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Veröffentlicht: 05.07.2017, 07:34 Uhr

Gespräch mit Michael Kleeberg Wenn Alarmlampen aufblinken

Schriftsteller Michael Kleeberg erregte während seiner Frankfurter Poetikdozentur das Publikum und auch die Universität. Wie konnte es dazu kommen? Ein Gespräch.

von
© dpa Die Universität habe vor seinen Vorlesungen keine inhaltlichen Bedenken geäußert, sagt Michael Kleeberg.

Heute Abend schließen Sie Ihre Frankfurter Poetikdozentur ab. In deren Verlauf haben Sie einige Zuhörer erregt. Was ist geschehen?

Andreas Platthaus Folgen:

Es ist offensichtlich so gewesen, dass etwas verwechselt worden ist. Eine Denkbewegung mit Beispielen ist als eine Eins-zu-eins-Aussage von mir gewertet worden. Meine Vorlesung war so aufgebaut, dass ich an fünf Abenden beschreibe, wie ich zu meinem im Herbst 2018 erscheinenden nächsten Roman gekommen bin, der vom Austausch zwischen dem Nahen Osten und Deutschland erzählt. In dieses Buch sind fünfzehn Jahre Interesse an und Erfahrungen mit dem Nahen Osten und den Leuten dort eingeflossen. Der dritte Teil meiner Vorlesung hieß „Leben und Lesen“, und es ging darum, wie das täglich an einem vorbeitreibende Leben und das Lesen nebenbei – also nicht nur das für die Arbeit am Buch zu Lesende, sondern etwa auch die alltägliche Zeitungslektüre – seinen Weg in die konkrete Schreibarbeit findet.

Im Rahmen dieser Denkbewegung habe ich beschrieben, wie der Hauptteil der Arbeit am Roman von den Personen, den Ereignissen und den historischen Begebenheiten, die ich erlebt habe, gebildet wird. In diesem Roman erzähle ich vom Zusammenwachsen, der Interkulturalität, dem geistigen Ankommen des „Orients“, lange bevor er physisch hier in Europa ankommt – es wird eine Feier der Verknüpfung und der gegenseitigen Befruchtung. Doch in dieses Projekt hinein spielen die Nachrichten aus der dortigen Region, die nicht ausgeblendet werden können, als da sind der dschihadistische Terror oder die Flüchtlingskrise. Ich habe in der Vorlesung beschrieben, wie der Künstler in mir und der Staatsbürger darüber in einen produktiven Konflikt geraten.

Sie haben in Ihrer dritten Vorlesung gesagt: „Meiner Generation in Deutschland war es nicht an der Wiege gesungen, dass wir uns irgendwann im eigenen Land mit dem Islam würden auseinandersetzen müssen. Er war das Fremde an sich und weit weg.“ Deutschland fehle zum Einwanderungsland das Selbstverständnis. Sollte das eine politische Stellungnahme sein?

Nein, sondern ebendie Beschreibung meiner Denkbewegung. Ich finde einiges an dem, was politisch passiert, zum Beispiel, wie Deutschland die Flüchtlingskrise gemanagt hat, nicht gut. Ich stelle mir die Frage, wie es kommt, dass andere anerkannte Demokratien sich weigern, Menschen einzulassen, oder nur lächerliche Kontingente akzeptieren, während Deutschland eine Million Menschen aufnimmt. Ich höre Stimmen aus meinem Umfeld, Erfahrungsberichte darüber, dass sich das sehr schwierig gestaltet. Und ich habe ausgeführt, dass der Schriftsteller diese Schattenseiten mit ins Kalkül ziehen muss. Doch zugleich schreibe ich keinen apokalyptischen Horrorroman, sondern einen der beiderseitigen Gastfreundschaft. Denn ich habe festgestellt, dass mich als Schriftsteller der einzelne Mensch bewegt. Irgendwelche Massenphänomene kann man als falsch ansehen, aber der einzelne Mensch ist nie falsch.

Was hat dann die Irritation über Ihre Vorlesung ausgelöst?

In dieser dialektischen Denkbewegung sind Sätze gefallen, die bei irgendwelchen Leuten im Publikum – ich weiß nicht, bei wie vielen – Alarmlampen haben aufblinken lassen, nach dem Motto: Darf man solche kritischen Fragen stellen, die eventuell auch den Beifall der Falschen auslösen können?

Sie haben dann von der Organisatorin der Poetikdozentur, der Germanistin Susanne Komfort-Hein, gehört, dass es „Missstimmungen oder Missverständnisse“ gegeben habe. Ihrer vierten Vorlesung wurde daraufhin eine Vorbemerkung von Frau Komfort-Hein vorangestellt, die sich im Namen der Universität von Ihren Ausführungen der Vorwoche distanzierte. Das ist ungewöhnlich.

Die Universität, so hieß es, müsse sich dazu verhalten, weil sie kein neutraler Ort sei. Es gebe Diskussionsbedarf. Was Frau Komfort-Hein sagen würde, wurde mir vorher nicht mitgeteilt. Ich war irritiert über diesen Vorgang und wusste nicht, was mich erwartete.

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Deshalb habe ich meinerseits der vierten Vorlesung eine Bemerkung vorangestellt, die noch einmal ausführlich deutlich machte, was ich in der Vorwoche gesagt hatte, und mit der ich mich gegen auch nur den Verdacht einer politischen Anschuldigung verwahrte. Dann stand aber noch die Frage nach Diskussion im Raum.

Die findet nun heute Abend als Abschluss Ihrer Vorlesung statt, mit der Islamwissenschaftlerin Armina Omerika im Frankfurter Literaturhaus. Angekündigt war der Abend einmal, wie im Rahmen der Poetikdozentur üblich, als Lesung des Dozenten. Aus dem Literaturhaus heißt es, die Diskussion mit einem sachkundigen Experten wäre Ihr „ausdrücklicher Wunsch“ gewesen.

Es war nicht mein Wunsch, ich dachte gar nicht an ein öffentliches Gespräch. Ich hatte nur gesagt, als die Kritik seitens der Germanisten kam, die mich eingeladen hatten, dass es in dieser Auseinandersetzung wohl mehr als literaturwissenschaftliche Kompetenz brauche.

Goethe-Uni © dpa Vergrößern Die Universität sollte als neutraler Ort die größtmögliche akademische Denkfreiheit bieten.

Nun sollte doch die Universität im Gegensatz zu dem, was man Ihnen gesagt hat, gerade der neutrale Ort schlechthin sein. Dort wird akademische Denkfreiheit proklamiert, unterschiedliche Meinungen sollten selbstverständlich sein.

So etwas wie die Frankfurter Poetikvorlesungen habe ich noch nicht gemacht. Ich wurde sehr willkommen geheißen mit meinem Projekt: Endlich sprich mal jemand von seiner Poetologie im Sinne eines Werkstattberichts, hieß es. Die Meinungen, die ich vertrete und die notwendigerweise auf lückenhaften Kenntnissen beruhen, sind ja auch nicht das, was ich dabei für das Wichtigste halte. Sie fließen als ein geringer Teil in die Arbeit ein. Ich glaube mit Thomas Mann, dass ich als Schriftsteller beim Schreiben immer klüger bin denn als Meinungsgenerator.

Hatten Sie Ihre Vorlesungstexte der Universität vorabgeschickt?

Nur in einer ersten Version an den Professor des begleitenden Seminars als Hilfe für die Vorbereitung.

Und gab es da inhaltliche Bedenken?

Nein, nur eine kritische Anmerkung betreffs der vierten Vorlesung, in der ich deutsche Germanisten ironisiert habe, die französische Strukturalisten zu ernst nehmen. Da fühlte er sich wohl auf den Fuß getreten.

Hat es Diskussionen über den Hörsaal hinaus gegeben?

Es wurde in Radio und Zeitungen auf die Irritationen eingegangen. Sonst habe ich aber nichts wahrgenommen, kein Internet-Gemunkel oder dergleichen.

Was erwartet uns nun heute Abend zum Abschluss? Werden Sie mitdiskutieren oder doch nur lesen?

Mir wurde mitgeteilt, dass es eine Dreiviertelstunde normale Lesung geben werde und danach das Gespräch. Ich bin mal gespannt, denn ich weiß nicht so recht, worüber wir da diskutieren sollen: Islam in Deutschland? Richtiger Islam? Falscher Islam? Das Gros der Bekannten und Freunde, die ich zunächst im Libanon und danach in Syrien, Ägypten und Iran gefunden habe, würde sich wohl herzlich bedanken, wenn man sie vom Islam her definierte. Die definieren sich als etwas ganz anderes: die Philosophen zum Beispiel über Heidegger oder die Schriftsteller, so sie französisch akkulturiert sind, über Saint-John Perse. Unser Austausch fand nie auf der Basis des jeweiligen religiösen Hintergrundes statt.

Ist eine solche Eingrenzung der persönlichen Identität auf Herkunft oder Religion eine „déformation nationale“ der Deutschen?

Wir brauchen auf dem Boden unserer demokratischen Werte eine offene Diskussion – und das nicht nur über Fragen des Islams oder der Einwanderung, sondern prinzipiell über die Frage, wie diese Gesellschaft sich selbst definiert. Diese Offenheit dürfte ruhig etwas größer sein.

Ist Literatur dafür die geeignete Diskussionsgrundlage? Verstehen Sie sich als politischer Schriftsteller?

Ich kriege immer Gänsehaut, wenn Literatur zum Vehikel für irgendetwas gemacht wird. Grundvoraussetzung für mich beim Arbeiten und auch dafür, dass ich ein Buch lesen mag, ist die Freiheit: die Freiheit des Lesers, sich für ein Buch nicht zu interessieren, und die Freiheit des Autors, esoterisch werden zu können, sich zu verrennen oder auch absolut privat sein zu können. Aber das Apriori bleibt, dass es Geschichten über den Menschen sind, die nicht dazu dienen sollten – und da schließt sich der Kreis –, eine Meinung zu propagieren. Meinungen bilden sich im Kopf des Lesers. Wobei es Meisterwerke gibt, die scheinbar nicht privater sein könnten, aber auf eine indirekte Weise hochpolitisch sind. Sagen wir: Kafka.

Glosse

Van Gogh als Facebook-Event

Von Kolja Reichert

Facebook wollte in einem virtuellen Ausstellungsraum fünf Werke van Goghs wiedervereinen – und sich selbst als Kunstplattform präsentieren. Es ist ein Versuch zwischen Hochkultur und Hemdsärmeligkeit. Mehr 0

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