Brauchen Werte Gott? Mündet eine transzendenzlose Gesellschaft in Zweckrationalismus und Ersatzglauben? Dient eine säkulare Ethik einem kleinmütigen Menschenbild? Die These vom moralstabilisierenden Charakter der Religion taucht regelmäßig auf, wenn es um den Machterhalt und die finanzielle Ausstattung kirchlicher Institutionen geht, und sich der Glaube durch den evolutionären Denkstil des neuen Atheismus oder die individualistische Marktdoktrin herausgefordert sieht. Dostojewskij hat sie auf die Formel gebracht: „Ohne Gott ist alles erlaubt.“ Selbst religiöse Skeptiker wie Gregor Gysi schließen an sie an, wenn sie ihre Furcht vor einer gottlosen Gesellschaft bekunden.
Die Apologie des Glaubens durch seinen moralischen Mehrwert kam im neunzehnten Jahrhundert als Antwort auf die Säkularisierung auf. Der katholische Sozialphilosoph Hans Joas nennt sie in den „Stimmen der Zeit“ (Heft 5/Mai, Jahrgang 2012) zu Recht eine schwache Defensivposition, die den Wert des Glaubens an seinen Nebenerträgen misst und nicht an seiner Wurzel, der religiösen Erfahrung, greift. Darüber hinaus sieht Joas die Zeit für eine empirische Prüfung gekommen, was im religiös geprägten neunzehnten Jahrhundert noch nicht möglich war. Mit den säkularen Gesellschaften des sozialistischen Osteuropa und stark säkularisierten westeuropäischen Staaten wie Großbritannien und Schweden biete sich heute diese Möglichkeit. Joas will bei der auch unreligiösen Menschen mitteilbaren religiösen Erfahrung ansetzen. Das hat den Vorteil, machtpolitischen Missbrauch, Dogmatismus und Scheinmoral sowie die Unterscheidung zwischen den Religionen ausklammern zu können.
Wie misst man religiöse Moral?
Joas verneint den Moralverfall durch Säkularisierung klar und deutlich. Anderslautende Studien, die Religion in statistischen Zusammenhang mit niedrigeren Depressionsraten oder größerem familiären Zusammenhalt bringen, erwähnt er knapp. Auch in religiösen Gesellschaften gebe es jedoch Gewalt und Amoral. Die religiös sehr vitalen Vereinigten Staaten verzeichneten etwa ein viel höheres Gewaltaufkommen als die europäischen Staaten. Ein fraglicher Vergleich, der sich keine Mühe macht, religiöse Faktoren der Gewalt zu isolieren. Ein Kriminalitätsgefälle zwischen gläubigen und ungläubigen amerikanischen Bürgern ist durch Studien belegt. Angesichts seines empirischen Motivs sind Joas’ Belege erstaunlich mager. Schwer zu verstehen ist, dass er seinen Gegenbeweis auch an den gescheiterten sozialistischen Gesellschaften führt.
Der Publizist Andreas Püttmann hat für „Die neue Ordnung“ (Heft 5, Jahrgang 2012) eine breitere empirische Basis nachgeliefert. Das Bild fällt hier anders aus. Laut Studien sind religiös geprägte Menschen in den Kriminalitätsstatistiken weniger präsent, dafür sozial engagierter und hilfsbereiter, weniger hedonistisch und materialistisch, dafür stärker am Gemeinsinn orientiert. Vor allem in fundamentalen Lebensaspekten wie Abtreibung, Sterbehilfe und Embryonenforschung sei die religiöse Moral stärker. Dazu scheinen Christen mehr als andere an Tugenden wie Milde, Verzicht und Mitleid orientiert. Auch die moralische Dekadenz hält Püttmann für klar erkennbar. Symptome sind ihm die Umwertung von Untugenden wie Geiz und Egoismus, die Heroisierung moralischer Abstinenz wie bei Dieter Bohlen und die Versachlichung des Lebendigen, wie sie sich in Pornographie, Sterbehilfe und Reproduktionsmedizin artikuliert.
Moral des beidseitigen Nutzens
Lässt sich die Frage empirisch entscheiden? Joas hält die statistischen Korrelationen für Oberflächenbefunde, die keine Kausalitäten aufzeigen und den Glauben nur in der lapidaren Alltagspraxis erfassen. Wichtiger sind ihm die Tiefenstrukturen. Lebt die säkulare Moral im Vertrauen auf ein moralisches Fundament, das latent von christlichen Werten zehrt, die in den Institutionen fortleben? Verliert säkulare Ethik ihre Motivation, sobald sie nicht mehr auf die Überwindung religiöser Moral angelegt ist? Die Suche nach tieferen Strukturen wie dem protestantischen Individualismus und dem katholischen Gemeinschaftssinn bleibt aber ohne Relevanz für die Fragestellung. Die religiösen Wurzeln bekommt Joas empirisch nicht zu packen.
Auf der Suche nach alternativen Quellen der Moral wendet er sich Reziprozitätsregeln zu, die er aus ethnologischen Studien an Stammesgesellschaften ableitet. Höhere Werte wachsen demnach von unten, aus der Erfahrung gelungener Kooperation. Ein steigender gesellschaftlicher Abstraktionsgrad droht die Gegenseitigkeitsmoral zu schwächen. Joas stellt ihr deshalb übergeordnete Werte wie den Glauben an Gerechtigkeit zur Seite, die er aus der Reflexion gelungener Kooperation und subjektiven Evidenzen wie der Unrechtserfahrung herleitet. Er entgeht nicht dem Zirkel, die höheren Werte an ihren einfachen Ursprung zu binden.
Transzendente Gründe
Die kontraktualistische Moral hat neben ihrer profanen Utilität den Makel, das Gutsein vom Handeln der anderen abhängig zu machen und sich in unübersichtlichen Verhältnissen häufig über den allgemeinen Willen zum Guten zu täuschen. Der Ausweg liegt bei Püttmann im Glauben an den sittlichen Ausgleich im Jenseits. Das Einzige, was schon bei Kant den moralischen Rigoristen und das damit verbundene Leid ertragen lässt, ist der Lohn vor einem überweltlichen Gericht. Den bedingten Moralisten schütze die Integration in eine von religiösen Werten geprägte Gemeinschaft immer noch vor pessimistischen Fehlannahmen. Der skeptischen säkularen Anthropologie, der er eine Neigung zur Selbstabsolution im Namen der Trieb- und Mängelnatur des Menschen nachsagt, hält Püttmann das universale Menschenbild der Religion entgegen, das auch dem Bösen eine Perspektive der Erlösung gibt und in der Gottesebenbildlichkeit seinen Anspruch auf Würde fundiert. Es enthält für den Skeptiker die Bedingung, eine Erlösungsperspektive zu akzeptieren, an die er nicht glaubt.
Auch Joas ist Transzendenz wichtig, aber in einem anderen Sinn. Der Universalismus sei in seiner Genese an Transzendenzvorstellungen geknüpft. Er droht zu Dogmatismus und religiösem Eifer sich zu verengen, wo ihm diese Perspektive verlorengeht. Unangesprochen bleibt, welchen anderen Kräften die Moral in der säkularen Gesellschaft ausgeliefert ist. Man muss sie wohl in der Marktmoral und im evolutionären Denkstil suchen.
Fortsetzung:
Thomas Rakow (tlmr)
- 02.11.2012, 19:26 Uhr
Es GIBT keine "religiöse Moral"!
Thomas Rakow (tlmr)
- 02.11.2012, 19:25 Uhr
Moralverfall durch Säkularisierung?
Volker Kraft (volkerkraft88)
- 01.11.2012, 18:23 Uhr
Fortsetzung
Severin Milenn (hasardeuer)
- 01.11.2012, 10:32 Uhr
Kann dem nicht zustimmen
Wolfgang Kolberg (wberg70)
- 01.11.2012, 05:53 Uhr