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Kritik an Politikwissenschaft Nahost-Experten, echte und andere

 ·  Expertise statt angemaßtem Expertentum: Die Politologie des Vorderen Orients ist ob ihrer angeblich blauäugigen Stabilitätsprognosen als unnütze Disziplin angegriffen worden. Ein Politikwissenschaftler antwortet auf diesen Vorwurf.

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Wenn der Rauch aus Gaddafis Panzern aufsteigt, suchen die Medien Experten, die das Geschehen verständlich machen sollen. Es sind Augenzeugen, Journalisten, persönlich Betroffene und auch Wissenschaftler, die herangezogen werden. Der Verfasser dieses Beitrags zählt zur letzteren Spezies, fragt sich aber jeden Tag, ob nicht gleich ein weiterer „Nahost-Experte“ aus dem Boden schießt, abgebrüht und hartgesotten durch Abenteuererfahrungen in Terrorabistan und Islamistan.

Dass wir Stimmen von so unterschiedlicher Qualität hören, liegt auch daran: Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo sich allein an der Universität Georgetown mehrere Dutzend Professuren mit dem modernen Orient befassen, verfügt ganz Deutschland über genau vier universitäre Lehrstühle zur Politik des Vorderen Orients (Tübingen, Marburg, Berlin, Erlangen) sowie zwei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen (Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, und GIGA-Institut, Hamburg).

Doch auch der Wissenschaft stellen sich heute, ähnlich wie 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer, kritische Fragen: Sollte man nicht von einer gesellschaftlich relevanten Wissenschaft erwarten dürfen, dass sie die Zeichen der Zeit erkennt und - in diesem Fall - die Umbrüche in der arabischen Welt kommen sieht? Die Frage ist berechtigt, und die Antworten fallen nicht leicht.

Islam und Demokratie

Schon einmal, nach 1990, lag fast die gesamte Nahost-Wissenschaft falsch, als sie voreilig ein Überschwappen der sogenannten „Dritten Welle“ der Demokratisierung von Ostmitteleuropa nach Nordafrika/Nahost annahm. In jüngerer Zeit konnte kein Nahost-Politologe den Zeitpunkt der Aufstände in Tunesien und Ägypten vorhersagen. Keiner kann mit letzter Sicherheit beurteilen, ob in einem oder beiden Fällen demokratische Verhältnisse einkehren werden. Und keiner hätte darauf gewettet, dass die jüngsten Revolutionen ausgerechnet in Tunesien beginnen würden. Öffentlichkeit und Politik sind frustriert ob solch geringer Vorhersagekraft der Wissenschaft. Was treiben die denn so, wenn sie es nicht zu mehr bringen?

In jüngerer Zeit entstand eine Nahost-bezogene Autoritarismus-Forschung, die jenseits des früheren Wunschdenkens simpler demokratischer Übergänge nach Faktoren sucht, die dafür verantwortlich sind, dass die arabische Welt über ein halbes Jahrhundert keinen einzigen demokratischen Systemwechsel erlebt hatte, und das als einzige Region weltweit. Ich schlug 2008 eine Kombination von vier Kernursachen zur Erklärung der Dauerhaftigkeit autoritärer arabischer Herrschaft vor. Diese verwiesen auf eine ökonomische und eine gesellschaftsstrukturelle Dimension, auf die Natur der politischen Regime selbst sowie auf einen problematischen internationalen Kontext.

Den Umstand, dass Dauerhaftigkeit nicht zwangsläufig Stabilität bedeutet, diskutierten wir in einem europäisch-arabisch-amerikanischen Forscherteam bereits 2004. Ein Produkt dieser Arbeit ist der Sammelband „Debating Arab Authoritarianism“ (Stanford University Press, 2007). Diese Forschung ist deshalb relevant, weil sie regionale Besonderheiten anders zu erklären vermochte als durch die vielfach ins Feld geführte, aber unhaltbare These einer Unverträglichkeit von Islam und Demokratie. Letztere würde eine Unabänderlichkeit dieser Herrschaftsform in dieser Weltregion bedeuten, gegen die ich gemeinsam mit etlichen Fachvertretern dies- wie jenseits des Atlantiks seit mehr als zehn Jahren anschreibe.

Illusion von Stabilität

Bei aller Euphorie jedoch über die friedlichen Demonstrationen in Kairo und Tunis: Bis heute hat noch kein arabisches Land eine erfolgreiche Demokratisierung durchlaufen. Zwei von 22 Diktatoren haben ihr Amt zähneknirschend aufgegeben, aber Ägypten und Tunesien stehen erst am Anfang eines langen Weges mit unsicherem Ziel.

Damit kommt der Begriff der „politischen Stabilität“ ins Spiel, der wissenschaftlich nicht eindeutig definiert ist, dafür aber in der politischen Praxis umso größere Bedeutung besitzt: Stabilität, so erklärten uns die Außenpolitiker von Washington bis Berlin, sei im Orient wichtiger als Demokratie, denn davon hingen nicht zuletzt unsere Volkswirtschaften nach wie vor alternativlos ab. Keine politische Stabilität, kein Erdöl. Dass aber unter Bedingungen, in denen das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft latent, aber massiv konfliktgeladen ist und die Staaten seit Jahren zu den repressivsten weltweit zählen, mit der Stützung von Diktaturen von außen allenfalls eine Illusion von Stabilität zu erreichen ist, haben Kollegen und ich den tauben Ohren von Politikern wieder und wieder zu erklären versucht; ohne Erfolg.

Externe Stützung von Diktaturen

Dass, wie wir erklärten, nur teilweise umgesetzte Wirtschaftsreformen zwar eine superreiche, politisch angebundene Elite auf geschlossenen Märkten entstehen ließen, aber auch die Schere zwischen Arm und Reich rapide auseinanderklaffen ließen - was soziale Spannungen zusätzlich verschärfte und die Legitimationsbasis der Regime erodierte -, hörten die Verfechter der neoliberalen Blaupause in den internationalen Finanzinstitutionen ebenso ungern wie die staatlichen Wirtschaftsförderer.

Dennoch: Uns Politologen darf man sicher vorwerfen, dass wir zu sehr auf Vorgänge innerhalb der staatlichen und ökonomischen Eliten achteten. Dass wir möglicherweise doch hätten prophezeien können, wann die soziale Explosion eintreten würde, hätten wir intensiver die Blogs der Jugendlichen gelesen. Politische Stabilität, das zeigt sich heute dramatisch, ist mit der externen Stützung von Diktaturen, die bei den Bürgern verhasst sind, nicht zu erreichen.

Härtere Nüsse zu knacken

Doch viele Faktoren, die arabische Autokratien in der Vergangenheit so lange haben überleben lassen, bestehen weiter: Die Verquickung politischer mit wirtschaftlicher Macht ist nicht durch ein paar eingefrorene Herrscherkonten aufgehoben; die hohen Ressourcenströme, die als Erlöse aus Öl- und Gasexporten in die Region fließen und ein Hindernis für Demokratie darstellen, akzentuieren sich derzeit sogar; die überwiegend informell aufgebauten sozialen Netzwerke und Klientelstrukturen werden nicht durch Demonstrationen abgebaut oder transformiert. Und während die Mehrheit der arabischen Länder Kurskorrekturen unter alten Herrschaftseliten vornimmt, bleibt offen, wie der weitere politische Werdegang Ägyptens, Tunesiens und Jemens aussieht.

Daher ist es verfrüht, eine Demokratisierung der arabischen Welt vorherzusagen. Was ich im vergangenen Sommer gemeinsam mit meiner Ko-Autorin Nadine Kreitmeyr postulierte, gilt uneingeschränkt weiter: „Wohlmeinende Demokratieförderer werden daher im Vorderen Orient auch in den nächsten Jahrzehnten, wenn nicht auf Granit beißen, so doch deutlich härtere Nüsse zu knacken haben als in den meisten anderen Teilen der Welt.“

Dauerhaftigkeit autoritärer Herrschaft

Hat aber die Wissenschaft nicht dennoch in der Prognostik versagt? In einem Beitrag in dieser Zeitung hat Adrian Lobe (siehe Irrtum der Politologen: Die Wissenschaft vom stabilen Orient) das behauptet und am Beispiel meiner Arbeit stellvertretend die Politikwissenschaft insgesamt ins Lächerliche zu ziehen versucht. Drei weitere namentlich kritisierte Kollegen stehen leider alle nicht mehr im Berufsleben beziehungsweise sind verstorben. Insbesondere die Lebenswerke zweier amerikanischer Kollegen, David Easton und Seymour Lipset, werden auf eine wohlfeile, aber inhaltsfreie Halbsatz-Sentenz reduziert und mit der Frage abgetan „Wie banal darf Wissenschaft sein?“.

Ich frage mich: Wie kenntnisfrei darf Kritik sein? Easton und Lipset gehören zu den Grandseigneurs der Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts wie Weber, Schumpeter oder Durkheim. Easton prägte überhaupt das Konzept des „politischen Systems“, Lipset gilt als eines der Schulhäupter der Modernisierungstheorie, die ihrerseits Generationen von Soziologen, Volkswirten und Politologen prägte. Sie mit linkshändig verteilten Ohrfeigen abzuwatschen, würde auch berufeneren Geistern misslingen.

Mir selbst wird unter Berufung auf eine zweitrangige Veröffentlichung fälschlich unterstellt, ich hätte der Reputation des Faches geschadet, weil ich mit meiner Ko-Autorin den orientalischen Regimen Stabilität, verstanden hier offenbar als Unabänderlichkeit autoritärer Herrschaft im Orient, prognostiziert hätte. Tatsächlich hatten wir einige Ursachen für die Dauerhaftigkeit autoritärer Herrschaft für Publikum jenseits der Fachwelt „vereinfacht skizziert“, wie wir betonten.

Selbstkritische Wissenschaftler

Der Beleg dafür, dass wir dabei völlig fehlgingen, besteht in einem einzigen Zitat, das ebenso falsch wie sinnentstellend ist: „Wohlmeinende Demokratieförderer werden daher im Vorderen Orient auch in den nächsten Jahrzehnten. . . auf Granit beißen.“ Klingt bekannt? Richtig, das Original zum Vergleich findet der geneigte Leser weiter oben. Was den Autor bewogen hat, mich unter Verletzung journalistischer Grundregeln derart tendenziös zu attackieren, bleibt schleierhaft. So wird man nicht zum Richter über eine ganze Disziplin, die man nicht überschaut.

Statt solcher Querschläger brauchen wir eine ernsthafte Debatte über angemaßtes Expertentum einerseits Expertise andererseits, sowie darüber, wie wir das Erste meiden und die Zweite fördern. Nicht bessere Thinktanks brauchen wir, sondern erstens weniger beratungsresistente Politiker, zweitens Wissenschaftler, die auch Selbstkritik üben dürfen, die aber relevant bleiben sollten, denn sie werden aus Steuern bezahlt, sowie drittens einen verantwortungsvollen Umgang der Medien mit Politik und Wissenschaft in diesem Spannungsfeld.

Oliver Schlumberger lehrt Politikwissenschaft an der Universität Tübingen.

Quelle: F.A.Z.
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