25.09.2011 · Die Wissenschaft blüht weltweit und ist zugleich das am effektivsten globalisierte Subsystem. Und kaum ein Land hat eine so vielfältige Hochschullandschaft wie Deutschland. Wer jetzt ein Studium beginnt, kann sich freuen. Ein Lob der Universität.
Von Nils MinkmarHistorische Wochen: Noch nie haben so viele Menschen ein Studium an deutschen Hochschulen begonnen wie in diesem Oktober, man rechnet mit einer halben Million Erstsemestlern.
Die Aussetzung der Wehrpflicht macht sich erstmals bemerkbar, und die verkürzte Gymnasialzeit hat einen Doppeljahrgang an Abiturienten produziert. Beide Phänomene fanden nicht gerade im Verborgenen statt, trotzdem ist nun das Erstaunen über die anschwellende Studentenzahl so groß wie die allgemeine Konfusion. Wenn man über die getroffenen Maßnahmen zu ihrer „Bewältigung“ liest, klingt es, als würde eine Naturkatastrophe anklopfen: Hallen werden angemietet, leerstehende Kirchen und Kinosäle requiriert, Nahrungsmittel und Mensatabletts beschafft, es fehlt nur noch das Technische Hilfswerk.
Man sollte bemerken, was für eine gute Nachricht das ist, denn wie traurig wäre die gegenteilige Meldung: Kaum Studienanfänger, weil die Bundeswehr jeden braucht. Man müsste sich freuen über die blühende akademische Landschaft, aber Freude ist gerade uncool, die Republik lässt sich lustvoll in eine Depression gleiten, führende Onlinemedien sorgen für die passende Stimmung: Immer steht eine Katastrophe unmittelbar bevor, und wenn nicht hier, dann in Ozeanien. Schwächelt der Dax für einige Stunden, mag es jene zwölf Prozent der Bundesbürger, die Aktien besitzen, betrüben; vermeldet wird es, als habe der Komet des Todes seinen für uns finalen Kurs genommen. Wie eigentümlich las sich der Satz von Roman Herzog in der „Zeit“, mit dem er die neue Multipolarität der Welt, den Aufstieg Chinas kommentierte: „Es ist eigentlich toll, dass wir das erleben.“
Zukunftsangst schüren, die Vergangenheit beschönigen
Aus Drittweltländern werden wohlhabende Länder, mit der Zahl der Menschen wächst nicht nur das Elend, sondern erstmals auch die bildungsinteressierte Mittelschicht, die sich darin an europäischen Idealen orientiert. Und kaum ein Land hat so eine vielfältige, auch regional und sozial diversifizierte Hochschullandschaft wie die Bundesrepublik. Dabei sind fast alle Hochschulen öffentlich, Privatunis sind die Ausnahme. Toll, dass wir das erleben – Herzogs Ausruf gilt auch für die höchste Zahl von Studierfähigen und -willigen in der deutschen Geschichte, aber kaum ein deutscher Erstsemestler wird einen solchen freudigen Ausruf hören.
Denn das wenigstens ist seit meinem ersten vollanalogen Studientag konstant geblieben: Neue werden entmutigt. Grenzenlos ist die Phantasie der Universitäten, wenn es darum geht, Neulinge zu verwirren, ihnen von der ersten Stunde an das Gefühl zu geben, fehl am Platz zu sein, und ganz generell den Wunsch in ihnen zu fördern, wieder nach Hause zu gehen und Rockstar zu werden.
Pflichtmodule werden an Orten abgehalten, die die Kartographen noch nicht entdeckt haben, oder die Teilnahme wird mit einer bei Bekanntmachung bereits verstrichenen Anmeldefrist versehen. Man bekommt keinen Sitz und keinen Hocker mehr, oder, nicht weniger einschüchternd, man ist der Einzige in der Veranstaltung, mit etwas Glück findet sich noch ein Dozent ein. Unvergesslich und unerträglich sind aber die allgemeinen Sprüche und Lebensregeln, mit denen Erstsemester behelligt werden. Sie dienen alle demselben Zweck: Furcht vor der Zukunft einzuflößen und die Vergangenheit zu beschönigen. Darauf folgt das ritualisierte Bedauern, früher sei das Studium noch anspruchsvoll und die Studenten seien radikal und mutig gewesen. Und links, seufz, so links. Heute hingegen – hier folgen die drei vielsagenden Punkte.
Der wirksamste Transporterstrahl, den unsere Gesellschaft kennt
Die Studierenden der älteren Semester verkünden, seit es Universitäten gibt, ein anderes Mantra: Fun war gestern. Noch bis vor wenigen Jahren habe man hier die wildesten Partys zelebriert, hätten regelmäßig unerhörte und von keinem Menschenauge zuvor erblickte Szenen der Ausschweifung stattgefunden, doch nun sei alles angepasst, kommerziell, flach. Es ist immer das gleiche Spiel: Studium wird zugleich überhöht – der ideale Student soll weit mehr können, als von seinen Professoren je verlangt wurde – und abgewertet. So geht es rundherum in der akademischen Waschmaschine: Ihr steht vor kaum zu bewältigenden Aufgaben, deren Lohn die völlige Irrelevanz ist.
Die meisten Studierenden gehen also schafsartig durch die erste Zeit und tun gut daran. Denn wenn man den Anfangszinnober aussitzt, klärt sich die Lage, und noch etwas später wird klar, was die gewöhnliche deutsche, öffentliche Universität sein kann: ein sozialer und intellektueller Abenteuerspielplatz, von dem aus Wege in die Entscheidungszentralen der Republik führen und dorthin, wo die Codes unserer Zivilisation geschrieben werden. Am Anfang mag man es nicht glauben, aber es funktioniert wirklich: Das Studium ist immer noch der wirksamste Transporterstrahl, den unsere Gesellschaft kennt. Sogar Papst kann man damit werden.
Wahrheitsfindung als sozialer Prozess
Zu Beginn sieht es nie danach aus, da sind erst mal die abgerockten Räume und die skurrilen Kreaturen, die den von Valentin Groebner so getauften „Planeten Academia“ bevölkern. In den Geisteswissenschaften ist es besonders frappierend: Öffnet man eine Tür, sitzen drei Gestalten im Seminarraum, berühren sachte forschend den Tisch: „Wo ist hier das Ist?“ Heidegger für Anfänger. Manchen lässt so ein erster Eindruck ein Leben lang nicht los. Ein akademischer Oberrat der Fachrichtung Philosophie erzählte mir, sein Leben habe eine entscheidende Wendung genommen, als er sich einmal im Saal geirrt habe. Zwar sei er gleich wieder aufgestanden, doch der charismatische Dozent habe ihn angeherrscht: „Sie bleiben bis zum Schluss. Sie setzen sich wieder und lernen bei mir Suaheli.“ Was er widerspruchslos tat; später schrieb er in Afrika spielende Märchen, die er auf der Maschine abtippte und verschenkte.
Das Studium ist eine Zeit, in der man Türen öffnet. Wer aufmerksam studiert, wird nie wieder die Welt talkshowgerecht in Betroffene und Experten teilen. An einer Hochschule sind alle immer beides, jeder Experte hat seinen Kontrahenten, und nicht einmal die vergangenste Vergangenheit steht auf festem Grund. Wenn man lange genug dabeibleibt, kann man vielleicht verfolgen, wie sich die wissenschaftliche Meinung wandelt oder gar ganz dreht. Wahrheitsfindung ist ein sozialer Prozess, und um ihn geht es im akademischen Leben. Und die Offenheit dieses Prozesses ist unser wichtigstes Gut.
Das Leben lieben und es beobachten
Die amerikanische Schriftstellerin Elif Batuman hat in ihrem hinreißenden Buch „Die Besessenen“ eine Liebeserklärung an die moderne Wissenschaft, speziell die Teildisziplin der russischen Literaturwissenschaft verfasst. Dem „Zauberberg“, schreibt sie, liegt eine einfache Frage zugrunde: „Wie kommt es, dass jemand, der nicht selbst die Schwindsucht hat, sieben Jahre in einer Lungenheilanstalt verbringt?“ Ihr Buch bezieht diese Frage nun auf ihre eigene akademische Laufbahn: „Wie kommt es, dass jemand ohne wirkliche akademische Ambitionen sieben Jahre in Kaliforniens Suburbia verbringt, um sich mit der Form des russischen Romans zu beschäftigen?“
Ihre Antworten sind die Geschichten, aus denen ihr Buch besteht. Sie beschreibt, wie sie vor einer Tagung hoch betagte Nachfahren von Isaak Babel am Flughafen abholen soll, zwei Damen, die in Tränen ausbrechen, weil nur sie da steht und nicht der versprochene kräftige junge Mann. Sie deckt die geheimen Verbindungen zwischen dem Drehbuchautor von „King Kong“ und Isaak Babel auf. Sie beschreibt einen Studienaufenthalt in Usbekistan, bei dem sie den Eindruck gewinnt, weite Teile der usbekischen Geschichte seien erfunden. Alles ist zugleich eine Huldigung an die Wissenschaft, in der sie klarmacht, was Literatur für unser Leben bedeuten kann, wie auch ein Ausdruck des Staunens über die Art von Menschen, die diesem Gegenstand ihr Leben widmen. Batuman steht in der Tradition des großen Marc Bloch, der zur Definition dessen, was einen guten Historiker ausmacht, schrieb, das sei einer, der das Leben liebt und es beobachtet.
Eine Zumutung: wie gut!
Wissenschaft ist nicht immer fröhlich, und am Anfang schon gar nicht. Begriffe und Methoden müssen mühsam erlernt werden, und ohne sie geht es nicht. Aber dass nun eine Menschenmenge in solcher Zahl sich in diese Richtung aufmacht, ist ein über das individuelle Schicksal hinausweisendes gesellschaftliches Faktum. Sicher differiert die Studienerfahrung dramatisch, je nachdem, ob man in Köln oder Weimar anfängt, ob man eine Fachhochschule oder eine Massenuniversität ansteuert, ob man BWL oder Musikethnologie studiert. Gemeinsam ist aber doch das Zutrauen in das Erlernen wissenschaftlicher Verfahren, mit allem, was sie an sinnlicher Abstraktion, auch an finanzieller Entbehrung voraussetzen. Es ist eine Entscheidung, die gar nicht richtig in unser öffentliches Leben passt, aus dem sich die Intellektualität rasant und großflächig zurückzieht. Der affektgesteuerte und nutzenorientierte Zeitgenosse ist das Leitbild, wenn Politiker erklären, wie „die Menschen“ so sind. Eine intellektuelle Anstrengung sei niemandem mehr zuzumuten, davon sind gerade jene in unseren Eliten überzeugt, die ihren sozialen Status solch einer Anstrengung zu verdanken haben. Während früher selbst die „Bonner Runde“ einem wissenschaftlichen Seminar ähnelte, mit Aschenbechern und Papieren auf den Tischen, mühen sich Spitzenpolitiker heute, jeden Schein von Intellektualität zu meiden, und geben sich schlichter, als sie sind, weil die Menschen sonst einen inneren „Gefällt mir nicht“-Button betätigen könnten.
Es wirkt geradezu anachronistisch, wenn ein ambitionierter Politiker wie der französische Agrarminister Bruno Le Maire vor Pariser Gymnasiasten steht und ihnen erklärt, sie sollen Deutsch lernen – und zwar gerade, weil es schwer sei, denn es sei gut, sich etwas Schweres zuzumuten. Das Studium ist so eine Zumutung. Wozu eigentlich, wie lange noch, was soll das – jederzeit stellen sich dieselben Fragen und gesellen sich zu denen, die ganz unerwartet auftauchen. Wenn man dauernd Türen öffnet, ist damit auch eine Gefahr verbunden, nicht zuletzt für die eigene seelische Gesundheit. „Was macht ihr gegen die Angst?“, fragte mal ein ansonsten wortkarger Kommilitone, als ich gerade im AStA angefangen hatte, und dann ergänzte er: „Die Angst, Student zu sein.“ Die Frage bleibt aktuell und ohne gute Antwort. Man kann zwar auf die guten Aussichten hinweisen, darauf, dass wir eine Blütezeit der Wissenschaft erleben, und zwar weltweit; dass die Wissenschaft das am effektivsten globalisierte Subsystem ist, dass die demographische Entwicklung neue Chancen eröffnet – aber die ganze Sache ist ein einziges soziales, psychisches und vor allem intellektuelles Risiko. Und das ist das Tolle daran.
Bachelor / Master
Eduardo Preuß (windei)
- 25.09.2011, 22:06 Uhr
Thema verfehlt
Martin Detmer (mbjd)
- 25.09.2011, 21:31 Uhr
Wem nützt das?
Markus Dorr (retareB)
- 25.09.2011, 19:02 Uhr
Ein durchaus interessanter Beitrag
Frank richter (richman2)
- 25.09.2011, 18:53 Uhr
Unser Abenteuerspielplatz
Sybille Uken (brainforce)
- 25.09.2011, 17:26 Uhr