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Veröffentlicht: 07.04.2015, 09:26 Uhr

Im Gespräch: David Freedberg Zurück zu Aby Warburgs Versprechen!

Der Kunsthistoriker David Freedberg hat vor kurzem die Leitung des lange umkämpften Londoner Warburg Institutes übernommen. Im Gespräch erklärt er, wie eine moderne globale Kulturgeschichte auf Warburgs Ideen aufbauen kann.

© Rebecca Zamora Geschult von Warburgs Blick für das Universelle: David Freedberg

Herr Freedberg, das Londoner Warburg Institute hat lange Zeit nur negative Schlagzeilen gemacht. Es gab heftige Proteste gegen die geplante Zergliederung der Warburg-Bibliothek, die 1933, vier Jahre nach Aby Warburgs Tod, von Hamburg nach England gebracht wurde, um sie vor den Nationalsozialisten in Sicherheit zu bringen. Sie lehren an der New Yorker Columbia University, deren Fachbereich zu den weltweit führenden zählt. Was hat Sie bewogen, den Direktorenposten am Warburg Institute zu übernehmen?

Diese negativen Schlagzeilen haben sich mit der Gerichtsentscheidung vom November 2014 erübrigt, die über den Erhalt der Bibliothek in ihrer ursprünglichen Form und über die langfristige Finanzierung des Warburg Institute durch die Londoner Universität entschied. Nun zu Ihrer Frage. Bewogen hat mich die Hoffnung, diese weltweit einzigartige Einrichtung zu ihren Ursprüngen zurückführen zu können. Diese sind nämlich aktueller denn je.

Worin besteht diese Aktualität?

Aby Warburgs Programm steht für die Überwindung der Gegensätze von Hoch- und Populärkultur, vom Westen und „dem Rest“. In seiner Suche nach den „Urformen“ und den „Pathosformeln“ ging es darum, das Universelle in der unglaublichen Vielfalt der Bilder, ja der Kulturerzeugnisse überhaupt aufzuspüren. Was könnte heute wichtiger sein, nachdem die Postmoderne jahrzehntelang den Blick mit ihrer einseitigen Fokussierung auf kulturelle Differenz verstellt hat? Nur wenn man eine Vorstellung vom Generellen im Partikularen hat, kann man die Tragweite der Zerstörung der assyrischen Statuen in Mossul durch den Islamischen Staat als das erkennen - und verurteilen - was sie sind: ein Angriff auf das Weltkulturerbe, also auf das, was uns allen gehört. Warburgs Versprechen war das einer wirklich globalen, demokratischen Kulturgeschichte und -theorie, und zwar von hoher tagespolitischer Relevanz. Dieses Versprechen von vor hundert Jahren gehört endlich eingelöst.

Das hört sich aber ganz anders an als das Programm des Warburg Institute, so wie es sich heute präsentiert. Dort ist nämlich ein hoher Grad der Spezialisierung auf Hochkultur, vor allem bei der Antike-Rezeption in der Renaissance, zu beobachten. Wie kam das Warburg Institute denn vom Warburgschen Kurs ab?

Es kam nicht vom Kurs ab, aber es hat nach dem Ende der Direktorenschaft Ernst Gombrichs 1976 diese Aspekte etwas vernachlässigt. Und schon Gombrich selbst, der, anders als der 1929 verstorbene Warburg, den Nationalsozialismus persönlich erlebt hat, schauderte es vor dem Irrationalen, das für ihn bei den „Urformen“ immer mitschwang; dazu kam seine Freundschaft mit dem rationalistischen Wissenschaftsphilosophen Karl Popper. Die Engführung des Warburgschen Forschungsprogramms, der Sieg, wenn man so will, der Warburgianer über Warburg, waren also schon angelegt. Ich kannte Gombrich und habe viel Verständnis. Aber wir leben in einer anderen Zeit, die es uns - zum Glück! - ermöglicht, unbefangener mit dem, was man als das deutsche Erbe im Denken Warburgs bezeichnen könnte, umzugehen. Diese Erbe reicht von Lessing bis Nietzsche, von Bastian und der Volkskunde bis zur Einfühlungstheorie. Die Rückkehr des Warburg Institute zu seinen Warburgschen Wurzeln bedeutet somit auch eine Rückkehr zum Warburg von vor 1933, womit wir übrigens im England des Jahres 2015 voll im Trend lägen. Man denke nur an die Blockbuster-Ausstellung „Germany: Memories of a Nation“!

Welche Aspekte des Warburgschen Forschungsprogramms waren und sind für Ihre eigene Arbeit relevant?

Ich bin über die Altphilologie zur Kunst- und Kulturgeschichte gekommen, und wenn man sich für Antike-Rezeption interessierte, führte kein Weg am Warburg Institute vorbei. 1969 machte ich noch als junger Doktorand meine erste Aufwartung. Allein die Bibliothek war eine Offenbarung: Nach den Kategorien „Image“, „Word“, „Action-Orientation“, statt nach Epochen, Stilen oder Künstlern angeordnet, eröffnete sie Perspektiven auf völlig unerwartete „gute Nachbarschaften“ zwischen scheinbar disparaten Kulturprodukten. Das Nachleben der Antike in all seiner Vielfalt und die Antriebskräfte des Kulturtransfers in Zeit und Raum war also ein erster Einfluss des Warburgschen Vermächtnisses. Der zweite hing mit dem Funktionieren der Bilder zusammen: Was verleiht Bildern eine derartige Kraft, dass die unterschiedlichsten Religionen und Regimes sie zu zensieren und zu zerstören trachten? Aus dieser Fragestellung entstand mein Buch „The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response“ von 1989.

Was hat Warburg zu der aufstrebenden empirischen Ästhetik beizutragen?

In den neunziger Jahren wurde ich auf die biologischen Denkstränge bei Warburg aufmerksam. Daher rührt meine neurowissenschaftliche Beschäftigung mit Bildwirkung. Das meint einerseits die Forschung zu den präkognitiven Zuständen der Bildrezeption, andererseits zur Beziehung zwischen Bewegung, Emotion und Embodiment. Auch sie werde ich am Warburg Institute forcieren, da sie, davon bin ich überzeugt, einen Kern der Warburg-Tradition darstellen. Schon Gombrich hat sich 1960 übrigens in „Kunst und Illusion. Zur Psychologie der bildlichen Darstellung“ implizit mit der Rolle der Biologie in der Kunstrezeption befasst - mit Hilfe der Experimentalpsychologie seiner Zeit.

Glosse

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