http://www.faz.net/-gqz-77881
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.03.2013, 22:39 Uhr

Lehre an Hochschulen Lebenslang Feedback

Während die Lehre in den Geisteswissenschaften seit Einführung des Bachelor immer stärker vernachlässigt wird, ist die Pädagogik zur Leitdisziplin geworden. Ein Widerspruch ist das leider nicht.

von Magnus Klaue
© dpa Das Feedback ist besonders in den Geisteswissenschaften wichtiger als der Lernerfolg.

Geisteswissenschaftler klagen in Deutschland oft, dass sie seit der Bologna-Reform kaum Zeit für ihre eigentliche Arbeit hätten, weil sie von Verwaltungsaufgaben aufgezehrt würden. Das liegt allerdings nicht nur am Drittmittelbetrieb, der Doktoranden, akademische Mitarbeiter und Professoren zwingt, einen Großteil ihrer Arbeitskraft für die Sicherung des Selbsterhalts aufzuwenden. Es hängt auch mit der Inflation des Evaluationswesens zusammen, das als unabdingbar für die sogenannte Qualitätssicherung angesehen wird. Für sie ist an vielen Universitäten mittlerweile ein eigener Mitarbeiterstab verantwortlich. Für ihre Bewertungs-Bedürfnisse müssen die Forscher und Lehrer sich einrichten.

Evaluation ist etwas anderes als die Leistungsbeurteilung, die den in Forschung und Lehre Tätigen in ihrer Funktion als Gutachter und Prüfer obliegt. Leistungsprüfungen beziehen sich, wenngleich sie verallgemeinerbar sind und statistisch erfasst werden, auf konkrete Gegenstände und Individuen. Evaluiert dagegen werden nicht individuelle Leistungen, sondern Prozesse.

Evaluationen finden nie einfach nur zwischen Prüfer und Geprüften statt, sondern beziehen ein Netzwerk von Personen und Institutionen ein, die angehalten sind, sich permanent selbst und gegenseitig zu bewerten. Die Evaluationen, die mit darüber entscheiden, welchen Platz im neuesten Ranking eine Hochschule einnimmt, sind nur die allgemeinste Form eines Mechanismus, der den universitären Alltag bestimmt. Die eindeutige und dadurch meist kalkulierbare Hierarchie, die zwischen Prüfer und Prüfling besteht, wird durch das System der Evaluationen aufgeweicht und zugleich totalisiert.

Kein Urteil, sondern Feedback

Im Hinblick auf die Aufgabe der Qualitätssicherung sind nicht nur die Studenten ihrem Lehrer, sondern alle einander und dem Ganzen verantwortlich: Nicht nur die Universitäten werden evaluiert, auch Studenten evaluieren ihre Fächer, sich selbst und ihre Lehrkräfte, die ihrerseits ihre Studenten, ihr Fach und einander evaluieren. Wer als Dozent oder Vertreter eines anderen Berufszweigs an einem Mentoring-Programm teilnimmt, in dessen Rahmen er einem Einzelnen oder einer Gruppe von Studenten als professioneller Ansprechpartner zur Verfügung steht, schreibt am Ende kein Zeugnis, sondern erhält von der Hochschulverwaltung Evaluationsbögen, auf denen er die Entwicklung der Mentorierten ebenso einschätzen soll wie den eigenen Lernprozess während der Kooperation. Erst aus dem Zusammenklang von beidem entsteht die Evaluation. Als Träger des Lernens erscheinen dabei weniger die einzelnen Beteiligten als die Institutionen selbst. An die Stelle des Urteils, das die Prüfungsnote fällt, tritt das Feedback, das sich alle ständig voneinander wünschen.

Mag das Urteil, das sich in der Prüfungsnote zusammenfasst, durch spätere Urteile revidiert werden, so fungiert es doch als Momentaufnahme einer individuellen Bildungsgeschichte. Das Feedback hingegen fällt kein Urteil, sondern schätzt im Hinblick auf künftige Möglichkeiten einen Entwicklungsstand ab.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Forschende Mediziner Nach dem Klinikdienst zur Nachtschicht ins Labor

Nur wenige Medizinstudenten interessieren sich für die Forschung. Niedrige Löhne und hohe Arbeitsbelastung wirken abschreckend. Die Unis überlegen, wie sie trotzdem Nachwuchs gewinnen. Mehr Von Sascha Zoske, Rhein-Main

24.06.2016, 19:16 Uhr | Rhein-Main
Santiago de Chile Chilenische Studenten liefern sich Straßenschlacht mit der Polizei

Die Demonstranten werfen der Mitte-links-Regierung vor, notwendige Reformen des Bildungssystems zu verschleppen. Mehr

27.05.2016, 12:08 Uhr | Politik
Recruiting an Hochschulen Talentspäher auf dem Campus

Geschenke, Praktika, Stipendien: mit immer größerem Aufwand suchen Unternehmen an Hochschulen nach den Mitarbeitern von morgen. Oft profitieren beide Seiten - aber die Kritik wächst. Mehr Von Julia Groth

16.06.2016, 13:29 Uhr | Beruf-Chance
Dollase vs. Mensa (1) Der Lachs wurde hingerichtet

Was bekommen Studenten eigentlich in deutschen Mensen vorgesetzt? Der F.A.Z.-Gastrokritiker Jürgen Dollase will es in einer Testreihe herausfinden. Wir haben ihn mit der Kamera begleitet. Erste Runde: Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf. Mehr

13.06.2016, 14:41 Uhr | Feuilleton
Hochschulfinanzierung Regieren durch Paktieren

Der Bund beteiligt sich an den Universitäten durch ein kompliziertes System befristeter Pakte. Sein Spielraum hat sich vergrößert. Noch fehlt der große Brückenschlag. Mehr Von Stephan Leibfried

20.06.2016, 18:49 Uhr | Feuilleton
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 6