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Mafia Die Ökonomie der kriminellen Dienstleistung

02.07.2011 ·  Zwei Italiener in Oxford haben die Soziologie der Mafia neu geschrieben: Nicht die Ethnologie, sondern die Wirtschaftssoziologie ist seitdem die führende Disziplin der Mafiaforschung.

Von Jürgen Kaube
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Spätestens seit im Jahr 2007 in Duisburg sechs Italiener in einem Kugelhagel starben, gilt es als ausgemacht, dass sich die Mafia auch in Deutschland festgesetzt hat, hier ihren Geschäften nachgeht und ihre Fehden austrägt. Den Anschein eines regional verankerten, auf vormodernen Rechtsvorstellungen und einer Moral der Männerehre beruhenden Familienunternehmens hatte die Mafia, deren Existenz seit etwa 1830 aktenkundig ist, schon zuvor verloren. Pino Arlacchis klassische Studie „Mafiose Ethik und der Geist des Kapitalismus“ räumte 1986 damit auf. Nicht die Ethnologie, sondern die Wirtschaftssoziologie ist seitdem die führende Disziplin der Mafiaforschung. Bereits 1876 hatte Leopoldo Franchetti, der „Tocqueville von Sizilien“, in seinem klassischen Report die Mafia als eine „Industrie der Gewalt“ bezeichnet.

Das Zentrum der Mafiaforschung, die hundert Jahre später begann, liegt derzeit in Oxford. Am dortigen „Extra-LegalGovernance Institute“ - was mit „Institut für illegale Organisationstechniken“ übersetzt werden könnte - arbeiten Diego Gambetta und Federico Varese. Der aus Turin stammende Gambetta ist einer der interessantesten Soziologen der Gegenwart, der hochintelligente Bücher und Aufsätze zum Bildungaufstieg (“Were they pushed or did they jump?“, 1987), zu Selbstmordattentätern (“Making Sense of Suicide Missions“, 2004), zur Frage, weshalb unter den islamischen Terroristen so viele Ingenieure sind (“Engineers of Jihad“, 2007), und zur Vertrauensbildung in anonymen Situationen (“Streetwise. How Taxi Drivers Establish Customers' Trustworthiness“, 2005) vorgelegt hat.

Was der Staat für illegal erklärt, bietet die Mafia an

Sein Buch über die sizilianische Mafia (“The Sicilian Mafia. The Business of Private Protection“, Harvard University Press, 1993) hat Maßstäbe für die Theorie der organisierten Kriminalität gesetzt. Für Gambetta ist die Mafia nämlich nicht in erster Linie durch Drogenhandel, Prostitution, Erpressung oder illegale Praktiken im Baugewerbe charakterisiert. Man dürfe den illegalen Markt für Güter, der von ihr geschützt werde, nicht - wie noch Arlacchi - mit dem illegalen Markt für Schutz verwechseln, auch wenn sie auf beiden tätig ist. Die Mafia offeriert eine Dienstleistung zweiter Ordnung: privaten Schutz für Aktivitäten, die auf staatlichen Schutz nicht rechnen können. Wer Roberto Savianos Berichte über die von der Camorra organisierten Handelswege des Hafens von Neapel - etwa für illegal hergestellte Modeartikel - gelesen hat, kennt Beispiele dafür (Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, München 2009).

Das, was der Staat für illegal erklärt, bietet die Mafia an, im Rahmen ihres Gewaltoligopols - denn es gibt stets mehrere Mafien - gewissermaßen „zivilgesellschaftlich“ zu ordnen. Was von der Rechtsordnung aus gesehen ein Mord ist, bezeichnet die Mafia darum als Todesstrafe, was wir für Erpressung halten, sind für sie Steuern, was für uns die Androhung von Gewalttaten ist, stellt für sie die Regulation von Wettbewerb dar. Noch dort, wo sie selber die Gewalt ist, vor der sie zu schützen vorgibt, stellt sich das aus Sicht derjenigen, die sich darauf einlassen, als Markteintrittsbarriere gegenüber der Konkurrenz dar, die sich nicht darauf einlässt.

„Das Recht, nicht beraubt zu werden“

Doch das Ganze ist natürlich kein Staat im Staat, sondern ein Geschäft. Es gibt für Mafiosi keine Rechte, sondern nur Abgaben. „Das Recht, nicht beraubt zu werden“, formuliert Gambetta, für den Sizilien so etwas wie der Albtraum der neoliberalen Staatskritik ist, „wiegt nur dann mehr als das Recht, jemanden zu berauben, wenn das Opfer dem Beschützer wichtiger ist als der Täter.“ Wenn der Täter genug zahlt, hat er den Schutz. Die Mafia kennt keine Bürger, sondern nur Klienten. Im Unterschied zu einem System der Patronage jedoch, in dem die Patrone ihren Klienten den Zugang zu Jobs, erwünschten Gerichtsurteilen oder guten Kontakten verschaffen, verkauft die Mafia keine Informationen oder Wahrscheinlichkeiten, sondern Garantien.

Gambetta betrachtet das mafiose Geschäft als Gewerbszweig, der vor den besonderen Problem steht, solche Garantien auch zu gewährleisten: Die Angestellten sind selber Verbrecher, wie kann der Chef ihnen also trauen, und wie unterscheidet man Freunde der italienischen Oper von Polizisten, die nur so tun, als gehörten sie auch dazu? Die Mafia kann nicht inserieren, keine Akten führen, keine Prospekte drucken. In seinem jüngsten Werk wird die Signalsprache unter Verbrechern als Lösung solcher Probleme analysiert (“Codes of the Underworld“, Princeton University Press, 2009).

Arbeitsteilung durch Misstrauen begrenzt

Sein Kollege, der Kriminologe Federico Varese, der zuvor ein Standardwerk über die russische Mafia vorgelegt hat, diskutiert in seinem soeben erschienenen Buch die Frage, wie global die Mafia operiert (“Mafias on the Move. How Organized Crime Conquers New Territories“, Princeton University Press, 2011). Und auch er weist auf die Grenzen der Analogie von organisiertem Verbrechen und Wirtschaftsunternehmen hin. Eine Mafia kann nicht so leicht wachsen wie ein Unternehmen, eben weil sie ihre Entscheidungen nicht zu formalisieren vermag. Außerdem kann sie nicht irgendwelche Bewerber einstellen, wenn sie expandieren möchte. Man muss alle Mitarbeiter persönlich kennen, kann nicht schriftlich kommunizieren. Die Trennung von Eigentum und Kontrolle ist für sie kaum durchführbar; Abwesenheit hat für den Eigentümer mitunter drastische Folgen. Der Grad der Arbeitsteilung ist durch Misstrauen begrenzt. Viele Vorteile legaler Organisationen können mithin gar nicht genutzt werden.

Die Siegener Soziologen Axel Paul und Benjamin Schwalb haben in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die Angehörigen der Mafia als ganze Personen Organisationsmitglied werden (“Wie organisiert ist das organisierte Verbrechen?“, Leviathan, Jg. 39, Heft 1, 2011). Gerade dieser Mangel an Spezialisierung und Rollentrennung erlaubt eine hohe Beweglichkeit des Personals. Sein Motiv ist nicht das Salär allein, sondern die Mitgliedschaft selbst. Der Übergang zu einem reinen Wirtschaftsunternehmen, gar zu einem global operierenden, wäre ihnen zufolge das Ende der Mafia.

Mit dem Welthorizont eines Schafhirten

Varese schließt daraus, dass Anbieter auf dem Markt für den Schutz illegaler Aktivitäten und für illegalen Schutz eine Präferenz für Nahkommunikation und übersichtliche Verhältnisse haben. Über weite Entfernungen schwindet ihre Möglichkeit, Entscheidungen durchzusetzen und Informationen - etwa über die Verlässlichkeit oder die Kontaktnetze der Kunden - zu gewinnen. Auch hängt das mafiose Gewerbe stark von seinem Ruf ab, zu rücksichtslosem Einsatz von Gewalt bereit zu sein. Der letzte „Boss der Bosse“, Bernardo Provenzano, schrieb Varese, als jener 2006 gefasst wurde, war kein Michael Corleone, kein Tony Soprano und auch kein CEO, sondern eine Person mit dem Welthorizont eines Schafhirten; nur dass er, anders als normale Schafhirten, etwa fünfzig Leute erwürgt haben soll, um seine Rolle zu bekräftigen. Kann sich so ein Ruf in Bezug auf einzelne Personengruppen (“Familien“) weltweit herumsprechen? Und wie vermeidet eine Mafia, dass Trittbrettfahrer in ihrem Namen sprechen und Profite abschöpfen, bevor sie überhaupt nur davon erfährt? Und wie viel Aufwand muss sie treiben, um sich in Duisburg so auszukennen wie in Agrigento?

Nun gibt es aber unzweifelhaft ein Filialwesen der Mafia. Wie ist es möglich, wenn so viel dagegen spricht? Ins Zentrum seiner Analysen stellt Varese den historisch bekanntesten Fall: den Export der Mafia von Sizilien in die Vereinigten Staaten, wie er sich zwischen 1880 und 1940 zutrug. 1880 gab es 12 000 Italiener in New York, um 1900 waren es 150 000, 1910 war es eine halbe Million. Davon stammten nicht nur achtzig Prozent aus Süditalien, darunter befanden sich auch etliche, wenngleich unfreiwillige Migranten, die von den italienischen Polizeibehörden ins Ausland getrieben worden waren. Dieses Muster des Mafiosi-Exports hielt sich durch. Der italienische Staat kannte bis in die jüngste Zeit die Strafe des „soggiorno obligato“, des erzwungenen Ortswechsels für überführte Täter, was die an sich sehr sesshaften sizilianischen und kalabrischen Verbrecher nach Norditalien brachte, wo sie versuchten, ihrer gewohnten Berufsausübung nachzugehen. Andere flüchteten um 1900 vor ihresgleichen. Und schließlich trieben Mussolini und die Seinen, die in der Geschichte Italiens am energischsten gegen die sizilianische Mafia vorgingen, weitere kriminelle Scharen in die Vereinigten Staaten.

Es existiert keine Marktlücke

Dort aber blieb ihre Aktivität zunächst aufs einfache Verbrechen beschränkt: Geldfälschen, Pferde stehlen, Erpressung. Dass es zunächst nicht zur Neugründung der sizilianischen Mafia auf amerikanischem Boden kam, lag an der Polizei. Ironischerweise allerdings daran, dass diese ihrerseits den Schutz illegaler Geschäfte übernommen hatte. Für das besondere Dienstleistungsbündel der Mafiosi existierte keine Marktlücke. In New York organisierte die „Gesellschaft von Tammany“ als politische Maschine der Demokratischen Partei die Schattenwelt der Korruption. Erst als William Jay Gaynor zwischen 1910 und 1913 Bürgermeister von New York wurde, die Verwaltung straffte, die Polizei zentralisierte und das System der Abgaben an den lokalen Wachtmeister bekämpfte, traten die Italiener ins Mittel. Erst von da an begann die Mafia, illegales Glücksspiel zu organisieren, bot Arbeitern wie Unternehmern Schutz gegen Konkurrenten an, pflegte Kartelle.

Aufzublühen begann sie jedoch erst 1919, als der amerikanische Staat - „offenbar unter dem Einfluss der Frauenherrschaft“, meinte Sigmund Freud - das „noble Experiment“ (Herbert Hoover) der Prohibition begann. Das Verbot des Konsums geistiger Getränke brachte ein Verbrechen in Schwung, das unbedingt der Organisation und des Schutzes bedurfte. Die Sizilianer betrieben Schnapsbörsen, schützten Schmuggler, bewachten die Lieferwege und differenzierten sich selbst in Familienunternehmen aus. Um 1930 waren die illegalen Märkte New Yorks bereits in der Hand der fünf Clans, die auch um 1970 herum noch aktiv waren.

Die Marktbedingungen der Mafia

Vareses Vergleichsfall ist die argentinische Metropole Rosario. Auch hier massive Einwanderung von Süditalienern um 1900, auch hier eine boomende Ökonomie, auch hier Mafiosi. Aber keine Entwicklung zur Mafia. Der Baumarkt, den sie sich hätten schnappen können, war durch Hunderte von Unternehmen geprägt - Konkurrenz ist schlecht fürs mafiotische Geschäft. Der Bedarf an Schwarzarbeitern wurde aus der Landwirtschaft gedeckt - die Einwanderer hatten keine besonderen Kontakte in die Peripherie. Die Gewerkschaften zu unterdrücken, übernahm der argentinische Staat selbst. Ein Äquivalent für die Prohibition gab es nicht.

Systematisch ist daran bedeutsam zweierlei: Die Mafia hat zunächst kein genuines Motiv, ihre ursprünglichen regionalen Grenzen zu überschreiten. Auch im Fall der heutigen russischen Mafia in Italien und Ungarn, der taiwanischen und Hongkonger Triaden - dies der Name für die „chinesische“ Mafia - in Festlandchina sowie der kalabrischen 'ndrangheta in Piemont und Verona fand Varese keine planmäßigen Entscheidungen der Mafiosi, Filialen zu eröffnen. Stets waren es notgedrungene Migrationen, auf die dann erst der Aufbau mafioser Netzwerke folgte.

Wichtiger noch ist die Einsicht, dass die Mafia unter spezifischen Marktbedingungen entsteht. In Verona scheiterte ihr Versuch, den Drogenmarkt zu kontrollieren, an der Größe des Marktes und daran, dass die lokalen Dealer einander trauten, die Handelswege eingespielt waren, ein Bedarf an Vermittlung gegen Gebühr nicht bestand. In Ungarn wiederum fasste die russische Mafia (die „Solntsevskaja“), anders als in Rom, sehr gut Fuß, weil die Privatisierungswelle der nachkommunistischen Zeit nicht nur Personal freisetzte, sondern auch eine Nachfrage nach außergesetzlicher Regulation schuf. Gerichte und Verwaltungen waren vielfach nicht in der Lage, das bürgerliche Recht in Form von Verträgen, ordentlichen Konkursen, Schuldverhältnissen und den staatlichen Schutz von Eigentum durchzusetzen. Hundert Bandenmorde und 170 Sprengstoffattentate zwischen 1991 und 1998 in Ungarn sprechen dafür, dass es zu brutaler Konkurrenz unter „Mobstern“ darum kam, in diese Lücken einzutreten.

Rechtssystem hält nicht Schritt

So waren es historisch in Sizilien ebenso wie in jüngster Zeit nicht einfach zurückgebliebene Regionen, in denen Mafien aufstiegen. Sondern es waren Gesellschaften, die einen rapiden sozialen Wandel durchmachen, in denen neue Märkte entstanden und deren Rechtssystem mit diesen Entwicklungen nicht Schritt hielt. Varese spricht von einer „eigentumsrechtlichen Theorie des Ursprungs der Mafia“. In China beispielsweise explodierte geradezu durch die Hinwendung zum Kapitalismus binnen kurzem eine riesige Schattenwirtschaft mit achtzig Millionen Arbeitern, die illegal beschäftigt sind und oft keine Löhne erhalten. Geschätzt wird, dass bis zu drei Viertel aller neuen Arbeitsplätze in China im „informellen Sektor“ entstehen. Es herrschen ungewisse Schuldverhältnisse, die Hälfte aller privatrechtlichen Gerichtsurteile wurde in den neunziger Jahren nicht durchgesetzt.

Das bringt beispielsweise Inkasso-Spezialisten ins Spiel, die vor allem im Milieu des Glücksspiels gedeihen. Zinswucher ist nach Drogenhandel der häufigste Inhaftierungsgrund in Macao, Entführungen, um Schuldenrückzahlung zu erwirken, finden durchschnittlich jede Woche statt. Doch die normale Form des Schutzes für illegale Transaktionen ist in China nach wie vor die institutionalisierte Korruption zwischen Verwaltung, Polizei, Militär, Lokalregierungen und Geschäftswelt. Nicht einmal im Drogenhandel aus Burma nach China spielen ausländische Triaden eine Rolle.

Globaler Wettbewerb setzt Mafia unter Druck

Man wäscht also auswärts Geld, investiert, unterhält Firmen. Emblematisch stehen in jedem zweiten Mafiafilm die Außenstellen der New Yorker in Las Vegas und Miami dafür; und noch jedes Mal sind auch im Film damit Kontrollprobleme verbunden. Das eigentliche Geschäft der Mafia jedoch bleibt regional, und nur unter sehr spezifischen Umständen gelingt ihre Transplantation. Ist das die gute Botschaft der Oxforder Studien? Laufen sie darauf hinaus, dass der demokratische Rechtsstaat die effektivste Antwort auf die Mafia ist? Teils, teils: Wie das amerikanische positiv und das chinesische Beispiel ex negativo zeigt, mag der Rechtsstaat die Mafia auch anziehen, weil er ihren Konkurrenten, die korrupte Exekutive, bekämpft. Und je föderaler ein politisches System, desto anfälliger ist es für mafiotische Unrechtspflege, die sich am wohlsten bei lokaler Autonomie fühlt, weil es übersichtliche Verhältnisse sind, die sie vorzieht.

Darum setzt globaler Wettbewerb auch die Mafia unter Druck. Sie kann ihre sizilianischen oder russischen Klienten vor Konkurrenz auf regionalen Märkten schützen, aber nicht vor Anbietern aus Brasilien. Die Öffnung von Märkten muss dabei mit der Stärkung des Rechtssystems einhergehen und beispielsweise mit der Durchsetzung von Mindestlöhnen, Arbeitsschutz, Kontraktsicherheit. Insofern, schreibt Varese, wäre es das beste Mittel gegen die Mafia, wenn die Politik einsähe, dass Liberalisierung mehr und nicht weniger Staat verlangt. Wer das organisierte Verbrechen bekämpfen will, muss die Nachfrage nach seiner Dienstleistung eindämmen.

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