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Veröffentlicht: 25.11.2016, 21:26 Uhr

Internet und Demokratie (4) Digitale Wissenschaftskontrolle

Open Access läuft auf ein Kontrollsystem hinaus, das jeden Schritt von Wissenschaftlern überwacht. Die Politik verschenkt die Arbeit der Forscher an private Investoren.

von Uwe Jochum
© Wonge Bergmann Begleiterscheinung von Open Access: das musealisierte Buch

Das größte Missverständnis bei der Digitalisierung der Wissenschaften durch die Einführung eines „Open Access“-Publikationssystems liegt in der Annahme, die Wissenschaft werde dadurch freier und demokratischer. Diesen Befreiungs- und Demokratisierungsschub denkt man sich so: Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müssten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen.

Stattdessen soll die digitale Publikation auf den universitären Volltextservern zu „Open Access“-Konditionen erfolgen, das heißt eine beliebige und für die interessierten Leser kostenfreie Nachnutzung der Veröffentlichung erlauben. Das, so glaubt man, sei die gelungene Synthese aus einer digital sich selbst organisierenden und dank Ausschaltung der Verlage ökonomiefreien und daher billigeren Wissenschaft, die übers Internet mit der interessierten Öffentlichkeit direkt in Kontakt kommen und in diesem Direktkontakt die Demokratisierung der Gesellschaft voranbringen könne.

Nun darf man freilich bezweifeln, dass ein Wissenschaftssystem, in dem anstelle der konkurrierenden Intermediäre vom Typ Verlag ein vom Staat als Monopol betriebenes Open-Access-System installiert wird, das Publizieren wirklich billiger macht. Keines der politischen Systeme, die nichtstaatliche Konkurrenz ausgeschaltet haben, hat die systemischen Kosten wirklich gesenkt, sondern immer nur kreativ versteckt, bis zum finalen Ruin des Systems. Bezweifeln darf man allerdings auch, dass ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft freier und demokratischer macht. Noch jedes System, das auf eine Monopolisierung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kommunikationsprozesse setzte, hat die Freiheitsgrade seiner Bürger und Wissenschaftler drastisch beschnitten.

Das sei nun aber, so hören wir, dank des Digitalen ganz anders: Milliarden digitaler Rezeptoren sollen weltweit dafür sorgen, dass die Wirklichkeit so breit und tief wie noch niemals zuvor gerade auch ins System der Wissenschaften gelangt und von dort in verarbeiteter Form über die digitalen Massenkanäle ihren Weg in die Köpfe der Menschen findet. Und weil das System vollständig transparent sein könne, wäre dadurch jedem staatsmonopolistischen Missbrauch vorgebeugt.

Kommunikation und Kontrolle

Man darf auch das bezweifeln. Denn das Digitale, wie es in den dreißiger und vierziger Jahren grundgelegt wurde, folgt einer Logik, die nicht nur das Buch durch ein assoziations- und denkfreundlicheres Medium ablösen möchte (Vannevar Bushs „Memex“), sondern alles Problemlösen als algorithmische Prozessierung von wohldefinierten Einzelschritten betrachtet (Alan Turings Rechnermodell), die von real baubaren Maschinen erledigt wird (Nobert Wieners Kybernetik). Aus dieser Logik ging der Computer hervor, der seither munter das tut, was er laut Norbert Wiener tun soll: Er betreibt das Geschäft von „Kommunikation und Kontrolle“, indem er die analoge Fülle der Welt in binäre Häppchen zerlegt und daraus Daten generiert, deren Fluss er kontrolliert und überwacht. Die Logik des Computers ist die einer Kontrolltechnik, die via Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat.

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