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Lage des Gymnasiums Erst verkürzen, dann kompetenzorientiert nivellieren

Die deutsche Oberschule verkommt immer mehr zu einer Gesamtschule für die obere Hälfte der Bevölkerung. Das Ergebnis ist die „Realschulifizierung“ des Gymnasiums.

© dpa Etikettenschwindel - Wo Gymnasium drauf steht, ist allzu oft Realschule drin

In seinem Beitrag „Erst unterscheiden, dann vereinheitlichen“ belegt der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl, dass die Berufsorientierung des Studiums zu einer Nivellierung der Hochschulstudien geführt habe. Das Präludium zu diesem Requiem auf Humboldt liefert das gymnasiale Schulwesen. Analog zur beklagten „Fachhochschulisierung“ der Universitäten muss nämlich von einer „Realschulifizierung“ der Gymnasien gesprochen werden. Diese äußert sich in schier allen für den Gymnasialkosmos relevanten Bedingungsfaktoren.

Formal gilt sie schon für die Übertrittsbedingungen. In vielen Bundesländern ist die Wahl der weiterführenden Schulform inzwischen allein Sache des Elternwillens. Auch in Bayern können Schülerinnen und Schüler durch Probeunterricht mit reichlich durchwachsenen Grundschulnoten in Deutsch und Mathematik auf Wunsch der Eltern den Übertritt ans Gymnasium wagen. In schicken Intellektuellenstadtteilen Münchens kann dann schon einmal eine Grundschulklasse komplett ans Gymnasium übertreten.

Den gymnasialen Inhalten wurde spätestens mit der Einführung von G8 der gymnasiale Zahn gezogen. Wer sich der „lebensweltlichen Öffnung“ der zuvor vermeintlich lebensfern-abstrakten Inhalte widersetzt, bekommt schnell die Macht des Systems zu spüren. Die Schulleitung bangt um die Attraktivität der eigenen Schule im Konkurrenzkampf mit den „einfacheren“ Nachbargymnasien. Die Schulaufsichtsbehörde dräut mit der Unterstützungskeule, so denn die Quote der Klassenwiederholer eine politisch opportune Zweiprozentquote übersteigt. Die Eltern laufen Sturm; Schulleitung, Elternbeirat, Lokalpresse, Kultusministerium - alle nur denkbaren Instanzen werden gegen Lehrkräfte in Marsch gesetzt, die die Karriereplanung einzelner Eltern zu gefährden drohen.

Echtes „freies“ Schreiben wird nicht mehr erlernt

Wie also lassen sich auch nicht gymnasialfähige Jugendliche unfallfrei zum Abitur führen? In den modernen Fremdsprachen werden differenzierende durch nivellierende Prüfungsformen ersetzt. Das Diktat des Französischunterrichts darf nur noch im Anfangsunterricht zu Übungszwecken eingesetzt werden. In Prüfungen darf die Diktatnote die Gesamtnote nicht maßgeblich beeinflussen. Eine differenzierte Aufgabenform darf also nur dann eingesetzt werden, wenn sie die Prüfungsergebnisse gerade nicht differenziert.

Ähnliches gilt für die verpönte Übersetzung in die Fremdsprache. Doch während ein Muttersprachler auf wöchentlich rund siebzig Stunden Sprecherkontakt beim Spracherwerb kommt, sind es beim schulischen Fremdsprachenlernen deren drei bis fünf. Das Ergebnis: Die Notenränder schmelzen an beiden Enden ab. Die Ergebnisse werden nivelliert. Der fremdsprachigen Situation spricht ein solches Vorgehen hohn.

Teilweise sollen auch Grammatikphänomene nur noch inhärent bei der Textproduktion berücksichtigt werden. Dieses „kreative Schreiben“ bedeutet praktisch nicht selten, dass clevere Schüler sich durch Auswendiglernen des Lehrbuchtextes auf den nur minimal abgewandelten Schreibauftrag der Prüfung vorbereiten, wiewohl sie zu einem echten „freien“ Schreiben zu einem unbekannten oder weniger banalen Thema nicht in der Lage sind. Die aufgeweichten Beurteilungsvorgaben für selbstverfasste Schülertexte sorgen letztlich für die gewünschten Ergebnisse.

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