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Migranten an den Universitäten : Willkommen auf Akademisch

Die Sprache ist ein Integrationsschlüssel, besonders an den Hochschulen: Flüchtlinge beim Deutschkurs an der Universität Vechta Bild: dpa

Die Hochschulen sind auf die Flüchtlinge gut vorbereitet. Die Hilfsbereitschaft ist groß, aber bisher spontan. Die Flüchtlinge passen gut in die Vielfaltsrhetorik der Universitäten. Aber interessiert man sich wirklich für sie?

          Das Wort „Willkommenskultur“ mussten deutsche Universitäten nicht lernen. Seit Jahren geht ihr Blick in die Ferne. Der Appell zur Internationalität durchzieht wissenschaftliche Programmschriften. Vizepräsidenten werden zu Diversitätsbeauftragten, die Willkommenszentren gründen und Internationalisierungsstrategien verabschieden, im Wunsch, dass globales Handeln nicht nur Fächer und Fakultäten, sondern die gesamte Alma mater durchdringt. Das Wort „Diversität“ hat darüber Eigendynamik bekommen. Auf der Aufschlagseite der Universität Mainz heißt es emblematisch: „Universität = Diversität“.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Vieles hat hier Schlagwortcharakter. Doch das weite Netz internationaler Kooperationen, das sich viele Hochschulen geschaffen haben, bietet neben dem traditionellen Liberalismus und Kosmopolitismus des akademischen Milieus eine Erklärung dafür, warum die Academia so schnell auf die Flüchtlingswelle reagierte, dass die Bildungsministerin sie heute als Vorbild der Integration loben kann. Hinter der rhetorischen Kulisse ist die globale Expansion eher auf selektive Kooperation und „Exzellenz“ gerichtet. Die Flüchtlingsfrage, in der sich humanitäre Impulse und wirtschaftliche Erwartungen mischen, ist eine zweite, unvorhergesehene Spur.

          Als der deutsche Germanist und Vizepräsident der New York University, Ulrich Baer, im Sommer auf einem Podium des Historikerverbandes euphorisch dafür warb, die Flüchtlingswelle als europäische Ressource in der globalisierten Bildungslandschaft zu begreifen, war die Resonanz verhalten. Irritierte Blicke. Wird hier die ethische Pflicht vorschnell zur Gewinnchance umdeklariert? Auch in Deutschland spricht man inzwischen über Geld, ohne dass verbindliche Beschlüsse gefasst wären. Die Verhandlungen laufen im Vorgriff auf die bisher unbeantwortete Frage, wie viele Flüchtlinge es denn sein werden, die sich an deutschen Hochschulen bewerben. Von einer Welle zu sprechen wäre zu hoch gegriffen; in diesem Wintersemester waren es an den einzelnen Hochschulen eher Dutzende als Hunderte, im kommenden Jahr könnten es an die tausend sein.

          Spontane Gesten der Hilfe

          Finanziell ist das deutsche Hochschulsystem auf den Andrang bedingt vorbereitet. Der Wissenschaftsrat beklagt eine Unterfinanzierung von jährlich vier Milliarden Euro. Die Schieflage wird deutlich an der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses, der sich bis zur Lebensmitte mit Viertel- und Halbjahresverträgen ein Ausscheidungsrennen um wenige Lehrstühle liefert. Bei, vorsichtig geschätzt, dreißig- bis fünfzigtausend studierfähigen Flüchtlingen werden die zusätzlichen Kosten nicht gering, aber zu bewältigen sein.

          Das bisherige Engagement, das die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung noch einmal übertrifft, beruht auf der Mobilisierung von Willensressourcen und eigenen Mitteln. Die kostenlosen Sprachkurse und Schnupperstudien, Matratzenlager in Universitätsturnhallen und studentischen Graswurzelinitiativen sind spontane Gesten. Vieles koordiniert sich in der Aktion. Das Bundesministerium hat die Bafög-Wartezeit für Asylbewerber gesenkt und fördert vorbereitende Studienkollegs, in der weisen Voraussicht, dass sich das Sprachniveau für ein Studium so schnell nicht erreichen lässt. An den Universitäten sucht man den Übergang von der formal zur qualitativ begründeten Anerkennung mit fachlichen Tests und Auswahlgesprächen, die an manchen Hochschulen Usus sind, dort aber bald an Kapazitätsgrenzen gelangen könnten.

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