Home
http://www.faz.net/-gqz-7400n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Moralverfall durch Säkularisierung? Die Glaubensdividende

In säkularen Gesellschaften werden religiöse Werte oft über ihren moralischen Nutzen verteidigt. Der Soziologe Hans Joas widerspricht der These, dass der Atheismus zwangsläufig zum Moralverfall führt.

© dpa Vergrößern Zehrt die allgemeine Moral von den in der Rechtsordnung verankerten christlichen Werten?

Brauchen Werte Gott? Mündet eine transzendenzlose Gesellschaft in Zweckrationalismus und Ersatzglauben? Dient eine säkulare Ethik einem kleinmütigen Menschenbild? Die These vom moralstabilisierenden Charakter der Religion taucht regelmäßig auf, wenn es um den Machterhalt und die finanzielle Ausstattung kirchlicher Institutionen geht, und sich der Glaube durch den evolutionären Denkstil des neuen Atheismus oder die individualistische Marktdoktrin herausgefordert sieht. Dostojewskij hat sie auf die Formel gebracht: „Ohne Gott ist alles erlaubt.“ Selbst religiöse Skeptiker wie Gregor Gysi schließen an sie an, wenn sie ihre Furcht vor einer gottlosen Gesellschaft bekunden.

Die Apologie des Glaubens durch seinen moralischen Mehrwert kam im neunzehnten Jahrhundert als Antwort auf die Säkularisierung auf. Der katholische Sozialphilosoph Hans Joas nennt sie in den „Stimmen der Zeit“ (Heft 5/Mai, Jahrgang 2012) zu Recht eine schwache Defensivposition, die den Wert des Glaubens an seinen Nebenerträgen misst und nicht an seiner Wurzel, der religiösen Erfahrung, greift. Darüber hinaus sieht Joas die Zeit für eine empirische Prüfung gekommen, was im religiös geprägten neunzehnten Jahrhundert noch nicht möglich war. Mit den säkularen Gesellschaften des sozialistischen Osteuropa und stark säkularisierten westeuropäischen Staaten wie Großbritannien und Schweden biete sich heute diese Möglichkeit. Joas will bei der auch unreligiösen Menschen mitteilbaren religiösen Erfahrung ansetzen. Das hat den Vorteil, machtpolitischen Missbrauch, Dogmatismus und Scheinmoral sowie die Unterscheidung zwischen den Religionen ausklammern zu können.

Wie misst man religiöse Moral?

Joas verneint den Moralverfall durch Säkularisierung klar und deutlich. Anderslautende Studien, die Religion in statistischen Zusammenhang mit niedrigeren Depressionsraten oder größerem familiären Zusammenhalt bringen, erwähnt er knapp. Auch in religiösen Gesellschaften gebe es jedoch Gewalt und Amoral. Die religiös sehr vitalen Vereinigten Staaten verzeichneten etwa ein viel höheres Gewaltaufkommen als die europäischen Staaten. Ein fraglicher Vergleich, der sich keine Mühe macht, religiöse Faktoren der Gewalt zu isolieren. Ein Kriminalitätsgefälle zwischen gläubigen und ungläubigen amerikanischen Bürgern ist durch Studien belegt. Angesichts seines empirischen Motivs sind Joas’ Belege erstaunlich mager. Schwer zu verstehen ist, dass er seinen Gegenbeweis auch an den gescheiterten sozialistischen Gesellschaften führt.

Der Publizist Andreas Püttmann hat für „Die neue Ordnung“ (Heft 5, Jahrgang 2012) eine breitere empirische Basis nachgeliefert. Das Bild fällt hier anders aus. Laut Studien sind religiös geprägte Menschen in den Kriminalitätsstatistiken weniger präsent, dafür sozial engagierter und hilfsbereiter, weniger hedonistisch und materialistisch, dafür stärker am Gemeinsinn orientiert. Vor allem in fundamentalen Lebensaspekten wie Abtreibung, Sterbehilfe und Embryonenforschung sei die religiöse Moral stärker. Dazu scheinen Christen mehr als andere an Tugenden wie Milde, Verzicht und Mitleid orientiert. Auch die moralische Dekadenz hält Püttmann für klar erkennbar. Symptome sind ihm die Umwertung von Untugenden wie Geiz und Egoismus, die Heroisierung moralischer Abstinenz wie bei Dieter Bohlen und die Versachlichung des Lebendigen, wie sie sich in Pornographie, Sterbehilfe und Reproduktionsmedizin artikuliert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Demonstrationen in Dresden Die Ursachen des Pegida-Phänomens

Erst dachten alle, die Dresdner Demonstrationen erledigten sich von selbst. Die Protestbewegung hält sich jedoch hartnäckig. Wieso ist das so? Mehr Von Joachim Klose und Werner J. Patzelt

11.05.2015, 14:56 Uhr | Feuilleton
Pakistan Sex im Fernsehen - Eine Revolution

Erektionsstörungen, Abtreibung und Geschlechtskrankheiten - lauter Themen, die in Pakistan gemeinhin tabu sind. Dr. Nadim Uddin spricht sie in seiner wöchentlichen Ratgeber-Sendung im Gesundheitssender Health TV an. Das von einem muslimischen Geistlichen begleitete Programm sorgt in dem religiös geprägten Land für eine Revolution. Mehr

28.11.2014, 17:20 Uhr | Gesellschaft
Psychiater Frank Urbaniok Wir werden nicht als Täter geboren, aber auch nicht als weißes Blatt

Es vergeht keine Woche, in der Frank Urbaniok keine Morddrohung erhält. Im Interview spricht der Psychiater über Wutbürger, das kriminelle Potential von Schlachthäusern und die Gemeinsamkeiten von Psychopathen und Investmentbankern. Mehr Von Melanie Mühl

21.05.2015, 17:03 Uhr | Feuilleton
Veganer Trend Fleischkonsum in Deutschland geht zurück

Studien zeigen, dass der Fleischkonsum der Deutschen rückläufig ist. Im Land von Schweinshaxe, Sonntagsbraten und Wurst wenden sich immer mehr Verbraucher von diesen ab. Mit Produkten wie vegetarischer Currywurst stellen sich Anbieter auf die Verbraucherwünsche ein. Mehr

30.04.2015, 12:00 Uhr | Gesellschaft
Justiz streitet über Fall Gysi Das Leben des Anderen

Hat Gregor Gysi eine falsche eidesstattliche Versicherung im Zusammenhang mit möglichen Stasi-Kontakten abgegeben? Der Hamburger Generalstaatsanwalt will nun eine Anklage erzwingen. Ein untergebener Beamter wehrt sich dagegen. Justizsenator Steffen prüft den Fall. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Mehr Von Alexander Haneke und Guido Franke

21.05.2015, 15:14 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.10.2012, 16:10 Uhr

Irlands Zeitsprung

Von Gina Thomas

In Irland soll die Heirat von Gleichgeschlechtlichen durch einen Volksentscheid in der Verfassung verankert werden. Persönliche Loyalitäten sind stärker geworden als die Autorität von Kirche und Staat. Mehr 21 4