Home
http://www.faz.net/-gsn-77881
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Lehre an Hochschulen Lebenslang Feedback

Während die Lehre in den Geisteswissenschaften seit Einführung des Bachelor immer stärker vernachlässigt wird, ist die Pädagogik zur Leitdisziplin geworden. Ein Widerspruch ist das leider nicht.

© dpa Vergrößern Das Feedback ist besonders in den Geisteswissenschaften wichtiger als der Lernerfolg.

Geisteswissenschaftler klagen in Deutschland oft, dass sie seit der Bologna-Reform kaum Zeit für ihre eigentliche Arbeit hätten, weil sie von Verwaltungsaufgaben aufgezehrt würden. Das liegt allerdings nicht nur am Drittmittelbetrieb, der Doktoranden, akademische Mitarbeiter und Professoren zwingt, einen Großteil ihrer Arbeitskraft für die Sicherung des Selbsterhalts aufzuwenden. Es hängt auch mit der Inflation des Evaluationswesens zusammen, das als unabdingbar für die sogenannte Qualitätssicherung angesehen wird. Für sie ist an vielen Universitäten mittlerweile ein eigener Mitarbeiterstab verantwortlich. Für ihre Bewertungs-Bedürfnisse müssen die Forscher und Lehrer sich einrichten.

Evaluation ist etwas anderes als die Leistungsbeurteilung, die den in Forschung und Lehre Tätigen in ihrer Funktion als Gutachter und Prüfer obliegt. Leistungsprüfungen beziehen sich, wenngleich sie verallgemeinerbar sind und statistisch erfasst werden, auf konkrete Gegenstände und Individuen. Evaluiert dagegen werden nicht individuelle Leistungen, sondern Prozesse.

Evaluationen finden nie einfach nur zwischen Prüfer und Geprüften statt, sondern beziehen ein Netzwerk von Personen und Institutionen ein, die angehalten sind, sich permanent selbst und gegenseitig zu bewerten. Die Evaluationen, die mit darüber entscheiden, welchen Platz im neuesten Ranking eine Hochschule einnimmt, sind nur die allgemeinste Form eines Mechanismus, der den universitären Alltag bestimmt. Die eindeutige und dadurch meist kalkulierbare Hierarchie, die zwischen Prüfer und Prüfling besteht, wird durch das System der Evaluationen aufgeweicht und zugleich totalisiert.

Kein Urteil, sondern Feedback

Im Hinblick auf die Aufgabe der Qualitätssicherung sind nicht nur die Studenten ihrem Lehrer, sondern alle einander und dem Ganzen verantwortlich: Nicht nur die Universitäten werden evaluiert, auch Studenten evaluieren ihre Fächer, sich selbst und ihre Lehrkräfte, die ihrerseits ihre Studenten, ihr Fach und einander evaluieren. Wer als Dozent oder Vertreter eines anderen Berufszweigs an einem Mentoring-Programm teilnimmt, in dessen Rahmen er einem Einzelnen oder einer Gruppe von Studenten als professioneller Ansprechpartner zur Verfügung steht, schreibt am Ende kein Zeugnis, sondern erhält von der Hochschulverwaltung Evaluationsbögen, auf denen er die Entwicklung der Mentorierten ebenso einschätzen soll wie den eigenen Lernprozess während der Kooperation. Erst aus dem Zusammenklang von beidem entsteht die Evaluation. Als Träger des Lernens erscheinen dabei weniger die einzelnen Beteiligten als die Institutionen selbst. An die Stelle des Urteils, das die Prüfungsnote fällt, tritt das Feedback, das sich alle ständig voneinander wünschen.

Mag das Urteil, das sich in der Prüfungsnote zusammenfasst, durch spätere Urteile revidiert werden, so fungiert es doch als Momentaufnahme einer individuellen Bildungsgeschichte. Das Feedback hingegen fällt kein Urteil, sondern schätzt im Hinblick auf künftige Möglichkeiten einen Entwicklungsstand ab.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sampling als Studienfach Ein klingender Lichtstrahl

Nicht nur klassische Instrumente, sondern auch die DJ-Kunst steht auf Lehrplänen mancher Universitäten. Ein Interview mit den Lüneburger Dozenten Malte Pelleter und Falk Schacht. Mehr

18.10.2014, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Zweisitzer mit großem Kofferraum Uni München baut eigenes Elektroauto

Knapp 80 Doktoranden und über 500 Studenten forschten und entwickelten gemeinsam mit Ingenieuren und Wissenschaftlern von 14 Unternehmen aus der Automobilindustrie. Herausgekommen ist ein Zweisitzer mit großem Kofferraum. Mehr

22.10.2014, 15:22 Uhr | Technik-Motor
Studentenrekord zum Wintersemester Hessens Hochschulen so voll wie nie

Zum Wintersemester sind in Hessen so viele Studenten eingeschrieben wie nie. Die Hochschulen beteuern, gut vorbereitet zu sein - und hoffen dennoch auf mehr Geld von Bund und Land. Mehr Von Sasche Zoske

11.10.2014, 11:00 Uhr | Rhein-Main
Studenten boykottieren Unterricht

In Hongkong haben Hunderte Studenten für demokratische Wahlen demonstriert. Geplant ist ein einwöchiger Boykott des Unterrichts. Mehr

23.09.2014, 15:50 Uhr | Politik
Geht es nicht ohne Tierversuche? Es braucht Sorgfalt und Sensibilität

Der Vorsitzende der Senatskommission für Tierexperimentelle Forschung der DFG Gerhard Heldmaier im Gespräch. Mehr

15.10.2014, 19:00 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.03.2013, 22:39 Uhr

Lorbeer für Comiczeichner

Von Andreas Platthaus

Den königlich-englischen Poet laureate kennt man seit Jahrhunderten. Jetzt soll auch ein Comic-Künstler seine Lorbeeren erhalten und für kindliche Lesefreudigkeit sorgen. Gleich die erste Ernennung ist verblüffend. Mehr 2