Home
http://www.faz.net/-gsn-74ha4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Michel Foucault Der Archäologe im Land der Ideen

Michel Foucault hatte für die Ideengeschichte kaum mehr als Spott übrig. Sie diente ihm vor allem als Kontrastfolie zur eigenen Diskurstheorie. Eine Tagung in Marburg bemüht sich um eine Versöhnung alter Gegensätze.

© AFP Vergrößern Sprengmeister der Kultur: Michel Foucault

Es ist ruhiger geworden um Michel Foucault, was weniger mit nachlassendem Interesse als mit gewachsener Anerkennung zu tun hat. Tobten in den neunziger Jahren noch die Lagerkämpfe um seine Vernunftkritik und seinen Posthumanismus, so zählt er heute in vielen Disziplinen zum zitierfähigen Bestand. Es ist ein Zeichen dieser Arriviertheit, dass die aktuelle Rezeption die Versöhnung mit früheren Gegnern sucht.

Thomas Thiel Folgen:  

An der Universität Marburg hat sich das noch relativ junge Portal Ideengeschichte, das sich hauptsächlich aus Politologen und Kunsthistorikern zusammensetzt, die Synthese seiner Diskurstheorie mit der Ideengeschichte vorgenommen. Foucault wusste über Ideenhistoriker nicht viel Gutes zu sagen. Seine großen psychiatriehistorischen Studien über den Wahnsinn und die Klinik bewegten sich noch im ideengeschichtlichen Rahmen. Seit den sechziger Jahren hatte er dann nur noch Spott für die über die Jahrhunderte und Meisterdenker hinweggezogenen Ideenlinien übrig, die von Machtfaktoren, Kontexten und Material völlig unbeeindruckt blieben. Eine Wissensordnung, meinte Foucault, artikuliert sich nicht nur sprachlich, sondern materiell und räumlich. Seine Diskursanalyse richtete den Blick lieber auf das Gewebe aus Praktiken und Regeln, das unter den Worten und den Bedeutungen liegt.

Foucault verstand seine Theorie als Werkstatt und Werkzeugkasten. In Marburg versuchte man im Rahmen einer Konferenz, einige dieser Instrumente der Ideengeschichte dienstbar zu machen. Praktische Synthesen waren dabei kaum anzutreffen. Die neue Ideengeschichte war ein schwebendes Konzept, zu dem sich jeder seine eigenen Vorstellungen machen durfte. Die meisten Vorträge galten der deutschen Foucault-Rezeption von den psychiatriekritischen Anfängen bis zur biopolitischen Gegenwart. Es war wie so oft auf wissenschaftlichen Tagungen: Auch thematische Verirrungen können auf ihre Weise interessant sein.

Mit Hegel gegen Hegel denken

Der Berliner Philosoph Holden Kelm machte sich an eines der theoretischen Hindernisse einer diskursanalytischen Ideengeschichte: Foucaults Feindschaft gegenüber Hegel. Seit den sechziger Jahren war der Philosoph die Zielscheibe von Foucaults Polemik gegen das souveräne Subjekt und das Fortschrittsbewusstsein. Nach Kelm ging diese Kritik an die falsche Adresse. Ihr eigentliches Ziel sei der zeitgenössische französische Hegelianismus und Sartres Humanismus gewesen.

Mit Hegel hätte Foucault dagegen ein Auskommen haben können. Kelm bemühte sich um den Nachweis einer unvermuteten Nähe von Hegels Phänomenologie zu Foucaults Subjektkritik und seiner Theorie der historischen Brüche. Weder sei Hegel von einem unmittelbaren Bewusstsein noch von einem geradlinigen Fortschritt ausgegangen. Die Bewusstseinsbildung sei bei ihm den konkreten Formen des objektiven Geistes unterworfen. Der individuelle Geist nehme beim Aufstieg der Vernunft anders als der allgemeine keinen linearen Verlauf.

Trotz plausibler Begründung im Einzelnen ging diese Harmonisierung von Geistesgeschichte und Diskurstheorie doch sehr weit, weil sie den Theorierahmen ausblendete. Im Unterschied zu Hegel bietet Foucault nicht die Erlösungsperspektive des kosmischen Subjekts und nimmt das Bewusstsein nicht in den Blick.

Frühe und späte Wirkung

In Deutschland begann Foucaults Wirkung in den siebziger Jahren. Der Medizinhistoriker Florian Mildenberger wies auf eine frühere Rezeption in den sechziger Jahren durch den Nervenarzt und Medizinhistoriker Werner Leibbrand hin. Leibbrand forschte selbst über Wahnsinn und Sexualität. Es verband ihn ein thematisches, aber kaum ein methodisches Interesse mit Foucault. Seine Lektüre beschränkte sich auf die ideengeschichtliche Frühphase. Leibbrands frühe Publikation über Foucault in dem medizinhistorischen Organ „Sudhoffs Archiv“ (1964) blieb ohne Resonanz. Die deutschen Medizinhistoriker der Nachkriegszeit, die oft zum Personal der nationalsozialistischen Rassenprogramme gehört hatten, verstanden Foucaults Machtkritik der Psychiatrie als entlarvenden Angriff auf sich selbst. Die nächste Rezeptionswelle der siebziger Jahre folgte anderen Interessen.

Den Hauptstrang der gegenwärtigen Foucault-Wirkung bilden seine späten Schriften zur Gouvernementalität, womit Foucault die Theorie einer liberale Regierungsform, die Politik nach ökonomischen Maximen reguliert und seit der Französischen Revolution zur dominierenden Regierungsform geworden ist. Der dänische Soziologe Nicolai Mariegaard von Eggers übte Kritik an der Bewegungslosigkeit dieses Konzepts, bei dem Foucault den Aktivismus ausklammere und politischen Wandel nicht erklären könne.

Mehr zum Thema

Foucault, der sich selbst einen Sprengmeister der Kultur nannte, war gewohnt, vom Rand in die unterschiedlichen Disziplinen einzudringen und sie für seine Fragen aufzubrechen. Sein Ingenium lag in der überraschen Verknüpfung von Disziplinen nach übergeordneten Denkmotiven. Eine in die Tagung integrierte Podiumsdiskussion versuchte ihn in diesem Sinn als Leitfigur heutiger Interdisziplinarität aufzubauen. In seiner Art, sich vom Material leiten und immer wieder überraschen zu lassen, schien er hier schon wieder zu beweglich, um als feste Vorlage zu dienen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wetten, dass..? bei Twitter #Tschüss

Wetten, dass..? und die diejenigen, die sich im Internet darüber lustig machten, waren jahrelang ein eingespieltes Team. Aus gegebenem Anlass bieten wir den Spöttern ein letztes Mal eine Bühne. Schließlich war es auch für sie ein Abschied. Mehr

14.12.2014, 10:28 Uhr | Gesellschaft
Tödlicher Familienstreit Vater sprengt sich in die Luft

Ein Streit, ein Mann mit Zugang zu Sprengstoff und ein schlimmes Ende: Nahe Marburg jagt sich ein Mann mit seinem Auto in die Luft und stirbt. Der Motorblock fliegt 30 Meter weit. Ein nächtlicher Streit ging voraus. Mehr

17.11.2014, 08:44 Uhr | Gesellschaft
Houellebecqs neuer Roman Muslim im Elysée

In Michel Houllebecqs neuem Roman gehört Frankreichs nächster Präsident der Partei Muslimischer Brüderlichkeit an. Soumission erscheint im Januar, ein Skandal wird jetzt schon inszeniert. Mehr Von Jürg Altwegg

19.12.2014, 15:26 Uhr | Feuilleton
Johnny Winter: Step Back

Hörprobe: Can’t Hold Out (Talk to Me Baby) Mehr

08.09.2014, 16:16 Uhr | Feuilleton
Hartmut Leppin Leibniz-Preis für Frankfurter Althistoriker

Der mit 2,5 Millionen Euro dotierte Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis geht dieses Mal an Hartmut Leppin. Er hat seit 2001 in Frankfurt eine Professur für Alte Geschichte inne. Mehr Von Eva-Maria Magel

10.12.2014, 17:44 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.11.2012, 16:10 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 30