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Veröffentlicht: 16.03.2016, 14:25 Uhr

Öffentliche Theologie Die Bibel folgt keiner Partei

Verliert der Protestantismus über seine ständige politische Einmischung den Glaubenskern? So sieht es der Finanzminister. Das Problem liegt aber an anderer Stelle.

von Christian Albrecht
© epd In politischer Mission: Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Gespräch mit Flüchtlingen

Wolfgang Schäuble hat in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift „Pastoraltheologie“, über den auch diese Zeitung berichtet hat, dem Protestantismus eine einseitige Politisierung vorgehalten und den Verlust des religiösen Kerns beklagt. Das ist kein neuer Vorwurf. „Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiel lassen, dieweil sie das gar nichts angeht“, hatte 1895 schon der letzte deutsche Kaiser gepoltert. Ähnlich äußerten sich später Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt, denen ebenfalls die politischen Einmischungen von Protestanten zu weit gingen.

Schäuble weiß das gut. Deswegen ist seine Kritik auch nicht einfach eine Wiederauflage staatsmännischen Theaterdonners, sondern subtil plaziert als Beitrag zu einer innerprotestantischen Debatte. Denn die zunehmende politische Positionierung führender kirchenleitender Repräsentanten beispielsweise zur Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik mit Ansichten, die tendenziell dem politisch linken Spektrum zugeordnet werden können, ist auch innerhalb des Protestantismus nicht unumstritten. Schäubles Kritik zielt, ohne es explizit zu machen, auf das politisch-theologische Programm einer „Öffentlichen Theologie“, das die EKD-Stellungnahmen inzwischen weitgehend leitet.

Der Auftrag der Öffentlichen Theologie

Öffentliche Theologie ist eine vor etwa dreißig Jahren entstandene, gleichermaßen in Südafrika, Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten wurzelnde Bewegung, deren Ziel darin besteht, die politischen und ethischen Streitfragen der Zivilgesellschaft im Lichte religiöser und theologischer Traditionen zu reflektieren und darin eine Anwaltschaft für die Schwachen zu übernehmen. Die deutsche Ausprägung der Öffentlichen Theologie verdankt sich insbesondere der Lernerfahrung, dass die Kirche im Nationalsozialismus ihre Stimme denen hätte leihen sollen, die vom Regime zum Schweigen gebracht worden waren und dass sie der Verbannung der Religion aus der Öffentlichkeit ins Private zu wenig Widerstand entgegengesetzt hatte. Die Barmer Theologische Erklärung, deren zweiter Artikel den Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums festhält, ist darum zur Magna Charta der Öffentlichen Theologie geworden. Die Kirche ist nicht ein privater Verein zur Pflege der Seelen, sondern Organ des göttlichen Anspruchs auf das ganze Leben in der Welt.

Vorrangige Themen der Öffentlichen Theologie sind soziale Gerechtigkeit, Globalisierung und Migration, ökologische Umorientierung, ethische Probleme der Biotechnologie und Probleme der Anwendung militärischer Gewalt in Krisengebieten. Versteht sich die Öffentliche Theologie dezidiert als eine Basisbewegung, so hat sie in Deutschland inzwischen zahlreiche Anhänger in der theologischen Wissenschaft und in den Kirchenleitungen. Der gegenwärtig prominenteste Repräsentant dürfte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sein, zuvor Theologieprofessor an der Universität Bamberg und Gründer der dortigen Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie. Ein früher Wegbereiter ist Wolfgang Huber.

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