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Kritik an der DFG : Die freie Wissenschaft ist bedroht

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Wissenschaftsbetrieb im 16. Jahrhundert: Der „Alchemist“ aus der Nachfolge von Pieter Brueghel dem Älteren Bild: Archiv

Fördert die mächtige Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den Ideenklau und die Selbstbedienung? Transparenz ist für sie ein Fremdwort. Dieses Monopol ist bedenklich.

          1. Die Anamnese

          Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist ein Verein deutscher Universitäten und Wissenschaftsorganisationen (Forschungseinrichtungen, Akademien und wissenschaftliche Verbände). Ihr Zweck ist durch die Satzung bestimmt: Sie „dient der Wissenschaft in allen ihren Zweigen durch die finanzielle Unterstützung von Forschungsaufgaben und durch die Förderung der Zusammenarbeit unter den Forscherinnen und Forschern.“ Sie erhält Geld vom Staat, jedes Jahr etwa 2,5 Milliarden Euro. Dieses Geld verteilt sie an Forscher und Forschungseinrichtungen, vor allem für die Förderung von Forschungsprojekten. Daneben nimmt sie mit Geld Einfluss auf die Forschungsstruktur, namentlich durch die von ihr verwaltete Exzellenzinitiative, die Spitzenuniversitäten erhebliche Finanzmittel zuweist, aber ebenso durch die von der Förderung abhängige Errichtung von Sonderforschungsbereichen.

          Förderentscheidungen werden mehrstufig getroffen: Der Antrag wird von Fachwissenschaftlern begutachtet. Zentrale Entscheidung ist die Gutachterauswahl. Sie wird von der Geschäftsstelle der DFG in Bonn vorgenommen, letztlich selbstmächtig durch den Fachreferenten - und ist geheim. Nach welchen Maßstäben die Gutachterauswahl erfolgt, ob es Sperren für Missliebige und Unzuverlässige gibt oder ob bestimmte Gutachter besonders häufig zum Einsatz kommen, das alles ist unbekannt. Wir wissen auch nicht, ob eine wissenschaftliche Zusammenarbeit von Antragsteller und Gutachter zum Ausschluss führt. Nicht nur der Gutach-ter ist geheim; die Gutachten sind es auch. Allenfalls auszugsweise werden dem „Verlierer“ Begründungsaspekte von der Geschäftsstelle mitgeteilt.

          In der zweiten Stufe entscheiden dann „Fachkollegien“, die Antrag und Gutachten sichten und dabei auch ein Auge auf die Gutachterauswahl haben sollen. Diese Fachkollegien werden gewählt. Das Fach und damit das Wahlvolk wird vom Senat bestimmt. Das aktive Wahlrecht kommt den Professoren der deutschen Mitgliedsuniversitäten und promovierten Wissenschaftlern an Mitgliedsforschungseinrichtungen zu. Außerdem kann der Senat besonderen Wissenschaftlern ein Einzelwahlrecht verleihen (derzeit drei Prozent der Wahlberechtigten).

          Das passive Wahlrecht ist enger gefasst: Kein Wissenschaftler kann für ein Fachkollegium frei kandidieren und im Wahlwettbewerb um Stimmen kämpfen. Man muss vorgeschlagen werden - von den Mitgliedern, von Fachgesellschaften, denen der DFG-Senat das Vorschlagsrecht verliehen hat, vom Stifterverband oder von Leibniz-Preisträgern (die die DFG selbst kürt). Die Letztentscheidung über die Kandidatur trifft der Senat. Maßstäbe gibt die Wahlordnung nicht vor. So ist sichergestellt, dass die etwa 100 000 wahlberechtigten Wissenschaftler keine falsche Wahl treffen.

          Befürwortet ein Fachkollegium einen Antrag, so trifft die Letztentscheidung der Hauptausschuss der DFG oder ein besonderer Bewilligungsausschuss. Im Hauptausschuss sitzen 39 Senatoren, die überwiegend von den Mitgliedern gewählt sind; daneben 32 Wissenschaftsministeriale aus Bund und Ländern und zwei Repräsentanten des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

          Diese „Selbstverwaltung“ der Wissenschaft beruht auf schlechten historischen Erfahrungen. Die „Deutsche Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung“ war in der Zeit des Nationalsozialismus in den Führerdienst genommen und hat staatlich gelenkte Forschung für Rüstung und in Konzentrationslagern betrieben. Das wollte man 1951 besser machen und den Staatseinfluss eliminieren. Nachgerade bestätigt wurde diese Intention durch Erfahrungen mit der ebenfalls staatsdirigierten Forschungsförderung in der DDR. Die Konzeption der DFG fußt also auf der doppelt richtigen Einsicht, dass a) Forschungsförderentscheidungen der Wissenschaft eine Richtung geben und b) diese nicht vom Staat bestimmt werden darf. Wissenschaft ist ein Suchprozess. Wonach und wie zu suchen ist, kann keine Zentralinstanz wissen.

          2. Der Befund

          Die gute Absicht allein trägt nicht weit. Inzwischen ist aus der DFG eine große Organisation mit zahlreichen Gremien und mehr als 750 Beschäftigten geworden, ein Apparat. Er trägt behördenähnliche Züge, formalisiert seine Verfahren und entwickelt wie jede „Selbstverwaltung“ ein Eigeninteresse, das auch von Funktionärsdenken geprägt wird. Kritik wird hörbar, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Denn die DFG hat Macht - eine Macht, die nur scheinbar demokratisch von innen gebändigt wird und die sich auch keiner Kontrolle von außen unterwirft oder sich einer Diskussion mit der Öffentlichkeit oder gar dem Steuerbürger stellt, der das alles bezahlt. Immerhin kann die Öffentlichkeit über die sogenannte Gepris-Datenbank erfahren, welche Projekte gefördert worden sind.

          Das Informationsfreiheitsgesetz hingegen soll nicht anwendbar sein, weil die DFG ja nur ein Verein ist. Der Bundesrechnungshof kontrolliert die Mittelverwendung, doch erfährt die Öffentlichkeit darüber nichts, nicht einmal anonymisierte Beanstandungen oder Fehlleitungsquoten. Der Bundestag ist seines Budgetkontrollrechts enthoben, weil mit der Mittelzuführung an die DFG das Geld als „ausgegeben“ gilt und die weitere Verwendung und Verteilung keine Frage des Haushalts mehr ist. Überdies lässt sich fragen, ob die DFG eine im Grundgesetz nicht vorgesehene Mischverwaltung von Bund und Ländern etabliert und ob die Kulturhoheit der Länder dadurch beeinträchtigt wird, dass der Bund als Finanzier die Grenzen des Paragraphen 91b Grundgesetz überschreitet, insbesondere nicht nur vorhabenbezogene, sondern institutionelle Förderung von Hochschulen leistet.

          Externe Kontrolle findet praktisch nicht statt: Begutachtete Wissenschaftler erfahren nicht, welcher Gutachter über sie entscheidet. Das können auch Konkurrenten sein, die sich durch Abwertung einen Wettbewerbsvorteil versprechen. Eine Ablehnung wegen Befangenheit ist nicht vorgesehen, weil der Gutachter anonym bleibt - vorgeblich zu seinem Schutz.

          Die Begutachteten erfahren kaum etwas über den Inhalt, können sich damit nicht auseinandersetzen, können keine offensichtlichen Fehlannahmen korrigieren, keinen Widerspruch oder auch nur Gegenvorstellungen wagen; ihnen wird kein Gehör gewährt. So werden sie zum Objekt einer Forschungs- und Forscherbewertung. Zudem ermöglicht gerade die Geheimhaltung Kungeleien. Der Gutachter kann dem Antragsteller sein positives Votum signalisieren und inner- und außeruniversitäre Koppelungsgeschäfte anbieten.

          Während Anträge sorgsam evaluiert werden, findet eine vergleichbare Bewertung der Forschungsergebnisse nicht statt. Hat die Forschungssubvention den erhofften Ertrag gebracht? Sind Ergebnisse er-zielt worden, und wenn ja, haben sich diese angesichts des Geldeinsatzes „gelohnt“? Lassen magere Ergebnisse Folgerungen für die künftige Vergabe zu?

          Die DFG hat den Mangel erkannt und DFG-typisch scheinbehoben: Seit 2006 „erforscht“ das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) die Förderpraxis der DFG. Dabei gibt es nur ein kleines Problem: Das iFQ wird vollständig von der DFG finanziert, also von derjenigen Institution, die sie untersuchen soll. Dem Aufsichtsgremium des Trägervereins steht die DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek vor; seinem wissenschaftlichen Beirat Peter Weingart, ein selbst vielfach DFG-Geförderter.

          3. Selbstbedienung möglich

          Da in den Gremien der DFG nur die allerbesten Wissenschaftler versammelt sind, wundert es nicht, dass auch diese selbst Forschungsförderung erfahren. Der ehrenhafte Einsatz für die Wissenschaft darf nicht zur Fördersperre missraten. Sonst gewönne man nicht die Besten oder verlangte ihnen ein mönchisches Sonderopfer ab. Über die Förderung der Gutachter erfährt man nichts - weil Gutachter und Gutachten geheim sind. Allerdings kann jedermann über die Gepris-Datenbank recherchieren, welche Amtsträger ihrerseits in den Genuss einer Förderung kommen. So finden sich bei Matthias Kleiner, seit 2005 DFG-Vizepräsident und seit 2007 deren Präsident, zahlreiche und auch noch laufende Förderungen. Elisabeth Knust, Vizepräsidentin seit 2009, wird neben anderem ebenfalls seit 2009 mit einem Projekt zu den Fotorezeptorzellen des Zebrafisches gefördert.

          Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Nun soll man keine Selbstbedienung unterstellen. Das Problem liegt aber darin, dass man Selbstbedienung zumindest strukturell für möglich halten muss, weil Gutachter und Fachkollegien um die prominente Stellung wissen - der Antragsteller ist nicht anonym. Und weil es zweitens keine Transparenz in den Entscheidungsverfahren gibt. Überdies ist zu fragen, mit welchem Zeitbudget ein schon durch sein Amt stark belasteter DFG-Präsident gesegnet sein muss, der als Wissenschaftler für derart viele DFG-Projekte Forschungsverantwortung tragen kann.

          Das geht einher mit punktuellen konkreten Missgriffen, die Indiz für Fehlsteuerung sind. Das schlimmste Szenario ist der Ideenklau: Der Gutachter votiert gegen den Antrag, um dessen Kernidee als eigene Initiative einzureichen, mitunter auch in wortwörtlicher Übernahme. Hinzu kommen plagiatorische und betrügerische Anträge, die wahlweise bereits publizierte fremde Forschungsergebnisse als eigene Projektidee ausgeben oder eigenes Erforschtes als künftiges Projekt darstellen, um eine zukunftsbezogene Förderung für vergangene Leistung einzustreichen.

          Das ist Subventionsbetrug und ein Fall für den Staatsanwalt. Was macht die DFG: Sie spricht eine Rüge aus, in sehr seltenen Fällen auch einmal eine Antragssperre - achtet aber ansonsten sehr darauf, dass solche Kriminalität die edle Sphäre der Wissenschaft nicht verlässt. Täter werden durch Anonymität geschützt.

          4. Ein Monopol ohne Kontrolle

          Schließlich gelangt man zu zentralen Strukturproblemen der Wissenschaft, in die die DFG eingewoben ist: Wäre die DFG-Förderung nur das Sahnehäubchen auf der Melange einer staatlichen Grundfinanzierung der Forschung an Universitäten, so hätte sie nicht die forschungslenkende Wirkung, die sie hat. Indes fahren die Länder die Grundfinanzierung zurück und setzen gezielt auf Drittmittelzufluss. Der Forscher verbringt einen Gutteil seiner Zeit damit, Drittmittel einzuwerben, Anträge zu schreiben und auf einen Erfolg zu hoffen.

          Eine variable Beamtenbesoldung sorgt dafür, dass das Professorengehalt auch vom persönlichen Drittmittelerfolg abhängt. Damit wird der Hochschullehrer überall dort, wo Forschung aufwendig ist, wo man Großgeräte braucht, empirische Sozialforschung betreibt, wo er komplexe Editionen herausgeben will, von Drittmittelgebern abhängig. Der zentrale Drittmittelmonopolist aber ist - die DFG. Das kann eine ins Persönliche reichende Abhängigkeit erzeugen; allein die innere Unabhängigkeit bewahrt den Wissenschaftler davor, ein typisches Subventionsempfängerverhalten zu entwickeln und seine Forscherehre womöglich durch Verzicht zu festigen.

          Freilich kann man dies nicht von jedem erwarten. Ein nicht zu quantifizierender Teil der Wissenschaftler folgt dem Sog der Förderung und passt sein Verhalten an, wird also Drittmittel- oder DFG-kompatibel. Dementsprechend gewinnt die im Hauptausschuss festgelegte wissenschaftspolitische Ausrichtung der DFG eine klare Lenkungsfunktion. Werden dort interdisziplinäre Projekte, industriell verwertbare oder solche der Lebenswissenschaften bevorzugt, so werden die Antragsteller folgen.

          Das müsste im Rahmen einer offenen Diskussion geschehen; doch ist der Hauptausschuss ein kleiner Lenkungskreis, der nichtöffentlich tagt und entscheidet und seine Entscheidungen auch nicht begründet. Weil dort die geldgebende Politik mit 32 Mitgliedern präsent ist, ist Staatseinfluss nicht ausgeschlossen. Auch dagegen wäre im Prinzip nichts einzuwenden, doch fehlt jede parlamentarisch-demokratische Kontrolle. Die Ministerialagenten können nach eigenem Gutdünken Forschungskonzeptionen für die gesamte Bundesrepublik entwickeln - innerhalb eines privatrechtlichen Vereines, der niemandem verantwortlich ist.

          In der Wissenschaft werden vielfach „Interesseleitungen“ durch gewerbliche Drittmittelgeber diskutiert. Diese durch und durch berechtigte Diskussion nimmt die DFG bislang aus. Und das zu Unrecht. Jede begünstigende Einwirkung auf Wissenschaft bedarf der Transparenz. Dass die DFG keine konkreten Ergebnisse im Auge hat, ändert hieran nichts: Sie steuert Themen und Methodenwahl, neuerdings sogar die Sprache, und übt hierdurch strukturellen Einfluss aus.

          Hinzu kommt eine Ausweitung der DFG-Kompetenzen, teils auf politischen Wunsch, teils im Wege der Selbstermächtigung: Die DFG steuert gemeinsam mit dem Wissenschaftsrat die Exzellenzinitiative und damit die Hochschulstruktur in der Bundesrepublik durch eine Zweiteilung in Sonderuniversitäten und gewöhnliche. Sie fördert und schafft Graduiertenkollegs und wirkt damit in die autonome Promotionsgestaltung an Universitäten und Fakultäten. Die DFG schreibt die Gestaltung der Förderanträge bis in die Sprachgebung hinein vor und reglementiert dadurch Argumentationsstrukturen und Denkmuster in der Wissenschaft. Einzelne DFG-Mitarbeiter bieten bereits gewerbliche Seminare für erfolgreiche Antragstellung an. Und schließlich will die DFG im Rahmen ihrer Open-Access-Initiative die Vergabe von Fördermitteln an die elektronische Publikation binden - und sucht so, die wissenschaftliche Veröffentlichungskultur zu prägen. Von der Wissenschaftswiege bis zur -bahre befindet die DFG, was gute Wissenschaft sei. Das bedroht die individuelle Wissenschaftsfreiheit und das Fundament von Forschung und Lehre.

          5. Die Illusion der Selbstverwaltung

          Strukturell stellt sich die Frage nach der Verfassung der DFG als „Selbstverwaltung der Wissenschaft“: Sie ist erstens keine echte Selbstverwaltung, weil es politischen Einfluss durch Ministerialagenten in verschiedenen Gremien gibt, weil die Hochschulen und Forschungseinrichtungen die maßgebenden Mitglieder sind und nicht die Wissenschaftler und weil die Scheindemokratie den wählenden Wissenschaftlern nur das aktive Wahlrecht gibt, nicht aber das passive. Wahlen werden durch Wahlzulassung entschieden und nicht durch die Stimmabgabe. Wählen darf das Wahlvolk nur den, den die Gremien der DFG für wahlwürdig halten. Das läuft auf ein Kooptationsrecht hinaus.

          Den Senat und damit zugleich den zentralen Hauptausschuss wählen auch nicht die Wissenschaftler, sondern die Universitäten und Forschungseinrichtungen als Mitglieder der DFG. Und auch dort könnte Unvernunft herrschen, weswegen der Senat selbst durch eigene Vorschlagslisten darüber befindet, wer in den Senat wählbar ist. Als „Selbstverwaltung“ müsste die DFG die zuerst betroffenen Wissenschaftler als Mitglieder haben und nicht Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen, die eigene Interessen haben, die nicht notwendig mit jenen der Wissenschaftler übereinstimmen. Und als Selbstverwaltung dürfte die DFG gerade nicht das Wissenschaftlerindividuum in ein kollektives Steuerungssystem einbetten, das die individuelle Freiheit beschneidet. Die DFG ist keine Bundeswissenschaftskammer.

          6. Therapie

          Therapeutisch ist allen Radikallösungen eine Absage zu erteilen. Weder die Auflösung der DFG nebst Direktverteilung der Mittel als Bundeshochschulsubvention ist ein gangbarer Weg noch gar die Überleitung in einen europäischen Forschungsförderungsverbund, der mit noch mehr Bürokratie, höherem Verfilzungspotential und größerer Distanz zur Wissenschaft die skizzierten Probleme nur intensivierte.

          Erforderlich ist zunächst eine breite und öffentliche Diskussion über die interne Verfassung der DFG und ihre Rechtsgrundlagen. Eine Flucht in die privatrechtliche Organisationsform des Vereins darf weder parlamentarische Verantwortung und Kontrolle noch die Rechte der wissenschaftlichen Öffentlichkeit beseitigen. Zentrale Richtungsentscheidungen müssen öffentlich begründet und öffentlich diskutiert werden und dürfen nicht hinter verschlossene Türen gefällt werden.

          Wenn die DFG eine freie „Selbst“-Verwaltung der Wissenschaft sein soll, dann müssen die wesentlichen Beteiligungsrechte den Wissenschaftlern und nicht den Universitäten und Forschungseinrichtungen zukommen. Sie müssen ein freies passives Wahlrecht genießen und dürfen nicht von einer Kandidaturzulassung abhängen. Das mag Wahlen unbequemer machen, doch hat Legitimation ihren Preis.

          Erforderlich ist zweitens eine Rückbesinnung auf ein Mindestmaß an wissenschaftspolitischer Neutralität: Wenn der Staat gemeinwohlwichtige Forschungsvorhaben mit inhaltlichem Suchauftrag verbinden will - wichtig etwa in der medizinischen Forschung -, dann mag er das tun und sich hierzu bekennen. Die allgemeine Forschungsförderung hingegen muss ein Mindestmaß an inhaltlicher Neutralität wahren, darf nicht Forschungsförderung mit Forschungslenkungspolitik koppeln. Der „strukturellen Gefahr wissenschaftsinadäquater Entscheidungen“ (BVerfGE 111, 333) ist entschieden zu begegnen.

          Zentral ist die Forderung nach Transparenz: Transparenz in der Gutachterauswahl und in den Gutachten. Dass Fachreferenten der Geschäftsstelle die Gutachter freihändig auswählen und damit die zentrale Weichenstellung für das Qualitätsurteil programmieren, ist ein unhaltbarer Zustand. Dass Gutachter einen Anonymitätsschutz benötigten, ist nicht plausibel. Wissenschaftliche Rücksichtnahme ist kein Grund für Heimlichtuerei. Hochschullehrer erstatten in Berufungsverfahren über Kandidaten bewertend Bericht - ohne dass dies in ein Geheimverfahren verlagert wird. Jeder Kandidat und jeder Gutachter erträgt dies.

          Der Wissenschaft ist offene Kritik immanent; weswegen ausgerechnet Subventionsentscheider und -empfänger vor Kritik geschont werden müssten, ist unerfindlich. Noch unerfindlicher ist die Idee, Gutachter könnten nicht mehr „frei“ ihre Meinung sagen, wenn der Antragsteller über ihr Votum in Kenntnis gesetzt wird. Ein wenig Selbstbewusstsein darf man von demjenigen erwarten, der für sich wissenschaftliche Unabhängigkeit in Anspruch nimmt. Im Übrigen finden auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen nicht anonym statt. Wer Kritik äußert, muss sie auch selbst aushalten. Akademische Prüfungen im allgemeinen zeichnen sich da-durch aus, dass allenfalls der Prüfling, nie aber der Prüfer anonymisiert wird.

          Transparent muss Forschungsförderung aber auch gegenüber der Öffentlichkeit sein. Die DFG will eine offene elektronische Publikation für die von ihr geförderten Forschungsergebnisse; ihre Interna hingegen sollen von jeder Offenheit verschont bleiben. Ob persönliche Daten, etwa die Identität abgelehnter Antragsteller, offenbart werden sollten, ist zu diskutieren. Jedenfalls die Subventionsempfänger müssen - wie das über die Datenbank Gepris bereits geschieht - hinnehmen, dass ihre Identität aufgedeckt wird. Das Informationsfreiheitsgesetz muss auch für die DFG gelten.

          7. Unabhängige Kontrolle ist gut

          Transparenz muss schließlich gegenüber den beurteilten Wissenschaftlern greifen. Diese müssen wissen dürfen, wer sie und ihr Vorhaben wie beurteilt hat. Wenigstens grobe Beurteilungsfehler müssen überprüfbar gemacht werden.

          Die DFG selbst muss eine Kontrollabteilung erhalten, deren Unabhängigkeit und deren Kompetenzen über den jetzigen Ausschuss zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens hinausgehen. Straftaten bei der Antragstellung, aber auch bei der Bewertung und Bewilligung von Anträgen müssen geahndet werden - und das nicht durch eine interne Rüge, sondern im öffentlichen Strafverfahren. Wie in den Vereinigten Staaten muss Fehlverhalten aufgedeckt und öffentlich diskutiert werden; nach dem Schock des Fälschungsskandals Hermann/Brach ist die DFG leider zurückverfallen in ein von feudaler Rücksichtnahme geprägtes Krisenmanagement.

          Unter Compliance-Gesichtspunkten ist zu überprüfen, inwieweit intransparente Entscheidungsstrukturen korruptionsanfällig sind und Spielräume für Koppelungsgeschäfte eröffnen. Für die Begutachtung von Forschungsvorhaben der Amtsträger ist durch Hinzuziehung ausländischer Gutachter größtmögliche Neutralität sicherzustellen. Die Bewertung der Förderarbeit der DFG muss ebenfalls von einer Institution vorgenommen werden, die vom Staat direkt finanziert wird, nicht auf Bewilligungen der DFG angewiesen und auch personell mit ihr nicht verflochten ist. Auch hier sind ausländische Wissenschaftler zu beteiligen, die sich einen externen Blick bewahrt haben. Und schließlich muss der Bundesrechnungshof die DFG effektiv prüfen und sein Prüfergebnis öffentlich machen.

          Das sind Vorschläge, die wir diskutieren wollen. An der grundsätzlichen Feststellung, dass die DFG als Organisation modernen Prinzipien guter Organisationsführung nicht entspricht, führt unseres Erachtens kein Weg vorbei. Es muss besser werden und damit anders - damit die DFG ihre Aufgabe künftig allein im Dienst der Wissenschaft versieht.

          Zur Vorgeschichte

          Am 1. Juli dieses Jahres fand, kurz vor der Jahreshauptversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), in Berlin eine Veranstaltung unter dem Titel „Freie Wissenschaft vs. geheime Wissenschaftsförderung. Zur Reform der DFG“ statt.

          Dort trugen unter anderen der Germanist und Editionsphilologe Roland Reuß (Universität Heidelberg) sowie der Jurist Volker Rieble (Ludwig-Maximilians-Universität München) ihre Kritik an den Strukturen der wichtigsten deutschen Förderorganisation für Forschung vor (F.A.Z. vom 6. Juli). Der Präsident der DFG, Matthias Kleiner, wies diese Kritik kompakt als „haltlos und absurd“ zurück. Wir haben beide Autoren um ihre Argumente gebeten, um in dieser Frage eine umfassendere Diskussion zu ermöglichen.

          Quelle: F.A.Z.

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