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Gespräch mit Michael Kleeberg : Wenn Alarmlampen aufblinken

Die findet nun heute Abend als Abschluss Ihrer Vorlesung statt, mit der Islamwissenschaftlerin Armina Omerika im Frankfurter Literaturhaus. Angekündigt war der Abend einmal, wie im Rahmen der Poetikdozentur üblich, als Lesung des Dozenten. Aus dem Literaturhaus heißt es, die Diskussion mit einem sachkundigen Experten wäre Ihr „ausdrücklicher Wunsch“ gewesen.

Es war nicht mein Wunsch, ich dachte gar nicht an ein öffentliches Gespräch. Ich hatte nur gesagt, als die Kritik seitens der Germanisten kam, die mich eingeladen hatten, dass es in dieser Auseinandersetzung wohl mehr als literaturwissenschaftliche Kompetenz brauche.

Die Universität sollte als neutraler Ort die größtmögliche akademische Denkfreiheit bieten.

Nun sollte doch die Universität im Gegensatz zu dem, was man Ihnen gesagt hat, gerade der neutrale Ort schlechthin sein. Dort wird akademische Denkfreiheit proklamiert, unterschiedliche Meinungen sollten selbstverständlich sein.

So etwas wie die Frankfurter Poetikvorlesungen habe ich noch nicht gemacht. Ich wurde sehr willkommen geheißen mit meinem Projekt: Endlich sprich mal jemand von seiner Poetologie im Sinne eines Werkstattberichts, hieß es. Die Meinungen, die ich vertrete und die notwendigerweise auf lückenhaften Kenntnissen beruhen, sind ja auch nicht das, was ich dabei für das Wichtigste halte. Sie fließen als ein geringer Teil in die Arbeit ein. Ich glaube mit Thomas Mann, dass ich als Schriftsteller beim Schreiben immer klüger bin denn als Meinungsgenerator.

Hatten Sie Ihre Vorlesungstexte der Universität vorabgeschickt?

Nur in einer ersten Version an den Professor des begleitenden Seminars als Hilfe für die Vorbereitung.

Und gab es da inhaltliche Bedenken?

Nein, nur eine kritische Anmerkung betreffs der vierten Vorlesung, in der ich deutsche Germanisten ironisiert habe, die französische Strukturalisten zu ernst nehmen. Da fühlte er sich wohl auf den Fuß getreten.

Hat es Diskussionen über den Hörsaal hinaus gegeben?

Es wurde in Radio und Zeitungen auf die Irritationen eingegangen. Sonst habe ich aber nichts wahrgenommen, kein Internet-Gemunkel oder dergleichen.

Was erwartet uns nun heute Abend zum Abschluss? Werden Sie mitdiskutieren oder doch nur lesen?

Mir wurde mitgeteilt, dass es eine Dreiviertelstunde normale Lesung geben werde und danach das Gespräch. Ich bin mal gespannt, denn ich weiß nicht so recht, worüber wir da diskutieren sollen: Islam in Deutschland? Richtiger Islam? Falscher Islam? Das Gros der Bekannten und Freunde, die ich zunächst im Libanon und danach in Syrien, Ägypten und Iran gefunden habe, würde sich wohl herzlich bedanken, wenn man sie vom Islam her definierte. Die definieren sich als etwas ganz anderes: die Philosophen zum Beispiel über Heidegger oder die Schriftsteller, so sie französisch akkulturiert sind, über Saint-John Perse. Unser Austausch fand nie auf der Basis des jeweiligen religiösen Hintergrundes statt.

Ist eine solche Eingrenzung der persönlichen Identität auf Herkunft oder Religion eine „déformation nationale“ der Deutschen?

Wir brauchen auf dem Boden unserer demokratischen Werte eine offene Diskussion – und das nicht nur über Fragen des Islams oder der Einwanderung, sondern prinzipiell über die Frage, wie diese Gesellschaft sich selbst definiert. Diese Offenheit dürfte ruhig etwas größer sein.

Ist Literatur dafür die geeignete Diskussionsgrundlage? Verstehen Sie sich als politischer Schriftsteller?

Ich kriege immer Gänsehaut, wenn Literatur zum Vehikel für irgendetwas gemacht wird. Grundvoraussetzung für mich beim Arbeiten und auch dafür, dass ich ein Buch lesen mag, ist die Freiheit: die Freiheit des Lesers, sich für ein Buch nicht zu interessieren, und die Freiheit des Autors, esoterisch werden zu können, sich zu verrennen oder auch absolut privat sein zu können. Aber das Apriori bleibt, dass es Geschichten über den Menschen sind, die nicht dazu dienen sollten – und da schließt sich der Kreis –, eine Meinung zu propagieren. Meinungen bilden sich im Kopf des Lesers. Wobei es Meisterwerke gibt, die scheinbar nicht privater sein könnten, aber auf eine indirekte Weise hochpolitisch sind. Sagen wir: Kafka.

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