02.06.2009 · Der Ärztemangel lässt sich nur über einen steigenden weiblichen Anteil beim medizinischen Personal beheben. Doch dazu bedarf es einer familienfreundlicheren Studier- und Arbeitswelt.
Von Nicola von LutterottiDie Antwort auf den Ärztemangel ist weiblich: Rund sechzig Prozent aller Erstsemester im Fach Humanmedizin sind mittlerweile Frauen. Und auch bei den frischgebackenen Ärzten, die sich gleich nach dem Studium der Krankenversorgung widmen, überwiegt das weibliche Geschlecht. Nach diesem Frühstart ziehen sich viele Ärztinnen allerdings wieder aus dem Berufsleben zurück. Bundesweit besteht das ärztliche Personal von Kliniken und Praxen nur zu etwa vierzig Prozent aus weiblichen Angestellten. Dieser Anteil könnte aber in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Denn seit den neunziger Jahren beobachtet man einen langsamen, aber stetigen Zuwachs der Ärztinnenquote. Lag diese Mitte der neunziger Jahre noch bei 35 Prozent, betrug sie 2008 bereits 41,5 Prozent.
Seltenheitswert besitzen Medizinerinnen bislang allerdings noch in Forschung und Lehre. Und noch dünner wird die Luft für das weibliche Geschlecht auf den obersten Etagen der Medizinerhierarchien: Chefarztsessel und Lehrstühle sind nur extrem selten mit Ärztinnen besetzt. Werden Frauen im Deutschland des 21. Jahrhunderts also weiterhin diskriminiert? Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes und Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychiatrie, beantwortet diese Frage mit einem klaren „Jein“. Grundsätzlich würden Frauen zwar gleich behandelt. Allerdings hätten sie nach wie vor wesentlich schlechtere Karriereaussichten als Männer. Maßgeblich verantwortlich für diesen Missstand sind laut Frau Bühren die - mit wenigen rühmlichen Ausnahmen - familienfeindlichen Arbeitsbedingungen an deutschen Kliniken und Praxen. Diese Situation erschwere es Medizinerinnen, im gewünschten Ausmaß ärztlich tätig zu sein oder die Hierarchieleiter emporzukommen. Um auch Frauen eine Laufbahn innerhalb der Medizin zu ermöglichen, sei es unabdingbar, die Arbeitsbedingungen familiengerechter zu gestalten.
Das Blatt scheint sich zu wenden
Wie ein solches familienfreundliches Umfeld aussehen sollte, hat der Ärztinnenbund in drei Checklisten - „das familienfreundliche Krankenhaus“, die „familienfreundliche Niederlassung“ und „Studieren mit Kind“ zusammengetragen. Wie Frau Bühren zugleich betont, will sie die Listen nicht als vollständig zu erfüllende Kataloge von Forderungen verstanden wissen. Vielmehr sollte man diese gleichsam als Steinbruch nutzen und jene Anregungen aufgreifen, die sich am besten verwirklichen lassen.
Unverhoffte Unterstützung erhält der Deutsche Ärztinnenbund in seinem Bemühen von einigen medizinischen Fachgesellschaften, die bislang größtenteils ebenfalls männlich beherrschte Territorien darstellen. Allen voran springt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie den Kolleginnen zur Seite - ausgerechnet, möchte man sagen. Denn die operierende Gilde galt bislang als eine der frauenfeindlichsten medizinischen Zünfte. Jetzt scheint sich das Blatt allerdings zu wenden. Denn wie aus einer Pressemitteilung der Fachgesellschaft hervorgeht, hat sich diese den Leitsatz „Die Chirurgie setzt sich für Frauen in der Chirurgie ein“ auf die Fahnen geschrieben. Zu den erklärten Zielen der Chirurgen zählt demnach, die dürftige Frauenquote von derzeit 16 Prozent anzuheben.
Chirurgie und Familie - das geht nur schwer zusammen
Dass sich nur so wenige Ärztinnen für die Chirurgie entscheiden, hat eine Vielzahl von Gründen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die mit einem Familienleben nur schwer vereinbaren Arbeitszeiten, fasst der Generalsekretär der Deutschen Chirurgen, Hartwig Bauer, die Situation zusammen und fügt hinzu: „Wenn die Chirurgie kein männliches Biotop bleiben soll, müssen wir hierfür eine Lösung finden.“ Die chirurgische Fachgesellschaft unterstützt daher ausdrücklich die Forderung des Ärztinnenbundes, die Kinderbetreuung an Kliniken zu verbessern und Müttern, aber auch Vätern unter die Arme zu greifen, wenn diese nach einer Elternauszeit wieder ins Erwerbsleben zurückkehren möchten. Auf die vielen gut ausgebildeten Ärztinnen zu verzichten, bezeichnet Frau Bühren als eine enorme Verschwendung von Ressourcen. Angesichts des wachsenden Ärztemangels könne man sich dies aber weniger leisten denn je.
Der Ärztinnenbund sieht seine Aufgabe allerdings nicht nur im Formulieren von Appellen. Ein vor rund neun Jahren gegründetes Mentorinnennetzwerk erlaubt es jungen Ärztinnen zudem, sich bei Fragen zur Berufs- und Karriereplanung an erfahrene Kolleginnen zu wenden. Welche Art von Hilfestellung von den Ratsuchenden in Anspruch genommen wird, hat Marianne Schrader, Professorin für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum in Lübeck und selbst Mentorin, kürzlich in einer schriftlichen Umfrage bei 154 betreuten Medizinerinnen untersucht. Wie sich zeigte, wurde das Hilfsangebot des Ärztinnenbundes in erster Linie von berufstätigen Ärztinnen wahrgenommen. Gründe, sich den Rat einer erfahrenen Kollegin einzuholen, gab es dabei zwar viele. Zu den häufigsten zählte aber der Wunsch, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und den Beruf mit der Familie in Einklang zu bringen.
Ärztinnen behandeln alle gleich gut - Ärzte nicht unbedingt
Dass Ärztinnen ihren Kollegen auf fachlicher Ebene das Wasser reichen können, wird heute nicht mehr angezweifelt. Dies war gleichwohl nicht immer so. Ende des 19. Jahrhunderts vertraten deutsche Ärzte noch die Ansicht, die Medizin sollte Männern vorbehalten bleiben. Das Gesuch, auch Frauen zum Medizinstudium zuzulassen, wurde auf dem 26. Deutschen Ärztetag Wiesbaden noch mit den Worten abgeschmettert, Frauen brächten den Patienten keine Vorteile, schadeten nur sich selbst und trügen außerdem zu einer „Minderung des ärztlichen Ansehens“ bei. Mehr als ein Jahrhundert später belegen wissenschaftliche Studien indes genau das Gegenteil: Ärztinnen stellen insofern eine Bereicherung für die Krankenversorgung dar, als sie sich den Patienten häufig mehr zuwenden als ihre Kollegen. Hinzu kommt, dass sie die einschlägigen Leitlinien offenbar vergleichsweise konsequenter befolgen.
Einen solchen Schluss legen zumindest die Resultate einer Studie nahe, die Magnus Baumhäkel und Michael Böhm von der Abteilung für Kardiologie der Universität in Homburg/Saar zusammen mit Ulrike Müller von AWD-Pharma vorgenommen haben („European Journal of Heart Failure“ vom 27. April 2009). Die Untersuchung sollte klären, ob geschlechtsspezifische Aspekte bei der Therapie von an Herzschwäche leidenden Personen eine Rolle spielen. Das Ergebnis: Ärzte behandeln Patientinnen vielfach schlechter als Patienten. Zum einen verordnen sie den weiblichen Herzkranken vergleichsweise seltener die erforderlichen Medikamente, und zum anderen verabreichen sie diesen die Herzmittel häufiger in unzureichenden Mengen. Demgegenüber versorgen Ärztinnen alle Herzkranken gleich gut, unabhängig von deren Geschlecht. Und darüber hinaus halten sie sich, was Wahl und Dosierung der Arzneien betrifft, konsequenter an die Vorgaben der einschlägigen Leitlinien als ihre Kollegen.
Es scheint somit mehr als gerechtfertigt, Frauen nicht nur für den Arztberuf zu gewinnen, sondern sie hier auch zu halten.
Männerbashing in der FAZ
Svety Don (Svety)
- 02.06.2009, 19:15 Uhr
Besser schreibt Frau Redakteurin nicht....
Michael Meier (never1)
- 02.06.2009, 19:56 Uhr
Einfache Lösung: Verbeamten.
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 02.06.2009, 20:28 Uhr
Schöner Emanzen-Artikel
Peter Stützer (Lonas)
- 02.06.2009, 21:32 Uhr
Frauen sind die besseren Menschen, heute Folge#126513212: Ärtztinnen
Emmanuel Declerq (Declerq)
- 02.06.2009, 22:06 Uhr