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Kritik an der DFG : Die freie Wissenschaft ist bedroht

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Zentral ist die Forderung nach Transparenz: Transparenz in der Gutachterauswahl und in den Gutachten. Dass Fachreferenten der Geschäftsstelle die Gutachter freihändig auswählen und damit die zentrale Weichenstellung für das Qualitätsurteil programmieren, ist ein unhaltbarer Zustand. Dass Gutachter einen Anonymitätsschutz benötigten, ist nicht plausibel. Wissenschaftliche Rücksichtnahme ist kein Grund für Heimlichtuerei. Hochschullehrer erstatten in Berufungsverfahren über Kandidaten bewertend Bericht - ohne dass dies in ein Geheimverfahren verlagert wird. Jeder Kandidat und jeder Gutachter erträgt dies.

Der Wissenschaft ist offene Kritik immanent; weswegen ausgerechnet Subventionsentscheider und -empfänger vor Kritik geschont werden müssten, ist unerfindlich. Noch unerfindlicher ist die Idee, Gutachter könnten nicht mehr „frei“ ihre Meinung sagen, wenn der Antragsteller über ihr Votum in Kenntnis gesetzt wird. Ein wenig Selbstbewusstsein darf man von demjenigen erwarten, der für sich wissenschaftliche Unabhängigkeit in Anspruch nimmt. Im Übrigen finden auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen nicht anonym statt. Wer Kritik äußert, muss sie auch selbst aushalten. Akademische Prüfungen im allgemeinen zeichnen sich da-durch aus, dass allenfalls der Prüfling, nie aber der Prüfer anonymisiert wird.

Transparent muss Forschungsförderung aber auch gegenüber der Öffentlichkeit sein. Die DFG will eine offene elektronische Publikation für die von ihr geförderten Forschungsergebnisse; ihre Interna hingegen sollen von jeder Offenheit verschont bleiben. Ob persönliche Daten, etwa die Identität abgelehnter Antragsteller, offenbart werden sollten, ist zu diskutieren. Jedenfalls die Subventionsempfänger müssen - wie das über die Datenbank Gepris bereits geschieht - hinnehmen, dass ihre Identität aufgedeckt wird. Das Informationsfreiheitsgesetz muss auch für die DFG gelten.

7. Unabhängige Kontrolle ist gut

Transparenz muss schließlich gegenüber den beurteilten Wissenschaftlern greifen. Diese müssen wissen dürfen, wer sie und ihr Vorhaben wie beurteilt hat. Wenigstens grobe Beurteilungsfehler müssen überprüfbar gemacht werden.

Die DFG selbst muss eine Kontrollabteilung erhalten, deren Unabhängigkeit und deren Kompetenzen über den jetzigen Ausschuss zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens hinausgehen. Straftaten bei der Antragstellung, aber auch bei der Bewertung und Bewilligung von Anträgen müssen geahndet werden - und das nicht durch eine interne Rüge, sondern im öffentlichen Strafverfahren. Wie in den Vereinigten Staaten muss Fehlverhalten aufgedeckt und öffentlich diskutiert werden; nach dem Schock des Fälschungsskandals Hermann/Brach ist die DFG leider zurückverfallen in ein von feudaler Rücksichtnahme geprägtes Krisenmanagement.

Unter Compliance-Gesichtspunkten ist zu überprüfen, inwieweit intransparente Entscheidungsstrukturen korruptionsanfällig sind und Spielräume für Koppelungsgeschäfte eröffnen. Für die Begutachtung von Forschungsvorhaben der Amtsträger ist durch Hinzuziehung ausländischer Gutachter größtmögliche Neutralität sicherzustellen. Die Bewertung der Förderarbeit der DFG muss ebenfalls von einer Institution vorgenommen werden, die vom Staat direkt finanziert wird, nicht auf Bewilligungen der DFG angewiesen und auch personell mit ihr nicht verflochten ist. Auch hier sind ausländische Wissenschaftler zu beteiligen, die sich einen externen Blick bewahrt haben. Und schließlich muss der Bundesrechnungshof die DFG effektiv prüfen und sein Prüfergebnis öffentlich machen.

Das sind Vorschläge, die wir diskutieren wollen. An der grundsätzlichen Feststellung, dass die DFG als Organisation modernen Prinzipien guter Organisationsführung nicht entspricht, führt unseres Erachtens kein Weg vorbei. Es muss besser werden und damit anders - damit die DFG ihre Aufgabe künftig allein im Dienst der Wissenschaft versieht.

Zur Vorgeschichte

Am 1. Juli dieses Jahres fand, kurz vor der Jahreshauptversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), in Berlin eine Veranstaltung unter dem Titel „Freie Wissenschaft vs. geheime Wissenschaftsförderung. Zur Reform der DFG“ statt.

Dort trugen unter anderen der Germanist und Editionsphilologe Roland Reuß (Universität Heidelberg) sowie der Jurist Volker Rieble (Ludwig-Maximilians-Universität München) ihre Kritik an den Strukturen der wichtigsten deutschen Förderorganisation für Forschung vor (F.A.Z. vom 6. Juli). Der Präsident der DFG, Matthias Kleiner, wies diese Kritik kompakt als „haltlos und absurd“ zurück. Wir haben beide Autoren um ihre Argumente gebeten, um in dieser Frage eine umfassendere Diskussion zu ermöglichen.

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