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Michel Foucault : Der Archäologe im Land der Ideen

Sprengmeister der Kultur: Michel Foucault Bild: AFP

Michel Foucault hatte für die Ideengeschichte kaum mehr als Spott übrig. Sie diente ihm vor allem als Kontrastfolie zur eigenen Diskurstheorie. Eine Tagung in Marburg bemüht sich um eine Versöhnung alter Gegensätze.

          Es ist ruhiger geworden um Michel Foucault, was weniger mit nachlassendem Interesse als mit gewachsener Anerkennung zu tun hat. Tobten in den neunziger Jahren noch die Lagerkämpfe um seine Vernunftkritik und seinen Posthumanismus, so zählt er heute in vielen Disziplinen zum zitierfähigen Bestand. Es ist ein Zeichen dieser Arriviertheit, dass die aktuelle Rezeption die Versöhnung mit früheren Gegnern sucht.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          An der Universität Marburg hat sich das noch relativ junge Portal Ideengeschichte, das sich hauptsächlich aus Politologen und Kunsthistorikern zusammensetzt, die Synthese seiner Diskurstheorie mit der Ideengeschichte vorgenommen. Foucault wusste über Ideenhistoriker nicht viel Gutes zu sagen. Seine großen psychiatriehistorischen Studien über den Wahnsinn und die Klinik bewegten sich noch im ideengeschichtlichen Rahmen. Seit den sechziger Jahren hatte er dann nur noch Spott für die über die Jahrhunderte und Meisterdenker hinweggezogenen Ideenlinien übrig, die von Machtfaktoren, Kontexten und Material völlig unbeeindruckt blieben. Eine Wissensordnung, meinte Foucault, artikuliert sich nicht nur sprachlich, sondern materiell und räumlich. Seine Diskursanalyse richtete den Blick lieber auf das Gewebe aus Praktiken und Regeln, das unter den Worten und den Bedeutungen liegt.

          Foucault verstand seine Theorie als Werkstatt und Werkzeugkasten. In Marburg versuchte man im Rahmen einer Konferenz, einige dieser Instrumente der Ideengeschichte dienstbar zu machen. Praktische Synthesen waren dabei kaum anzutreffen. Die neue Ideengeschichte war ein schwebendes Konzept, zu dem sich jeder seine eigenen Vorstellungen machen durfte. Die meisten Vorträge galten der deutschen Foucault-Rezeption von den psychiatriekritischen Anfängen bis zur biopolitischen Gegenwart. Es war wie so oft auf wissenschaftlichen Tagungen: Auch thematische Verirrungen können auf ihre Weise interessant sein.

          Mit Hegel gegen Hegel denken

          Der Berliner Philosoph Holden Kelm machte sich an eines der theoretischen Hindernisse einer diskursanalytischen Ideengeschichte: Foucaults Feindschaft gegenüber Hegel. Seit den sechziger Jahren war der Philosoph die Zielscheibe von Foucaults Polemik gegen das souveräne Subjekt und das Fortschrittsbewusstsein. Nach Kelm ging diese Kritik an die falsche Adresse. Ihr eigentliches Ziel sei der zeitgenössische französische Hegelianismus und Sartres Humanismus gewesen.

          Mit Hegel hätte Foucault dagegen ein Auskommen haben können. Kelm bemühte sich um den Nachweis einer unvermuteten Nähe von Hegels Phänomenologie zu Foucaults Subjektkritik und seiner Theorie der historischen Brüche. Weder sei Hegel von einem unmittelbaren Bewusstsein noch von einem geradlinigen Fortschritt ausgegangen. Die Bewusstseinsbildung sei bei ihm den konkreten Formen des objektiven Geistes unterworfen. Der individuelle Geist nehme beim Aufstieg der Vernunft anders als der allgemeine keinen linearen Verlauf.

          Trotz plausibler Begründung im Einzelnen ging diese Harmonisierung von Geistesgeschichte und Diskurstheorie doch sehr weit, weil sie den Theorierahmen ausblendete. Im Unterschied zu Hegel bietet Foucault nicht die Erlösungsperspektive des kosmischen Subjekts und nimmt das Bewusstsein nicht in den Blick.

          Frühe und späte Wirkung

          In Deutschland begann Foucaults Wirkung in den siebziger Jahren. Der Medizinhistoriker Florian Mildenberger wies auf eine frühere Rezeption in den sechziger Jahren durch den Nervenarzt und Medizinhistoriker Werner Leibbrand hin. Leibbrand forschte selbst über Wahnsinn und Sexualität. Es verband ihn ein thematisches, aber kaum ein methodisches Interesse mit Foucault. Seine Lektüre beschränkte sich auf die ideengeschichtliche Frühphase. Leibbrands frühe Publikation über Foucault in dem medizinhistorischen Organ „Sudhoffs Archiv“ (1964) blieb ohne Resonanz. Die deutschen Medizinhistoriker der Nachkriegszeit, die oft zum Personal der nationalsozialistischen Rassenprogramme gehört hatten, verstanden Foucaults Machtkritik der Psychiatrie als entlarvenden Angriff auf sich selbst. Die nächste Rezeptionswelle der siebziger Jahre folgte anderen Interessen.

          Den Hauptstrang der gegenwärtigen Foucault-Wirkung bilden seine späten Schriften zur Gouvernementalität, womit Foucault die Theorie einer liberale Regierungsform, die Politik nach ökonomischen Maximen reguliert und seit der Französischen Revolution zur dominierenden Regierungsform geworden ist. Der dänische Soziologe Nicolai Mariegaard von Eggers übte Kritik an der Bewegungslosigkeit dieses Konzepts, bei dem Foucault den Aktivismus ausklammere und politischen Wandel nicht erklären könne.

          Foucault, der sich selbst einen Sprengmeister der Kultur nannte, war gewohnt, vom Rand in die unterschiedlichen Disziplinen einzudringen und sie für seine Fragen aufzubrechen. Sein Ingenium lag in der überraschen Verknüpfung von Disziplinen nach übergeordneten Denkmotiven. Eine in die Tagung integrierte Podiumsdiskussion versuchte ihn in diesem Sinn als Leitfigur heutiger Interdisziplinarität aufzubauen. In seiner Art, sich vom Material leiten und immer wieder überraschen zu lassen, schien er hier schon wieder zu beweglich, um als feste Vorlage zu dienen.

          Quelle: F.A.Z.

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