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Veröffentlicht: 10.01.2012, 16:50 Uhr

Motive der Forschung Ist der Kandidat denn auch gut vernetzt?

Was ist für Forscher am wichtigsten? Einst war „Neugierde“ die einschlägige Antwort. Heute wird sie oft durch „Netzwerke“ ersetzt. Über eine Motivverschiebung.

von Peter-André Alt
© dpa Die Wissenschaft braucht wieder mehr versenkte Forscher statt umtriebiger Karrierearbeiter: Quellenstudium an der Universität Köln

Die Curiositas war und ist die entscheidende Triebfeder der modernen Wissensgesellschaft. Bis ins 18. Jahrhundert hinein bedeutete die Neugierde eine Todsünde. Aus der Perspektive der Kirchen entsprang sie einem Verstoß gegen das göttliche Privileg der Allwissenheit. Der Schwarzkünstler Johann Faust paktiert mit dem Teufel, weil er vom Verlangen nach Überschreitung der Grenzen seiner beschränkten irdischen Kenntnisse getrieben wird. Die Historia von 1587 - der Roman eines anonymen Autors - erzählt uns die Geschichte Fausts als Exempel in warnender Absicht. Fausts Neugierde ist eine Todsünde, für die es keine Entschuldigung, keine Entschuldung gibt.

Hans Blumenberg hat gezeigt, wie sich die wissenschaftliche Modernisierung im Europa der Frühen Neuzeit über die Entfaltung der theoretischen Neugierde als gleichsam häretischer Prozess ausbildet. In dem Maße, in dem sich die Curiositas aus dem Bannkreis der kirchlichen Verbote befreien konnte, trieb sie eine Bewegung voran, die das Denken der Welt im wissenschaftlichen Maßstab ermöglichte.

Von Giordano Bruno über Kant bis zu Alexander von Humboldt verläuft eine Deutungslinie durch die neuere abendländische Wissensgeschichte, die Erkenntnis über das Konzept der Suche definiert. Es ist intrinsisch getragen, insofern es von innen nach außen, vom persönlichen Interesse zum Verständnis von Natur und Metaphysik führt. Am Anfang steht das subjektive Motiv, am Ende ein belastbares objektives Resultat; darauf beruht die spezifisch neuzeitliche Programmatik der Erkenntnissuche. Den eigentlichen Weg zum Wissen bahnen dann die Methoden, die in verschiedenen Techniken, Verfahrens- und Argumentationsformen manifest hervortreten.

Die Dynamik des forschenden Verstandes

Wissenschaftliche Neugierde ist eine Einstellung, die das Verhältnis des Forschers zur Sache regelt. Stets bedeutet sie die Lizenz zur Überschreitung geltender Grenzen und Normen. Neugierde begnügt sich nicht mit dem Erkennen des Status quo, sondern richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Hinterbühne des Welt-Geschehens, auf die verborgenen Ursachen und Mechaniken seines Arrangements. In diesem Sinne gehorcht sie dem Gesetz der Kritik: sie erweist sich als genuin aufklärerisches Muster der Selbstermächtigung des forschenden Verstandes, der sich äußerlichen Normen, Spielregeln und Konventionen, aber auch materiell begründeten Limitierungen und Markierungen entzieht. Moderne Forschung ist seit der europäischen Aufklärung durch die Dualität von subjektiver Motivation und permanenter Dynamik gekennzeichnet. Ihre besondere Qualität entsteht aus dieser doppelten Prägung, die persönliche und sachliche Beweggründe für wissenschaftliches Denken verbindet.

In der Moderne ist die Neugierde die Garantin aller zukünftigen Wissenschaft. Was aber bleibt in der gegenwärtigen Wissensgesellschaft tatsächlich von ihr erhalten? Betrachtet man die Programmatik aktueller akademischer Karriereplanungen, so lässt sich sagen: Neben der Förderung von Strukturen und Projekten wird bei der Qualifizierung junger Wissenschaftler zu wenig auf die Pflege und Entwicklung der Neugierde als Erkenntnisprinzip geachtet.

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