http://www.faz.net/-gqz-7mqt5

Open Access als Pflicht : Ein gravierender Angriff auf die Freiheit der Forschung

  • -Aktualisiert am

Die hässliche Fratze der Open-Access-Ideologie: Baden-Württemberg will die Zwangsveröffentlichung wissenschaftlicher Aufsätze auf den Hochschulservern Bild: obs

Baden-Württembergs grün-rote Regierung will Wissenschaftler dazu zwingen, Aufsätze in Open-Access-Datenbanken zu veröffentlichen. Das ist ein gravierender Angriff auf die Freiheit der Forschung.

          Selten lässt sich der Zusammenbruch von Propaganda in der politischen Lenkung von Wissenschaftsprozessen so gut studieren wie an den Vorgängen, die sich derzeit im Gesetzgebungsvorgang zum neuen Hochschulrahmengesetz in Baden-Württemberg abspielen. Da tauchte zunächst ein Passus im Gesetzestext auf, der Wissenschaftler dazu zwingen wollte, ihre Aufsätze auf Hochschulservern innerhalb eines Jahres online zu stellen - und damit nationales Urheberrecht, EU-Gesetze und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte einfach mal so ignorierte.

          Die Open-Access-Ideologie ließ hier erstmals ihre hübschen Kleider fallen und zeigte ihren hässlichen (bleiben wir im vorgegebenen Jargon) Forced-Publication-Körper - ein Offenbarungseid dieses ideologisch fehlgesteuerten Anschlags auf eine freie Publikationslandschaft, der selbst dessen Hauptinvestor, der sogenannten Allianz der Deutschen Forschungsorganisationen, das Blut stocken ließ und sie zu einer öffentlichen Distanzierung veranlasste.

          Staatliche Auftragswissenschaft

          Hatte man nicht immer wortreich dementiert, dass Open Access nur „funktionieren“ könne, wenn man alle Wissenschaftler dazu zwänge (weil, wie die klügeren Köpfe genau wissen, dieses Modell auf dem vielbeschworenen freien Markt an sich keine Chance hätte)? Hatte man nicht noch vergangenes Jahr in der Urheberrechtsnovelle den Taschenspielertrick des „unabdingbaren Zweitveröffentlichungsrechts“ wider alle Vernunft durchgesetzt und dies einer erstaunten Öffentlichkeit gegenüber als Befreiung wissenschaftlicher Autorschaft gefeiert - obwohl der Autor selbst in einem zentralen Punkt eines seiner wichtigsten bürgerlichen Rechte, der Vertragsfreiheit, verlustig ging?

          Der größte anzunehmende Unfall der Open-Access-Lüge war nunmehr im Ländle eingetreten. Eine an Konzeptionen staatlicher Auftragswissenschaft gemahnende Auffassung wurde offenbar, und zwar ausgerechnet federführend ausgearbeitet in einem Ministerium, das von einer grünen Ministerin geleitet wird. Nicht einmal Autokraten wie weiland Filbinger hätten gewagt, solche Übergriffe in historisch hart erkämpfte Individualrechte und in die durch die Verfassung geschützte Freiheit der Wissenschaft zu versuchen.

          Universitäten als gesetzgeberische Handlanger

          In letzter Sekunde ist man dann aber doch noch vor der Anmaßung zurückgeschreckt und hat sich etwas Perfides ausgedacht, um das Ziel des Eingriffs ins Urheberrecht weiterzuverfolgen, die Verantwortung für den Verfassungsbruch aber an andere abzuschieben. Nun „sollen“ die Hochschulen selbst Regeln aufstellen, wie die Zwangspublikation „umzusetzen“ sei.

          Das ist eine putzige Konstruktion, die auf der seltsamen Annahme basiert, ein Verfassungsbruch liege dann nicht vor, wenn eine wissenschaftliche Institution, die Hochschule, die Ausgestaltung kodifiziere. Das ideologisch verblendete Gesetz soll jetzt bis April durch den Landtag gepeitscht werden. Falls es verabschiedet werden sollte, darf man gespannt sein, wie die mannigfach abhängig gemachten Universitäten sich zu dieser Falle (auf der das Wort „Falle“ quasi in großen Lettern geschrieben steht) verhalten werden. Wenn sie hier die Untugend des vorauseilenden Gehorsams pflegen, ist ihre Reputation unwiderruflich dahin.

          Angriff auf die freie Forschung

          Bereits die Konsultation des schlichtesten Grundgesetzkommentars hätte die Verantwortlichen in Stuttgart lehren können, dass die Wissenschaftsfreiheit in eminentem Sinn die Freiheit des einzelnen, individuellen Wissenschaftlers schützt, und zwar gerade auch gegenüber der Institution, an der er arbeitet. Warum dieser Punkt in Deutschland eine solche fundamentale Bedeutung hat, erklärt sich historisch aus wohlbekannten Gründen; systematisch aber daraus, dass das Wissenschaftssystem auf „Wahrheit“, nicht auf Erfüllung eines Auftrags ausgerichtet ist.

          Dieser Gesichtspunkt ist von niemandem, auch nicht von staatlichen Einrichtungen, zu manipulieren, und zwar gerade im Hinblick auf Förderung des Gemeinwohls. Der Wissenschaftler - und nur er - trägt die Verantwortung für seine Publikation; er entscheidet, ob, wann und wo er publiziert. Der Staat zahlt für ihn, damit er in ausgezeichneter Weise dieser Verantwortung nachkommt. All das war schon einmal begriffen.

          Die gebetsmühlenartig wiederholte Parole, der Wissenschaftler müsse Erkenntnis liefern, weil er vom Staat bezahlt werde, ist historisch uninformiert und systematisch krank. Der Staat sichert den Rahmen freier Forschung und nimmt getrost, auf der Erfahrung der vergangenen Jahrhunderte aufbauend an, dass niemand - keine Hochschule, keine selbsternannte Allianz von Wissenschaftsorganisationen, kein Ministerium - besser weiß, wie Erkenntnis vermittelt wird, als der Wissenschaftler selbst.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Seehofer in der Krise : Wie die eigene Ära beenden?

          Horst Seehofer wankt. Wie es weitergeht? Unklar. Nur gemütlicher wird es wohl nicht mehr. Eine Telefonumfrage sagt bereits neues Unheil für die CSU voraus – und befeuert Debatten, die noch vor kurzem undenkbar waren.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Chinas Notenbankchef Zhou

          Zhou Xiaochuan : Chinas Notenbankchef warnt vor Einbruch an Finanzmärkten

          In China läuft das wichtige Treffen der Kommunistischen Partei. Am Rande spricht der renommierte Zentralbankchef des Landes eine brisante Warnung aus. Das ist nicht die einzige Sorge, die gerade die Runde macht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.