05.05.2010 · Das Abschreckungspotential für Medizinstudenten ist in der Chirurgie immer noch besonders groß: Ein Drittel will zu Beginn des Studiums im Operationssaal arbeiten, nach dem praktischen Jahr sind es noch ganze sechs Prozent.
Von Joachim Müller-JungVieles auf den Frühjahrskongressen der ehrwürdigen deutschen Medizingesellschaften ist Ritual. Und selbst das, was in den Präsidentenreden längst als bedrohlich bis systemgefährdend identifiziert worden war, wirkte dann doch immer wieder wie ein verbrauchtes Stereotyp. Nachwuchspflege war so ein hausbackener Gegenstand. In diesem Frühjahr konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, dass zumindest in dieser Hinsicht etwas mächtig in Bewegung geraten ist. Spürbar war das schon bei den Internisten in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen, und noch viel offenkundiger wurde es auf den Berliner Kongressen der Onkologen und Chirurgen.
Mittlerweile treibt der zunehmende Nachwuchs- und Ärztemangel die Medizingesellschaften zu unkonventionellen bis bizarren Marketingschritten. Es sei ein „ungewollter Wettbewerb der Fächer in der Medizin“ entstanden, so formulierte es der Bochumer Onkologie-Präsident Wolf Schmiegel. Jede Disziplin versucht auf ihre Weise junge Kräfte für Klinik und Forschung zu gewinnen - oder vielversprechende Talente zu binden. „Deutschland sucht die Super-Internisten“ lautete etwa eine dieser betont unorthodoxen Ideen, eine computergestützte TED-Befragung während des Internistenkongresses, mit der vor allem die leistungswilligen, fortbildungsfreudigen Ärzte motiviert werden sollten.
Berufspolitischer Eisberg mit Numerus Clausus
Der Rekrutierungswunsch greift aber noch viel früher. Nicht zuletzt für Medizinstudenten will man attraktiver werden. Sei es mit einem „Studierendenforum“ wie bei den Internisten, zu dem dank der Stipendien der Krebshilfe zweihundert Medizinstudenten nach Wiesbaden gelockt wurden, oder mit „Juniorakademien“ und einem erweiterten wissenschaftlichen Programm, das auf den Nachwuchs zugeschnitten wird. Die jüngste Regierungsofferte, den Numerus clausus für Medizin zu modifizieren und damit das Fach aufzuwerten, ist so gesehen nur die bildungspolitische Spitze eines berufspolitischen Eisbergs.
Die Lockrufe sind freilich das eine, die klinische Realität ist etwas anderes. Der deutschen Krankenhausgesellschaft zufolge fehlen in den Kliniken heute bereits fünftausend Fachärzte. Die Zahl wäre gewiss höher, würde man die Ärzte fragen und nicht die Träger. So oder so, das Problem wächst, und es ist längst kein Ostphänomen mehr. Die Situation in den Kliniken der westdeutschen Länder ist kaum besser. Der Nachwuchsmangel hat auch Disziplinen erfasst, die lange als gefestigt bis gesättigt galten: Gynäkologen fehlen vielerorts schon ebenso wie Neurologen und sogar Radiologen, denen stets der Ruf legendärer Verdienstmöglichkeiten vorauseilte - inzwischen teilen sie viele Belastungssyndrome mit anderen Facharztkollegen.
Klinische Realität verschreckt Nachwuchs
Als besonders schmerzlich wird dieser degenerative Verlauf in der Chirurgie wahrgenommen. Reiner Gradinger, der diesjährige Chirurgen-Präsident aus München, warnte vor einer „Aushöhlung unserer Fundamente“. Dreißig Prozent der Studienanfänger träumen angeblich zu Beginn des Medizinstudiums von einer Karriere als Chirurg. Nach dem praktischen Jahr sind es Umfragen zufolge nur noch sechs Prozent. Die Begegnung mit der klinischen Realität schreckt den Nachwuchs ab. Keine Disziplin „verbrennt“ buchstäblich ihre Talente so konsequent wie die Chirurgie. Selbstausbeutung taugt nicht zum Vorbild.
Die Bremer Kinderchirurgin Heidrun Gitter hat die größtenteils unzumutbaren Arbeitsbedingungen in den Kliniken auf dem Berliner Chirurgenkongress beziffert: 48 Wochenstunden sollte der geregelte Arbeitsalltag den Arzt beschäftigen, auf freiwilliger Basis und per Absprache könnten mit der Klinikleitung sechzig Stunden vereinbart werden. „Die Realität aber ist, dass viele deutlich über dem gesetzlichen Limit liegen und oft nicht einmal gefragt werden.“ Tarifvereinbarungen und Arbeitszeitgesetz werden nonchalant übergangen.
Privatleben als Marginalie
Siebzehn Prozent der Operateure, so der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Hartwig Bauer, liegen den eigenen Erhebungen zufolge bei mehr als 80 Wochenstunden Arbeit in der Klinik. Das ist es, was schon Studenten und erst recht der angehende Facharzt im praktischen Jahr auf der Station erleben. Die „Arbeitsverdichtung“ auf deutschen Chirurgiestationen nennt Bauer rekordverdächtig: Das deutsche Krankenhauspersonal hinkt nach OECD-Angaben vierzig Prozent hinter den Vereinigten Staaten und Frankreich her. Unter allen großen Industrienationen nimmt Deutschland, was den Personalschlüssel der Kliniken angeht, den letzten Platz ein.
Dabei ist es weniger die Arbeit am Operationstisch, die den Ärzten den Spaß am Beruf nimmt, als der immer größer werdende Anteil an Verwaltungsaufgaben und Abrechnungspflichten. Privatleben wird so zur Marginalie. In einer der bisher umfangreichsten Befragungen in der Branche, an der sich dreitausend Operateure und sechshundert Nichtchirurgen beteiligten, gaben erwartungsgemäß fast alle Mediziner an, dass ihnen Familie und ausreichend Privatleben sehr wichtig seien. Aber wirklich zufrieden mit der Verwirklichung solcher Vorsätze im Arbeitsalltag ist eine Minderheit - und bei den Chirurgen sind es noch mal zwanzig Prozent weniger als bei anderen Fachärzten. Ausgesprochen kritisch ist die Situation in dieser Hinsicht bei den Ärztinnen. Es müsse endlich berücksichtigt werden, sagte Chirurgen-Präsident Reiner Gradinger fast appellierend auf dem Jahreskongress, dass mehr als siebzig Prozent der Studienanfänger Frauen sind. Doch in den Kliniken würden sie vielerorts noch immer von „familienfeindlichen Strukturen“ abgeschreckt.
Mehr Spezialisierung, mehr Nachsorge, mehr Pflege
Nicht nur fehlt es an Möglichkeiten der Kinderbetreuung, sondern offensichtlich überhaupt an klaren, möglichst einheitlichen Regeln, nach denen sich die angehenden Ärztinnen in ihrer Familien- und Alltagsplanung richten könnten. An manchen Krankenhäusern, so Bauer, würde den schwangeren Ärztinnen und jungen Müttern quasi ein Berufsverbot auferlegt, indem man sie an reine Schreibarbeiten setzt, in anderen verfahre man nach dem Maximallastprinzip „Was soll schon passieren?“.
Dass die Belastung der Mediziner, und keineswegs nur der Chirurgen, unaufhaltsam weiter zu wachsen droht, machte der Krebsarzt Wolf Schmiegel auch an der Demographie fest. Die Zahl der überlebenden Krebspatienten sowie - wegen der gestiegenen Lebenserwartung - auch der Neuerkrankungen nimmt den Onkologen zufolge rapide zu. Sind es heute knapp über 400000 Krebsneuerkrankungen pro Jahr, werden es 2030 wohl an die 600000 sein. Mehr Spezialisierung in Diagnose und Therapie, mehr Nachsorge, mehr psychoonkologische Betreuung und mehr Pflege - in allen Bereichen wächst der Bedarf. „Die Qualität und die Quantität, die morgen gefordert wird, schreit nach mehr Nachwuchs“, sagte Schmiegel.
Weiterbildung ist Chirurgenstrategie
Wie das zu realisieren ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Aber alle sehen plötzlich schon den Medizinstudenten als Erfüllungsgehilfen. Störende Strukturen, etwa die hierarchischen Chefarztstrukturen, sollen plötzlich nicht mehr abschreckend wirken. Schmiegel sieht für die Onkologen etwa den „Chefarzt als Eisbrecher, der den jungen Ärzten den Weg freimacht“, überhaupt müsse der „Medizinerberuf entmystifiziert“ werden und die Talentsuche in den Kliniken und Universitäten schon früher als jetzt beginnen.
Seit einigen Jahren gilt dieser Vorsatz offenbar auch in der Chirurgie, wie Heidrun Gitter beobachtet hat. „Früher waren wir in der Hinsicht eher träge, heute gehen viele Kliniken aktiv auf Studenten und Frauen zu.“ Ein Hauptbestandteil der Chirurgenstrategie ist dabei die Weiter- und Fortbildung. Das sei inzwischen anerkannt im Berufsstand.
Baustelle Nachwuchs: Regeln erwünscht
Es müsse „Konzernziel“ werden, meint die Bremer Chirurgin einer Privatklinik, dass Ärzte nicht nur tagaus, tagein am Krankenbett oder im OP-Saal stehen, sondern sich fortbilden, auch der Qualität der Behandlung wegen. „Der Oberarzt müsste eigentlich zwanzig Prozent seiner Arbeitszeit auf systematische Weiterbildung verwenden“, sagte Hartwig Bauer, die Wirklichkeit sei dagegen fast immer „Training on the Job“. Es ist offenkundig: Eine Reform der Weiterbildung steht an. Doch welche Chancen diese hat angesichts ökonomischer Interessen und Zwänge in den Kliniken, steht noch in den Sternen. Und die Professionalisierungsideale des Chirurgen-Generalsekretärs Bauer, der „mehr Ruhe und mehr Kommunikation“ fordert anstelle von Hektik und Arbeitsverdichtung in den Kliniken von morgen, klingt allenfalls als Versprechen an die medizinische Jugend gut.
Der Mangel an medizinischem Nachwuchs ist freilich nicht nur am Krankenbett spürbar, sondern auch in den Laboren. In der ohnehin schwachen Talentbörse für die klinische Forschung herrscht Ebbe, und das schon sehr lange - trotz aller Appelle und Präsidentenreden. Wer Arzt werden und dabei noch wissenschaftlich arbeiten will, findet in den deutschen Medizinischen Fakultäten weiterhin viel zu wenig Unterstützung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat das gerade erst wieder publik gemacht. Man könne von einer regelrechten „Deprofessionalisierung der Arztausbildung“ sprechen und vom fortschreitenden „Verlust einer wissenschaftlichen Basis“. Die Forderung: Regeln müssten her, damit die wissenschaftlich ambitionierten Studenten und Absolventen für die Promotionsarbeit vom Klinikbetrieb freigestellt und ihnen endlich auch „transparente Karrierewege“ ermöglicht würden. Die Fakultät, auch sie eine ergiebige, offenbar nie versiegende Baustelle für die Bewirtschaftung des Nachwuchsmangels.
Wen wundert es?
Ulrich Reuter (d-ur)
- 05.05.2010, 14:26 Uhr
Das Problem ist lösbar!
Kai Pieritz (kaipieritz)
- 05.05.2010, 15:03 Uhr
Zufällig stehen ja gerade die Streiks der KH Mediziner an...
Jürgen Becker (Obergeheimrat)
- 05.05.2010, 15:36 Uhr
Ressource der hochqualifizierten Arbeit verantwortlicher verteilen
christoph bartscherer (derbrenner)
- 05.05.2010, 17:01 Uhr
Deutschland sucht nicht die Super-Mediziner und braucht sie auch nicht!
Walter Drews (Walter_Drews)
- 06.05.2010, 10:38 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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