Home
http://www.faz.net/-gsn-16q26
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neues Lernen Das Ende der Präsenzuniversität

08.06.2010 ·  Einsamkeit und Freiheit, so lautete die Humboldt-Formel für das wissenschaftliche Studium. Ins modern Technische übersetzt: Laptop und Selbststudium! Warum Lernen und Lehre nicht zwingend zusammen gehören.

Von Rolf Arnold
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (9)

Die Hochschuldidaktik hat die Zwischenrufe der Hirnforschung bislang weitgehend überhört. Deshalb kann sie auch noch recht unbekümmert an einigen ihrer zentralen Grundannahmen festhalten, ohne die ihr gesamtes Fundament ins Rutschen geraten würde. Die zählebigste Grundannahme ist die, der zufolge Lehren eine unverzichtbare Voraussetzung für die Initiierung und Begleitung von Lernprozessen sein soll. Nun kann man sicherlich nicht bestreiten, dass Individuen in Anbetracht erlebter oder gar erduldeter Lehre auch in irgendeiner Weise „lernen“, das heißt das erwartete Verhalten in unterschiedlichen Ausprägungsgraden hernach auch wirklich zu zeigen vermögen.

Doch sind dies keinesfalls alle, und solche Effekte gehen mit teilweise aberwitzig geringen Behaltensquoten einher, das heißt, das gezeigte Verhalten wurzelt oft nur selten mehr oder wenig dauerhaft in den kognitiv-emotionalen Tiefenstrukturen des Bewusstseins ein. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Inhalte so manchen Schulfaches im Lebenslauf mehr und mehr verblassen und auf die Kenntnis einiger weniger Sachverhalte zusammenschrumpfen? Und wie sonst ist zu erklären, dass Erwachsene achtzig Prozent ihrer Fähigkeiten außerhalb und unabhängig von Bildungsinstitutionen durch informelles Lernen erwerben?

Trotz der offensichtlich eingeschränkten Wirksamkeit der aufwendigen Lehrbemühungen lädt die Bologna-Strategie zu einem hilflosen „Mehr vom selben“ ein. Bologna stützt die überlieferten Lernkulturen, statt diese zu transformieren. Zwar hat das sogenannte Selbststudium in die „workload“-Berechnungen Einzug gehalten, doch glaubt man dieses bereits zu gewährleisten, indem man es berechnet. Und auch die sogenannten Kontaktzeiten werden zu Präsenzzeiten, einem Relikt prägutenbergscher Zeiten, in denen Zuhören die einzige Möglichkeit der Aneignung gewesen ist.

Eine fragwürdige Praxis

Warum aber nutzen wir nicht die Erfahrungen mit Formen der akademischen Lehre, die mit wenig oder gar ohne Präsenz auskommen? In den letzten Jahren entwickelte sich mehr und mehr das Bewusstsein dafür, dass die Praxis des angeleiteten Selbststudiums, wie sie die Fernstudienangebote realisieren, auch die Präsenzkultur an den Hochschulen und Universitäten insgesamt zu transformieren vermag.

Die Selbstlernmaterialien, wie sie für das Fernstudium eigens entwickelt und zumeist auch aufwendig didaktisiert werden, sollen den Studierenden die Selbsterschließung eines Inhaltsgebietes erleichtern. Aus diesem Grunde gehören Glossare, Übungsaufgaben, Anwendungsbeispiele, Portfolioarbeiten sowie Einsendeaufgaben zu den wesentlichen didaktischen Elementen dieser Studienstrategie. Gerade Präsenzuniversitäten sehen sich deshalb heute vor die Frage gestellt, warum sie für ihre Fernstudierenden didaktisierte Selbstlernmaterialien bereithalten, die sie ihren Präsenzstudierenden vorenthalten - eine Praxis, die gerade in Anbetracht des erwähnten Einzugs des Selbststudiums auf leisen Sohlen mehr als fragwürdig ist.

Wozu die Teilnahmepflicht?

Bereits vor Jahren fragte mich ein Kollege, ob er seinen Einführungsstudienbrief, welchen er für das postgraduale Fernstudium entwickelt hatte, nicht auch bei seinen Präsenzstudierenden einsetzen könne. Die Freigabe seines Selbststudienmaterials konfrontierte ihn jedoch mit der Frage der Studierenden, warum sie eigentlich noch zur Teilnahme an seiner Vorlesung verpflichtet seien, wenn sie doch die Möglichkeit hätten - wie Fernstudierende auch -, ihr Wissen durch die Zusendung von Einsendeaufgaben oder einfach durch das Bestehen der Abschlussklausur unter Beweis zu stellen - eine Nachfrage, der mit keinen wirklich stichhaltigen Argumenten begegnet werden kann.

Der entscheidende Aspekt ist jedoch darin zu sehen, dass sich Hochschulen, indem sie ihre Angebote nicht länger bevorzugt in den groben Kategorien der äußeren Lernorganisation - Lehren versus Lernen oder Präsenz- versus Fernstudium - unterscheiden, auch zu den inneren Substanzen eines nachhaltigen und kompetenzbildenden Lernens vorstoßen. Denn: Man kann viel wissen und nichts können, und Bildung kann in der persönlichen Begegnung mit einem Lehrenden reifen, muss dies aber nicht. Um methodische, soziale und emotionale Fähigkeiten wirksam anzueignen, bedarf es anderer als nur dialogischer didaktischer Inszenierungen.

Materiale und formale Bildung

Der Bologna-Prozess mit seiner deutlicheren Berufsbefähigung in der Bachelor-Phase trifft auf eine sich wandelnde Berufswirklichkeit, die sich vom Nur-Zweckgebundenen löst und die eigene Zwecksetzungs- und Problemlösungskompetenz der Menschen in der Wissensgesellschaft herausfordert. Schon vor Jahren begannen führende Vertreter der betrieblichen Personalentwicklung darauf hinzuweisen, dass Schulen und Hochschulen viel zu wenig für die Anbahnung und Entwicklung dieser Selbstorganisationsfähigkeit täten. Dies verwundert, fordert doch gerade die Dualität von materialer und formaler Bildung im Humboldtschen Bildungskonzept, die „Stärkung der Menschen“ gleichgewichtig und gleichzeitig mit der „Klärung der Sachen“ zu verfolgen, um eine Formulierung der bildungstheoretischen Debatten aufzugreifen.

Diese Dualität haben die Hochschulen schon lange vor Bologna vielfach aus dem Blick verloren, und schon lange vor Bologna sind sie der Illusion der Materialität erlegen, der zufolge das Wissen im Zentrum der wissenschaftlichen Bildung zu stehen habe und nicht der Umgang mit dem Wissen und die Selbstkonstruktion von Wissen. Gleichzeitig haben sie übermäßig an einem Distribuierungskonzept festgehalten, welches seine Wurzeln - wie der Bildungsbegriff selbst - in der Verkündigungstradition der Kirche hat und sich zählebig bis in die Architekturen selbst neuerer Hochschulbauten fortsetzt.

Wenn das Lehren das Lernen behindert

Wir benötigen demgegenüber Konzepte zur weiteren Förderung und Übung der methodischen Kompetenzen der Studierenden. Die Förderung von Schlüsselqualifikationen können als Angebote nicht in das Studium Generale abgedrängt werden, während alles andere so bleiben kann, wie es ist. Schlüsselqualifikationen entstehen auch bei Studierenden nur, indem sie vorbereitend angebahnt und durch die Art der universitären Lehre gefordert werden. Auch in den Hochschulen kann das Lehren das Lernen der Studierenden behindern, indem eine Wissensmast die Lernenden zur Passivität und zum Mitvollzug hilfloser Rituale der Anwesenheit und Aneignung zwingt.

Das notwendige Know how muss in den Zeiten der neuen Bildungsmedien nicht mehr (nur) life präsentiert werden. Grundlagen-, Standard- und Pflichtvorlesungen können auch optional als Selbstlernangebote, tutoriell begleitet, den Studierenden dargebracht werden. Die Hochschulen werden bei hohen inhaltlichen Anforderungen überrascht feststellen, dass die Studierenden über eigene Aneignungsfähigkeiten für ein erfolgreiches Studium verfügen oder diese entwickeln können. Lernen ist in seinem Kern immer Selbstlernen und Studium immer Selbststudium. Warum nehmen die Hochschulen diesen offensichtlichen Sachverhalt nicht in noch viel stärkerem Maße zum Anlass, um ihre Angebote in Teilen als Selbststudien-Angebote zu offerieren? Die Erfahrungen der Distance- und eLearning-Hochschulen im öffentlichen und privaten Bereich halten reichhaltige Anregungen für eine Ausgestaltung solcher Konzepte wissenschaftlicher Bildung bereit. Auch Humboldt wäre heute online!

Der Autor lehrt Berufs- und Erwachsenenpädagogik an der Technischen Universität Kaiserslautern und ist Direktor des Distance and International Studies Center dieser Universität sowie Sprecher des Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Babelsberg, mon amour?

Von Andreas Kilb

Einhundert Jahre wird das Studio Babelsberg alt. Doch Rührung und echte Nostalgie wollen sich nicht einstellen. Babelsberg ist weder eine nationale Ikone noch ein Haus der Träume. Mehr