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Open-Access-Strategie : Staatsautoritarismus, groß geschrieben

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„Seltsam fortschrittsbeschwipst“

Nähme der deutsche Gesetzgeber seine Rolle im Staate umsichtig wahr, dann dächten demokratische Abgeordnete nicht über Einschränkungen des Urheberrechts nach, sondern genau umgekehrt darüber, wie zu verhindern ist, dass Wissenschaftler auf eine derart anmaßende Weise von Institutionen gegängelt werden, die einmal zur Förderung individueller Forschung eingerichtet wurden, mittlerweile aber immer mehr zu Anstalten von Forschungssteuerung heruntergekommen sind. Hier ist in den immer präpotenter agierenden Fördereinrichtungen etwas völlig außer Kontrolle geraten.

Die publikationsbegleitende Audienz, die Bildungsministerin Wanka der „Welt“ in Gestalt eines Interviews gab, lässt diesbezüglich tief blicken. Es handelt sich um ein schwer goutierbares Ragout aus krud neoliberalen Vorstellungen von Wissenschaftsmärkten („Monitoring“ darf, natürlich, nicht fehlen), virtueller DDR 5.0 (mit Enteignung der geistigen Produktion) und Staatsautoritarismus wilhelminischer Anmutung. Man weiß gar nicht, ob man mehr über die Blauäugigkeit oder das hypertrophe Selbstbewusstsein staunen soll, das in der gewährten Fragestunde zum Ausdruck kommt. Open Access erscheint da auf einmal, seltsam fortschrittsbeschwipst, als Einlösung des auf Grund gelaufenen Atomenergieversprechens der fünfziger und sechziger Jahre: „Moderne Innovationen können den Alltag zunehmend vereinfachen, unsere Ökosysteme entlasten und die Gesundheit der Menschen fördern.“

Open-Access-Zirkus

Man meint das ZK der SED zu hören, wenn vollmundig und gegen jeden Zweifel immun die kühne These in den Raum gestellt wird, durch Open Access vermögen „die Wissenschaften“ „rasanter voranschreiten als je zuvor“. Und dann kommt, natürlich, auch die Einschärfung des Zwangs zur U-Boot-, pardon: Open-Access-Politik: „Was allerdings gar nicht geht, ist eine Verweigerungshaltung gegenüber präsenten Entwicklungen.“

Wenn man das alles so liest, wünscht man sich schon einmal eine kenntnisreichere Beraterin für eine solche Ministerin ins BMBF als die (beamtete?) Staatssekretärin Bettina Klingbeil. Jemanden, der ihr den einfachen Unterschied zwischen Patent- und Urheberrecht erläutert; der ihr geduldig darlegt, worin die vom Grundgesetz geschützte Differenz zwischen freier Forschung und Auftragsarbeiten liegt. Und, vor allem, was ein staatlich verbrämter Übergriff in verbürgte Grundrechte ist: nämlich ein Fall für den Verfassungsschutz.

Warum will im BMBF eigentlich niemand mehr zuhören oder vielleicht sogar etwas lernen? Etwa aus der Studie des österreichischen Pendants zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, dass Open-Access-Publizieren nicht nur nicht billiger, sondern deutlich teurer ist als herkömmliches? Und dass der ohne Not veranstaltete Open-Access-Zirkus mit den popeligen T-Shirts nur den großen internationalen Oligopolverlagen zuarbeitet und nicht etwa, wie oft nachgebetet, deren Macht begrenzt? Ist das zu viel verlangt für eine Institution, die das altehrwürdige Wort „Bildung“ in ihrem Namen führt?

Roland Reuß ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg.

Quelle: F.A.Z.

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