http://www.faz.net/-gqz-6ufjb

Kritik an der DFG : Die freie Wissenschaft ist bedroht

  • -Aktualisiert am

4. Ein Monopol ohne Kontrolle

Schließlich gelangt man zu zentralen Strukturproblemen der Wissenschaft, in die die DFG eingewoben ist: Wäre die DFG-Förderung nur das Sahnehäubchen auf der Melange einer staatlichen Grundfinanzierung der Forschung an Universitäten, so hätte sie nicht die forschungslenkende Wirkung, die sie hat. Indes fahren die Länder die Grundfinanzierung zurück und setzen gezielt auf Drittmittelzufluss. Der Forscher verbringt einen Gutteil seiner Zeit damit, Drittmittel einzuwerben, Anträge zu schreiben und auf einen Erfolg zu hoffen.

Eine variable Beamtenbesoldung sorgt dafür, dass das Professorengehalt auch vom persönlichen Drittmittelerfolg abhängt. Damit wird der Hochschullehrer überall dort, wo Forschung aufwendig ist, wo man Großgeräte braucht, empirische Sozialforschung betreibt, wo er komplexe Editionen herausgeben will, von Drittmittelgebern abhängig. Der zentrale Drittmittelmonopolist aber ist - die DFG. Das kann eine ins Persönliche reichende Abhängigkeit erzeugen; allein die innere Unabhängigkeit bewahrt den Wissenschaftler davor, ein typisches Subventionsempfängerverhalten zu entwickeln und seine Forscherehre womöglich durch Verzicht zu festigen.

Freilich kann man dies nicht von jedem erwarten. Ein nicht zu quantifizierender Teil der Wissenschaftler folgt dem Sog der Förderung und passt sein Verhalten an, wird also Drittmittel- oder DFG-kompatibel. Dementsprechend gewinnt die im Hauptausschuss festgelegte wissenschaftspolitische Ausrichtung der DFG eine klare Lenkungsfunktion. Werden dort interdisziplinäre Projekte, industriell verwertbare oder solche der Lebenswissenschaften bevorzugt, so werden die Antragsteller folgen.

Das müsste im Rahmen einer offenen Diskussion geschehen; doch ist der Hauptausschuss ein kleiner Lenkungskreis, der nichtöffentlich tagt und entscheidet und seine Entscheidungen auch nicht begründet. Weil dort die geldgebende Politik mit 32 Mitgliedern präsent ist, ist Staatseinfluss nicht ausgeschlossen. Auch dagegen wäre im Prinzip nichts einzuwenden, doch fehlt jede parlamentarisch-demokratische Kontrolle. Die Ministerialagenten können nach eigenem Gutdünken Forschungskonzeptionen für die gesamte Bundesrepublik entwickeln - innerhalb eines privatrechtlichen Vereines, der niemandem verantwortlich ist.

In der Wissenschaft werden vielfach „Interesseleitungen“ durch gewerbliche Drittmittelgeber diskutiert. Diese durch und durch berechtigte Diskussion nimmt die DFG bislang aus. Und das zu Unrecht. Jede begünstigende Einwirkung auf Wissenschaft bedarf der Transparenz. Dass die DFG keine konkreten Ergebnisse im Auge hat, ändert hieran nichts: Sie steuert Themen und Methodenwahl, neuerdings sogar die Sprache, und übt hierdurch strukturellen Einfluss aus.

Hinzu kommt eine Ausweitung der DFG-Kompetenzen, teils auf politischen Wunsch, teils im Wege der Selbstermächtigung: Die DFG steuert gemeinsam mit dem Wissenschaftsrat die Exzellenzinitiative und damit die Hochschulstruktur in der Bundesrepublik durch eine Zweiteilung in Sonderuniversitäten und gewöhnliche. Sie fördert und schafft Graduiertenkollegs und wirkt damit in die autonome Promotionsgestaltung an Universitäten und Fakultäten. Die DFG schreibt die Gestaltung der Förderanträge bis in die Sprachgebung hinein vor und reglementiert dadurch Argumentationsstrukturen und Denkmuster in der Wissenschaft. Einzelne DFG-Mitarbeiter bieten bereits gewerbliche Seminare für erfolgreiche Antragstellung an. Und schließlich will die DFG im Rahmen ihrer Open-Access-Initiative die Vergabe von Fördermitteln an die elektronische Publikation binden - und sucht so, die wissenschaftliche Veröffentlichungskultur zu prägen. Von der Wissenschaftswiege bis zur -bahre befindet die DFG, was gute Wissenschaft sei. Das bedroht die individuelle Wissenschaftsfreiheit und das Fundament von Forschung und Lehre.

Weitere Themen

Wissenschaft mit Technik statt Tierversuchen Video-Seite öffnen

Nach Skandal : Wissenschaft mit Technik statt Tierversuchen

Deutsche Autobauer wie VW oder Daimler ließen Affen stundenlang Abgase einatmen, um zu zeigen, dass die Gase sauber sind. Auch in anderen Branchen wie der Pharmazeutik werden Tests an Tieren gemacht. Muss das noch so sein?

War das den Ärger wirklich wert?

Abgasversuche : War das den Ärger wirklich wert?

Eine Studie über Stickoxide sorgte für Zoff. Doch in der Umweltmedizin sind solche Expositionstests mit Menschen in Versuchskammern gang und gäbe. Allerdings nicht unbedingt mit diesen Rahmenbedingungen.

Trotz Rekordkurs bangt Daimler vor der Zukunft Video-Seite öffnen

Jahres-Pressekonferenz : Trotz Rekordkurs bangt Daimler vor der Zukunft

Daimler verzeichnete im vergangenen Jahr einen Absatzzuwachs von neun Prozent. Dennoch blickt der Konzern vorsichtig in die Zukunft: Der Skandal um Tier- und Menschenversuche mit Dieselabgasen, das Diesel-Fahrverbot und die Forschung an neuen Technologien fordere Milliardenkosten.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.