnten? Andere Disziplinen haben schließlich eine halbwegs stabile Architektonik herausgebildet, die man dann den Pädagogen zur weiteren Verwendung überlassen konnte. Tatsächlich gibt es aber aus jener historischen Erfahrung heraus zumindest weitgehend Einigkeit darüber, wie es mit dem Philosophieren heutzutage nicht mehr gehen kann. Und die Einführungen in das Philosophiestudium an deutschen Universitäten gleichen sich doch auf verdächtige Weise. Wie Herbert Schnädelbach in „Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann“ darlegt, kann man mit guten Gründen von einem bestimmten Bestand ausgehen, der in der gegenwärtigen Philosophie „verbindlich gelehrt und gelernt werden kann“. Er hat das im vergangenen Jahr erschienene Buch bezeichnenderweise seinem Enkel gewidmet.

          Eine anspruchsvolle Schule des Denkens

          Es kann auch kaum Zweifel daran bestehen, dass in der Philosophie grundlegende Kompetenzen ausgebildet werden, die der Entwicklung der Schüler und der Befähigung für andere Fächer zugute kommen, zum Beispiel eine gewisse argumentative Souveränität und die Fähigkeit, Begründungsstrukturen zu analysieren. Denn vor allem besonderen Inhalt ist Philosophie eine Schule des Denkens - gerade weil sie so schwierig ist.

          Ekkehard Martens, einer der angesehenen Philosophiedidaktiker, spricht in einem Aufsatz von 1996 gar vom „Philosophieren als vierter Kulturtechnik“, neben Lesen, Schreiben und Rechnen. Besteht das Ziel des Ethikunterrichts dagegen in einer Einigung über grundlegende moralische Werte, so reduziert sich der Erkenntnisgewinn hierbei leider allzu oft auf griffige Sinnsprüche nach Art von Wilhelm Busch, für die es keine akademische Disziplin brauchte.

          Noch immer eher Privatsache

          Immer wieder müssen sich Lehrer daher im Elterngespräch anhören, dass man in Ethik doch keine Fünf geben könne. Da werde ja sowieso nur „gelabert“. Das Fach wird also nicht ernst genommen, oder es ist schlicht nicht bekannt, was dort gelehrt wird. Wenn aber die Schüler auch nur ein wenig an die Herausforderungen philosophischer Probleme und die methodische Strenge, die sie erfordern, herangeführt werden, wird genau das wieder zum Vorwurf gemacht.

          So viel scheint hier der vermeintliche Trend zur Philosophie nicht gebracht zu haben, auch weil sie in Deutschland immer noch eher Privatsache ist. Umso nötiger ist es aber, diese Defizite durch eine gezielte Förderung des Unterrichtsfachs auszugleichen. Andernfalls wäre es absurd, wenn sich die Gymnasien hierzulande weiterhin mit den Namen großer deutscher Philosophen schmücken würden.

          Quelle: F.A.Z.

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